Im Mittelmeer ertrunkene Hilferufe

Über die naive Vorstellung, Flüchtlinge hätten eine Lobby.
Wir sind kein Einwanderungsland, sagte der Delegierte Großbritanniens. Und die Delegierten anderer Länder wiesen darauf hin, dass die Aufnahme von Flüchtlingen zu rassistischen Reflexen bei der Bevölkerung führen könnte. Durchlotsen wolle man die Flüchtlinge zwar gerne. Aufnehmen aber nicht. So druckste die Weltgemeinschaft 1938 in Evián herum. Geschichte wiederholt sich nicht - die Stimmen klingen aber manchmal verdammt ähnlich.
Im Mittelmeer ertrunkene HilferufeDamals ging es um die Juden, die man aus dem Großdeutschen Reich gedrängt haben wollte. Noch war die Massenvernichtung nicht absehbar. Die soziale Vernichtung aber, Berufsverbote und Bevormundung in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens, waren schon Realität. Ob damals wohl auch jemand, so wie jetzt der amtierende deutsche Innenminister, vor Armutseinwanderern warnte? Ob einer sagte, es könne und dürfe nicht sein, dass Juden nur das Land wechseln, weil sie wieder einen Arbeitsplatz haben wollten? Borniertheit war damals auch am Werk. Sie war nur nicht ganz so vorlaut.

Die Industrienationen tun sich mit Flüchtlingen nur leicht, wenn sie sich in weiter Ferne auf den Marsch machen. Wenn sie vom Sudan in den Tschad oder nach Äthiopien flüchten, dann leistet man humanitäre Hilfe und läßt auf Spendengelder angewiesene NGOs ausschwärmen. Mit Flüchtlingen vor der Haustüre tut man sich schwer. Solange Flüchtlinge lediglich Wanderer auf fernen Kontinenten sind und nicht temporär begrenzte Einwanderer, solange ist man auch hilfsbereiter. Solange bekämpft man die Folgen der Flucht und nicht die Flüchtenden.
Das ist in Lampedusa so. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze. In Ceuta und Melilla. Vor der australischen Küste. Europa hat sich diese "pazifische Lösung" mit Insellagern und Sicherheitspersonal von Australien, diesem Land mit der freundliche Aura und dem coolen Surferherz, abgeschaut.
Überall dort wird nichts gegen die Flucht getan. Man bekämpft die Flüchtlinge, zwingt sie auf andere, auf gefährliche Fluchtwege, schafft so die Ursache für überfüllte Boote, die dann total überladen aufs offene Meer hinaustreiben. Gelingt es ihnen doch europäischen Boden zu erreichen, winkt als Belohnung für die gelungene Flucht ein Vegetieren in einem (wasserumspülten oder in der Ödnis liegenden) Vorhof zur Hölle. Was den Entbehrungen der Flucht nicht gelang, gelingt dann oft der eigenen Hand. Die Selbstmordrate ist in Flüchtlingslagern stark erhöht.
Das Flüchtlingsleid ante portas weckte in den westlichen Ländern niemals Mitgefühl, sondern immer nur eine hektische Angst, die dann in besitzstandswahrende Beißreflexe ausartet. Parolen, wonach es dann nicht mehr für alle reicht, wonach das Boot voll sei, lähmen das Hineinfühlen, bremsen das Mitleid aus. Aus dem sich aufdrängenden Moment der Mitmenschlichkeit destilliert sich aus einer Art furchtsamen Selbsterhaltungstrieb heraus ein egoistischer Impuls. Wer glaubt, der Mensch zeige sich hier edel, hilfreich und gut, der ist naiv.
1938 notierte die Presse, dass Evián rückwärts geschrieben naive heißt. Und das waren damals all die, die meinten, das Leid der Juden würde eine globale Hilfsbereitschaft auslösen. Naiv sind heute auch jene die annehmen, die Bilder ertrunkener Flüchtlinge würden Europa erweichen. Anfangs natürlich. Die Macht der Bilder ist unmittelbar. Im Gewirr mahnender Hardliner-Stimmen wird aus dem weichen Herz schnell eine Mördergrube. Außerdem hat man ganz genau gewusst, was es bedeutet, die europäische Peripherie zu einer Festung zu machen. Nur weil Flüchtlinge über Bord gehen, sieht man dann voller kalter Vernunft ein, muss man noch lange nicht dieses Frontex-Konzept ebendorthin gehen lassen.
Wir können nicht alle aufnehmen, denen es schlechter als uns geht, sagt die Hasselbach von der CSU und tut es ihrem Parteikollegen und Innenminister gleich. Sie deuten diese transmediterranen Hilferufe um, machen daraus eine bikontinentale Neiddebatte. Als kämen die Leute aus Afrika nur über das Meer, weil sie Sozialhilfe wollten. Das Mittelmeer hilft der Friedensnobelpreisträgerin - der Europäischen Union - regelmäßig, diese Hilferufe zu ertränken. Mit ihnen ertrinken Hoffnungen auf ein menschenwürdigeres Leben, auf Sicherheit und Perspektiven. Für Leute wie Friedrich ertrinken dort nur potenzielle Hartz IV-Empfänger. Es ist diese Interpretation von Flucht, die den Diskurs vergiftet. Die gleichgültig macht und wegsehen läßt.
Das was den Juden in Deutschland geschah, ist nicht mit dem zu vergleichen, was die Menschen in Afrika zu Flüchtlingen degradiert. Die Stimmen, die das Phänomen begleiten, sind aber ähnlich. Es gibt in der westlichen Welt eine große Tradition, nicht die Gründe der Flucht bekämpfen und das daraus entstehende Leid lindern zu wollen, sondern die Flüchtlinge als die Verantwortlichen der ganzen Angelegenheit hinzustellen.
Aber was solls! Morgen kräht ohnehin kein Journalist mehr danach. Zehntausende Menschen aus Afrika sind in den letzten Jahrzehnten im Mittelmeer ertrunken. Für Zehntausende endete ihre Odysee mit dem Tod. Jetzt hat es mal wieder viele im selben Augenblick erwischt und wir starren fassungslos nach Lampedusa. Als Papst Franz neulich auf Lampedusa eintraf, um die Menschen vor Ort zu trösten, auf sie aufmerksam zu machen, rangen sich nur wenige Medien durch, davon zu berichten. Mehr als eine kurze Meldung vernahm man kaum. Man fand eher, dass dieser Papst ein Populist sei, weil er den Elfenbeinturm seines Vorgängers verlassen hatte, um durch den Morast des irdischen Jammertals zu waten. Flüchtlingsverbände mahnen außerdem das ganze Jahr über, ohne dass man ihnen Gehör schenkt.
Es muss eben immer erst etwas passieren, bis etwas passiert, weiß schon der Volksmund. Und dann passiert was in der Medien-Demokratie. Es gibt im Empörungsstil gehaltene Berichte und davon aufgeschreckte Bürokraten. Morgen ist dann wieder alles vergessen. Die nächste Sau bitte! Durch welches Dorf geht es diesmal?
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