Im Spinnhaus – Kerstin Hensel


Ein wenig half mir dieses etwas eigenartige aber auch außergewöhnliche und interessante Büchlein, mich mit der Herkunftsregion meiner Familie zu versöhnen. Das Spinnhaus steht seit 1860 tief im Erzgebirge, nahe der Kreisstadt Schwarzenberg, in der meine Eltern groß geworden sind und wo ich viele Monate meiner Kindheit verbrachte.
Vieles dort störte mich damals schon und je älter ich wurde, entdeckte ich immer mehr unangenehme Eigenarten der dortigen sächsischen Population. Viele meiner Beobachtungen fand ich nun bei der Lektüre dieses Romans bestätigt – aber ich durfte auch Charaktere kennen lernen, denen die Enge und Engstirnigkeit des Waldes ebenfalls als zu klein für ihr Leben erschienen. So wie meinen Eltern, die, Gott sei’s gedankt, rechtzeitig vormeiner lustvollen Zeugung den Absprung in die Zivilisation schafften.  Weder das Spinnhaus als Gebäude noch das Buch erfüllen unsere Erwartungen an die bekannten Exempel ihrer jeweiligen Gattung. Im Haus, abseits des Dorfes, wohnen von Anfang an fast ausnahmslos die Stranger der damaligen Zeit: Vertriebene, Stumme, Schrullige, Außenseiter, Alleinerziehende… Das Bucherzählt von diesen Gestalten, aber nicht chronologisch, und zumindest auf den ersten Blick fehlt den einzelnen Geschichten der Zusammenhang. Doch wird man bald feststellen, dass die Schicksale der einzelnen Familien eng miteinander verknüpft sind und so kann man Personen, die man bereits kennt später oft in einer anderen Episode wieder treffen.
Umrahmt werden die einzelnen Erzählungen vom wiederholten Auftauchen eines Bären, der immer wieder seinen Weg aus Böhmen durch den dichten Wald nach Neuwelt findet. Auch wenn dieses Szenario sehr unwahrscheinlich ist (der letzte Bär des Erzgebirges wurde bereits im frühen 18. Jahrhundert erlegt) so gibt dies doch dem Roman ob seiner damit einhergehenden Mystik auch eine ganz eigene Würze.
Doch kommen wir nun zu den eigenartigen Menschen, von denen dieses Büchlein handelt und lebt. Was wir über diese lesen, geht mitunter sehr weit über die objektive Wahrheit (mal angenommen, es gäbe diese überhaupt ) hinaus. Oft greifen Vorurteile der Mitmenschen, vom Neid böse beeinflusstes Getratsche und hinterwäldlerische Unkenntnis der Welt in die Geschehnisse mit ein. So erfahren wir, dass die 59-jährige Uhlig-Trulla, von einem Bären geschwängert, bis ins hohe Alter hinein trächtig bleibt ohne je zu gebären, wir lesen davon, wie die kleine Zschiedrich-Lotte von den alten Weibsen des Spinnhauses gequält wird, erleben mit, wie deren Tochter viele Jahre später pilzvergiftet eingeht und werden in die vielfältigsten Verstrickungen, die 2 furchtbare Weltkriege mit sich bringen, verwickelt. Es war ein schweres Leben, das die „armen Leit“ hier fristeten. Doch wenn dann Weihnachten herankommt, ahnt man etwas vom Besonderen der erzgebirgischen Adventszeit. Wenn die drei ältesten Weibsen des Spinnhauses ihre herrlich feuchten und zentimeterdick mit Zucker und Butter bestrichenen Stollen auf dem Schlitten ins „Rilpsstübel“ bugsieren, kommen auch in mir kindliche Erinnerung an abendliche Spaziergänge durch lichterbogenerleuchtete Straßen und knirschenden Schnee zum Vorschein. Dann schmecke ich das Weihnachtsgebäck förmlich und werde friedvoll.
Denn wenn ich an die Menschen und ihre Eigenarten in dieser seltsam rückständigen Region denke („Jaja, die Neecher sinn itze ieberall“) fällt mir das Versöhnliche nicht immer leicht. Auch heute noch ist es hier unabdingbar, dass die Fenster jederzeit blitzeblank geputzt sind (damit man die Nachbarn immer gut beobachten und über sie lästern kann), der Grabstein der teuerste ist und man im Advent in jedem Fenster einen Schwibbogen stehen hat. Wehe dem, der sich diesen Gesetzen widersetzt! Doch kommt dann die Weihnachtszeit heran, wird für kurze Zeit alle Missgunst zur Seite geschoben: „Einmal im Jahr rückte man hierorts so zusammen, dass man glauben wollte, nur für diese Stunde zu existieren“.

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