II Eine Debatte in ZEIT online zu "Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod?"DIE REVOLUTIONIERUNG DER WELT DURCH DIE „NEUE PHYSIK“

DIE REVOLUTIONIERUNG DER WELT DURCH DIE „NEUE PHYSIK“
Konsequenzen eines neuen Paradigmas
Ausgangspunkt bei unserer Diskussion, wo es um Grenzphänomene, aber auch um den „harten Kern unseres Wissens“ geht, muss sein, was am schönsten C. F. von Weizsäcker formuliert hat:: „Nüchternheit ist erforderlich. Selige Sehnsucht aber - das sollt ihr niemand sagen, nur den Weisen... Die Wissenschaft führt an die Schwelle einer Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt. Dies ist vernünftig. Das begriffliche Denken kann einsehen, dass es den Grund seiner Möglichkeit nicht begrifflich bezeichnen kann.“
(Zitiert in „Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod“, Bod 2010: http://www.bod.de/index.php?id=296&objk_id=297277)
 und
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Zusammenfassend könnte man vielleicht sagen: Es gibt gewisse interpretierbare Fakten, die darauf hinweisen, dass wir nach dem Tode nicht vernichtet werden. Doch die Antwort auf diese Frage lautet immer noch: Es lässt sich „wissenschaftlich“ nicht beweisen. Dass die Welt in ihrer „Substanz wesentlich Subjekt“ sei, wie Hegel lehrt, ist und bleibt eine Sache des Glaubens, auch wenn noch soviel empirisches „Beweismaterial“ angehäuft wird. Glaubende, ja, persönlich Überzeugte etwa von der Wiederverkörperung, waren nicht nur Buddhisten und Pythagoräer, sondern auch so große Geister wie Platon, Cicero, Spinoza, Goethe, Rousseau, Schopenhauer; Novalis meinte, in der Zeit Christi einmal gelebt zu haben, Stefan George im alten Spanien. „Die Seelen im jenseitigen Ort wählen den Leib ihrer Wiederverkörperung, damit ihre Affekte und ihr Schicksal selbst.“ Eine tiefsinnige Lehre... „Wer aber ist das Subjekt dieser Wahl?“ fragt C. F. von Weizsäcker in seiner Einleitung zu dem Buch des indischen Yogi Gopi Krishna „Biologische Basis der Glaubenserfahrung“ und bezeugt: „Die Naturwissenschaft ist heute außerstande, etwas dazu zu sagen.“ Das ist ein Manko, denn: „Solange der Blick nicht auf die Subjektivität der Natur gefallen ist, ist unsere Wissenschaft nicht volle Naturwissenschaft“. Doch entsteht bekanntlich ein Teufelskreis, wenn wir hier den Ausbruch versuchen, sitzen wir doch im Gefängnis der erkannten und technisch umgesetzten Gesetze, die die Bedingung unserer Erfahrung als Subjekte sind. Vorerst werden wir gleichzeitig getrennt und durch diese Trennung hingeführt zum Subjekt der Natur; über den eigenen Schatten aber können wir nicht springen.
Die Parapsychologie aber muss eine „Parascience“, ein „Zwischending“ bleiben, und die brisantesten Phänomene Grenzgebiet der Grenzgebiete. Sonst läuft sie eben Gefahr, auch den kleinen von ihr eroberten „wissenschaftlichen“ Boden unter den Füßen zu verlieren - und damit jene Existenzberechtigung, derer es durchaus bedarf, nachdem in einem rund vierhundert Jahre währenden Wettstreit zweier Kulturen, der naturwissenschaftlich-rationalen und der geisteswissenschaftlich-humanen, an die alles delegiert wurde, was mit dem „unzuverlässigen“ Subjekt zu tun hatte, der rationalistische Scientismus alles andere verdrängte. Keine Hoffnung auf ein lebensnotwendiges Gleichgewicht hat sich bisher bestätigt, im Gegenteil: sie schlägt heute in apokalyptische Visionen um. Was Wunder, dass das Pendel nun in die Gegenrichtung auszuschlagen droht, wovon gerade auch die Massenwirksamkeit von Psi und sein missverstandener Suprarealismus profitieren?
Damit kehren wir zum Anfang unserer Untersuchung zurück: Zur Objektivitätskrise, die eben durch jene Wissenschaft hervorgerufen wurde, die den Bruch zwischen Subjekt und Objekt eingeleitet hatte: die Physik. So sind es vor allem ihre bedeutendsten Vertreter, die heute fragen, wie die „kulturgebundene Blickbeschränkung“ (v.Weizsäcker) der Wissenschaft, die durch die Ausklammerung des Subjekts entstanden ist, allmählich aufzuheben sei. Einstein wusste und hat es ausgesprochen, dass jenseits der Relativitätstheorie die experimentelle Beweiskette nur durch Logik fortgesetzt werden kann. Und Werner Heisenberg hat noch im Jahre seines Todes auf seine mit Wolfgang Pauli aufgestellte Weltformel verwiesen: Elementarteilchen sind letztlich Strukturen, und die Suche etwa nach einem materiellen Ur-Teilchen, dem Quark, ist ein unglückliches Erbe „schlechter Philosophie“ in der Tradition Demokrits. Das eigentlich und letztlich Reale seien „Darstellungen von Symmetriegruppen, die den symmetrischen Körpern der platonischen Lehre gleichen“ (in seinem Vortrag auf der Frühjahrstagung 1975 der Deutschen physikalischen Gesellschaft: Was ist ein Elementarteilchen?).
Nicht nur Heisenberg greift auf Platon zurück, um auszudrücken, was er mit seiner Weltformel meint ; auch andere Physiker wandten sich zu Formeln alter Weisheit, um zu jener „Ideologiefreiheit“ zu kommen, die schon am Anfang der modernen Wissenschaftsgeschichte Bacon ausgesprochen hat: Dass Unreinheit unseres eigenen Geistes der Ursprung allen Irrtums sei. Das Eingeständnis des Nicht-Wissens ist also nach wie vor höchste abendländische Tugend. Darin trifft sich Quantenphysik und alte Philosophie bis hin zu Sokrates . In diesem Sinne wird etwa die Wahrscheinlichkeitsrechnung zur Stunde (als Ersatz für unser Nicht-Wissen dessen, was zwischen Subjekt und Objekt geschieht) als Erkenntnismittel für die doppelte Kluft unserer Unwissenheit eingesetzt. Dabei geht es fast diabolisch zu - alles, auch der Umweg, gar Irrweg scheint zum Ziel zu führen. Obwohl nur von „logischen Umformungen dessen, was wir nicht wissen, gesprochen werden kann, wird sich eine solche Aussage über unser Nichtwissen, als Häufigkeitsaussage interpretiert, empirisch bewähren“, erklärt ein so bedeutender Wissenschaftstheoretiker wie Karl Popper. Damit stößt letztlich auch die Wissenschaft in jene Bereiche vor, wo es sich zeigt, dass die Natur keinen Zufall kennt. Statistik erscheint nunmehr als Ersatz für die Subjektivität der Natur, ja für eine Art Schicksalsbegriff. Die Berechnung unseres Nichtwissens wird zum Wissen.
Auch der Psi-Forschung, die von der „anderen Seite“ kommt, hat die statistische Methode, die zuerst von J. B. Rhine in den USA angewendet wurde (Rateversuche mit Spezialkarten), die akademische Anerkennung eingebracht. Heute gehören die am besten abgesicherten Experimente in diesen Bereich. So vor allem Helmut Schmidts Zufallsgenerator und seine Erfolge mit dem Versuch, Quantengeschehen, Psi-Geschehen und ihre ähnlichen Gesetzmäßigkeiten in Wechselwirkung zu studieren. Denn nicht nur die Quantenmechanik hat gezeigt, dass jede Messung an einem atomaren System zu Störungen führt; auch die Ergebnisse der experimentellen Parapsychologie ließen sich in diesem Sinn interpretieren: Nach Schmidt weisen diese Ergebnisse darauf hin, „dass etwa ein statistisches atomares System nicht nur durch den Akt seiner Messung, sondern schon durch den reinen Gedanken eines Beobachters beeinflusst werden kann“.
Bei solchen Überlegungen stoßen wir zwangsläufig auf die Frage, die immer wieder von allen Seiten Animositäten hervorruft: Ob es überhaupt zulässig sei, Psyche und Physik zu „korrelieren“, da der eine Bereich auf den anderen ebenso wenig reduzierbar sei, wie sich Gefühle in Logarithmen ausdrücken lassen. Erinnern wir uns an Einsteins und Heisenbergs Überzeugung, dass wir am Grunde der Welt nur mathematische Formeln für Informationsprozesse finden werden. Und fügen wir das Wort von Bertrand Russell hinzu, dass wir über die Wirklichkeit „gerade so viel wissen, wie mit mathematischen Formeln ausgedrückt werden kann - aber über ihre Natur wissen wir nichts“. Ist dem aber so, wie sollten wir uns dann nicht wundem, dass wir von der Natur des Geschehens so wenig wissen und es doch beherrschen? (Letztlich ist ja auch das „normale“ Sehen genauso okkult wie Hellsehen, die „Natur“ des Lichtes genauso rätselhaft wie die „Natur“ von Psi.) Und wie sollten wir nicht eine Erklärung versuchen, indem wir das Bewusstsein (den „subjektiven Faktor“) in materielle Vorgänge einbeziehen, um uns Zugang zu Qualitäten zu verschaffen, die bisher immer streng von der Wissenschaft ausgeschieden wurden? Hat die analytische Verfahrensweise abendländischer Wissenschaft, die das Numerische zum neuen Gott erklärte, vielleicht ihr eigenes Paradigma mit dessen eigenen Mitteln überschritten und ist sozusagen mit mehr Wissen wieder am Beginn angekommen? Schließt sich hier ein Kreis?
Heute wohl doch noch nicht. Wir sind immer noch im Stadium einer „negativen Dialektik“. Die Gleichung dafür haben wir aufgrund von Störung oder gar Zerstörung von Wirklichkeit erhalten - alles, was der Westen der Natur abrang, ist durch mephistophelische Negation erkannt worden. „So ist ein Atom nicht ein System aus Kern und Elektronen, sondern man findet nur Kern und Elektronen, wenn man das Atom zerstört“, formuliert C. F. v. Weizsäcker. Letztlich hält uns also die Natur den Spiegel unserer eigenen Mittel und Instrumente vor, z. B. beim Experiment - doch ist aus eben diesem Wissen des Nichtwissens mehr Herrschaft und mehr Wissen geworden. Der Okzident hat mit seinem „Stückwerk“, den aus dem großen Zusammenhang gerissenen Natur-Zitaten, ein so hochempfindliches, deshalb auch störanfälliges Zivilisations-System und ein so sensibles Paradigma aufgebaut, dass dieses im Negativbild nun seine Mängel selbst anzeigt - als „ein Indikator für Anomalien und damit für die Gelegenheit zum Paradigmenwechsel“ (Thomas S. Kuhn). An den „Grenzen des Wachstums“ zeigt sich nun an, wie sehr eine Vernachlässigung der kosmischen Zusammenhänge, also des „Ganzen und Einen“ wider die Natur ist.
Die Menschheit hat dies durch die atomare und nun durch die ökologische Krise drastisch erfahren müssen.
DIE ZWEITE AUFKLÄRUNG.
Das Scheitern der Postmoderne und des Fortschrittsgedankens. Ein neues Paradigma, Ausgang an der Grenze unseres Wissens
Die besten Köpfe im Westen, wie Foucault oder Derrida, George Steiner, Paul Virilio oder am genausten vielleicht Jürgen Habermas in seiner schon 1984 erschienenen Untersuchung „Die Krise des Wohlfahrtsstaates und die Erschöpfung der utopischen Energien“, haben auf das Scheitern der Moderne und ihres Fortschrittsgedankens seit 1789 hingewiesen; und diese Skepsis gab es schon in der „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno. Was neu ist und bei Althusser bis in den Wahnsinn hinein durchlebt wurde, spricht auch Habermas aus, dass nämlich „die Erschöpfung utopischer Energien nicht nur eine der vorübergehenden kulturpessimistischen Stimmungslagen anzeigt, sondern tiefer greift. Sie könnte eine Veränderung des modernen Zeitbewusstseins überhaupt anzeigen.“ Dass sich nämlich die „Struktur des Zeitgeistes und der Aggregatzustand der Politik“ radikal verändern, dass wie vor 200 Jahren „die Paradieseshoffnungen mit der Verzeitlichung der Utopien ins Diesseits eingewandert sind“, so würden heute „die utopischen Erwartungen ihren säkularen Charakter verlieren“ und möglicherweise wieder transzendenten, grenzüberschreitenden Charakter annehmen, wie Habermas vermutet, um diese These dann sogleich zurückzunehmen, als habe er Selbstverrat geübt. Dass wir aber an einer Zeitgrenze angekommen sind, wie es auch bei Steiner oder Virilio anklingt, und wie es vor allem die moderne Quantenphysik und ihre längst im Hintergrund der Geschichte wirkende immaterielle Licht-Realität anzeigt, lässt sich nicht mehr leugnen, dass allerdings alte Theorie, Alltagsdenken und Politik hinterherhinken, ist auch offensichtlich. Das Unsichtbare nämlich ist heute mehr denn je die Hirnsyntax der Geschichte. Nicht nur die Tatsache der Vernichtung ist da, sondern damit verbunden ein radikaler Bruch mit der Körperwelt. (Doch auch ihr Aufstand, Aufstand der Enge in den Ethnien und alten Machtkonstellationen). Wenn nicht alles täuscht, steht seit einiger Zeit schon ein Paradigmenwechsel an. Unser Weltentwurf scheint an eine Grenze gekommen zu sein, wo es auf gewohnte begriffliche oder anschauliche und sinnliche Weise nicht mehr weiter geht. „Die Wissenschaft führt an eine Schwelle von Erfahrung, die sich der Meditation, aber nicht der Reflexion erschließt“, heißt es bei Carl Friedrich von Weizsäcker, „dies ist vernünftig. Das begriffliche Denken kann einsehen, dass es den Grund seiner Möglichkeit nicht begrifflich bezeichnen kann.“ Wenn hier also die Grenze unseres Weltentwurfs ist, wie soll es dann weitergehen? Auf die gleiche Weise, wie Quantentheorie, Elementarteilchenphysik und Relativitätstheorie das vorherige, das newtonsche Weltbild, damit das Kausalitätsgesetz, die bisherige Vorstellung von Raum und Zeit in Frage gestellt haben, müssten nun heute geltende „Naturkonstanten“ - die wichtigsten sind die „Lichtgeschwindigkeit“ und die Heisenbergsche „Unschärferelation“ - die die Möglichkeit des Forschers einschränken, überschritten werden. Dieses wäre - auch nach Ansicht der Experten - der Ansatz für den nächsten Weltentwurf: „Die Verbote der Überlichtgeschwindigkeit und der überreinen Fälle (Heisenbergs Formeln) fordern aber... den Forscher geradezu auf, nach den verbotenen Vorgängen zu suchen“. Tatsächlich ist schon jetzt der Wissenschaftsentwurf bei der Überlichtgeschwindigkeit angekommen, denn die Überschreitung der Lichtgeschwindigkeit ist in dem uns bekannten Bereich der Welt nur mentalen Prozessen möglich. Und diese Prozesse sind es heute, die mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte machen: Denken wird objektiv, lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch und beherrscht im Gerät die Natur und die Gesellschaft. Die Tatsache, dass es gelingt, durch mathematische Strukturen so weit vorzudringen, z.B. „Materie“ als „integrale Differentialrechnung in einem vierdimensionalen Raum“ zu fassen (nach Planck), in geistige Prozesse aufzulösen, zeigt deutlich, dass der Mensch und sein Wissen in eine andere, als in die Körperwelt gehören.
Nach 1989 wird dieser Bruch und Abgrund besonders deutlich, deutlich auch, dass es keinen Sinn hat, in alten ostwestlichen Spiegelungen zu denken, deren Vorspiegelungen nicht dadurch wahrer werden, dass die eine Seite angeblich Recht bekommen hat; die Folgen werden überall verheerend sichtbar. Nein, es geht um einen Epochenbruch, um die „historische Schranke und Krise des gemeinsamen Bezugsystems“, wie es in einem 1994 bei Reclam Leipzig erschienen Buch heißt („Der Marxismus in seinem Zeitalter“), nämlich weder den bisherigen Gewissheiten, weder seinen Sinnen, noch seinem Denken zu trauen. Für Louis Althusser, den französischen Philosophen, waren Denken, Vorstellungen durchtränkt von unbewussten Schranken, Verboten, Blindheiten. Bei Althusser etwa heißt es über unsere Blindheit, die schon beim Lesen (man sieht nur, was man weiß oder wissen darf) auftaucht, über das Problem des Nichtsehenkönnens von Wahrheit: „Der entscheidende Schritt, den man tun muss, wenn man den Grund des aus dem Sehen bezogenen Versehens, erkennen will, ist dieser: Man muss die Vorstellung, die man sich gewöhnlich von der Erkenntnis macht, überprüfen, den Mythos.“
Die Vorbedingungen sind uns vorgegeben durch die Barriere des eben so erzogenen und zensurierten Bewusstseins; eine ontologische und eine Erkenntniszensur! Wenn wir genau hinsehen, was Althusser letztlich als Ausgangspunkt der Analyse sah, und „kommunistisch“, „materialistisch“ nannte, ist der Schock eines Durchbruchs durch jede Art Zensur im Alltagsbewusstsein, aber vor allem in der Erkenntnis und Wissenschaft, also eines völlig ideologiefreien und illusionslosen Sehens und Denkens, das sich keinen Sand in die Augen streuen lässt. Es wäre die „universale Zerstörung ... aller subjektiven Humanvorstellungen“ der von klassenmäßigen Interessenlagen gelenkten Vorstellungen eines gefangenen Bewusstseins, so Etienne Balibar, der Meisterschüler Althussers (in: Ecrits pour Althusser, 1991); Balibar nennt den Durchbruch durch starr Bestehendes eine „négativité absolue“, die die so Gefangenen befreien könnte; er gehört ins Umfeld der „negativen Theologie“ und erinnert an Bacons Konzept der „Reinigung“ von allen „idola“ am Anfang der Wissenschaftsgeschichte. Bacon nahm „Unreinheit des Geistes“ als Ursprung allen Irrtums an, die Natur selbst lüge nie; Beschränktheit, samt allen „Antizipationen“, Vorurteilen, „idola“, müssten durch sorgfältige „Reinigung des Geistes“ aufgehoben werden (Aphorismen, 36,42,69). Selbst-Kritik bei Althusser, ja zerstörerische Kritik der Bewusstseins- und Ego-Illusionen einer kollektiven Halluzination sind so zu verstehen, Aufbrechen einer zum Ding der Außenwelt von Macht und Ware gewordenen Bewusstseins. Ähnlich wie Walter Benjamin, der andere mit Erkenntnis-Schock arbeitende historische Materialist, geht es auch Althusser, etwa in „Das Kapital lesen“, um eine „Geschichtspause“, um eine „Nicht-Gegenwart“, eine Geschichts-Absenz: Wie kann die ewige Wiederkehr des Gleichen, die immergleiche Kette von Unterdrückung und Herrschaft und ihr Status quo durchbrochen werden? In der Julirevolution wurde auf die Uhren geschossen. Drei Neuformulierungen dazu finden wir bei Althusser, und darin besteht, nach Balibar, Althussers Originalität: erstens: Weil die Verblendung zur Unterdrückung gehört, kann sie, solange diese andauert, nicht aufgehoben wer den, sie ist aber immer mehr unserem Bewusstsein entzogen; zweitens: Der oben beschriebene Prozess der „Reinigung“ ist eine theoretische Besinnung auf das Unmögliche, Erhellung, dass wir von Betrug und Lüge infiziert, das, was wir nicht sein dürfen und können, als Außenwelt, als Schein der Gegenwart leben müssen; dass drittens die Ursachen dessen, was als Schein da ist, tief ins Unbewusste gedrungen sind, dass dieses Unbewusste so als kollektiver Schein Geschichte macht, an den wir aber im Selbstbefehl sozusagen angeschlossen sind und „mitmachen müssen“, ob wir wollen oder nicht! Dass sich so der alte „Klassenkampf“ ins Unsichtbare, nämlich in diese drei Dimensionen verlagern müsste; eine Arbeit an dem „Absenten“ wäre.
Absenz, ja, Zugeständnis von Nichtwissen, Schock eines Aufwachens aus der Blindheit ist auch für einen anderen Historischen Materialisten, Walter Benjamin, der sokratische Beginn, der Prüfstein, dass wir auf dem richtigen Weg sind. In seinem Passagen-Werk ist es, wie Eckhard Nordhofen präzise definiert, „die Marxsche Theorie vom Warenfetischismus selbst, die sich als theoretischer Platzhalter für das mystische Erlebnis anbot“, die negative Theologie des Entzogenen in den Dingen, sichtbar geworden durch sensible Wahrnehmung als Metapher und Bild in den Pariser Passagen, dort hatte nämlich „das Kollektivsubjekt seinen Traum gerinnen lassen. Traum, das ist die erkenntnistheoretische Metapher dafür, dass die Menschen der Epoche selber kein Wachbewusstsein von dem hatten, was sie herstellten.“ „Erwachen“ als Ziel.
Es ist das alte „nunc stans“, wie ein Todesaugenblick als Erkenntnismittel in der Stillstellung der Erkenntnis, Moment des Erwachens aus diesem Schein- oder Alp-Traumleben, Einleuchten im Erschrecken, bei den Alten genannt wurde.
Im Passagen-Werk heißt es: die „Passage“ sei „ immer dieses Eine und nie Nichts, aus dem ein anderes sogleich heraufsteigt. Der Raum, der sich verwandelt, tut das im Schoße des Nichts. In seinen trüben beschmutzten Spiegeln tauschen die Dinge den Kaspar-Hauser-Blick mit dem Nichts.“ Doch die Entlarvungsbewegung in diesem verzauberten Irrgang, der zur Verstrickung und Betörung und Kauf des so maskierten Wunschobjektes gedacht war, ist anders als bei Marx, genau wie bei Althusser, kein Garant der Zukunft, die ist immer schon im Blick des Jetzt blitzartig, aber sehr konkret, vergangen. Der Blick des Engels der Geschichte fällt mit der vergehenden Zeit, die diese Millionen verschleierten Blicke ergeben, auf die Katastrophe einer Kette des Abwesenden, das Übrige aber häuft sich als Schutt, Residuen der Verblendung. Und nur der weit geöffnete Blick im Erkenntnis-Schrecken verheißt eine Sicht auf den Negativfilm, der zu entwickeln wäre; doch es ist zur Umkehr im Versäumten immer schon zu spät. Bei Althusser ist es ebenfalls ein „Sous-Realismus“, erkennbar an den Dingen wie Tiefenmetaphern der irren Determination in der (von Gott, Gesetz, Eigentum, Macht usw.) vergifteten Geld-und-Institutions-Marionette Mensch. Absenz ist Simulation des Todes, der so real ist am Ende, wie sonst nichts: Der Punkt außerhalb der Sklaven-Kette.
Diese dramatische, ja, pathetische Erkenntnistheorie einer negativen Theologie, bei Benjamin mit messianischem Ausschlag, bei Althusser bis hin zu den Abgründen des Autismus und des unbewussten Mordes, der im Auslöschen das Unmögliche zu beweisen scheint, jenseits jeder Theorie. Diese Gnoseologie des Negativen und der Absenz, ist in der neuen Wissenschaft des Quants zur nüchternen Erkenntnislehre gediehen: Das, was wir noch nicht wissen, muss als Unbekannte in die Erkenntnis einbezogen werden, damit diese exakt sei! Es ist übrigens eine uralte Weisheit, wir finden sie nicht nur im Hegelschen Nichts, sondern auch im „Nichts“ der Kabbala oder bei Laotse: „Der Sinn, der sich aussprechen lässt, / ist nicht der ewige Sinn. Der Name, der sich nennen lässt, / ist nicht der ewige Name./ „Nichtsein“ nenne ich den Anfang von Himmel und Erde. „Sein“ nenne ich die Mutter der Einzelwesen. Darum führt die Richtung auf das Nichtsein/ zum Schauen des wunderbaren Wesens, / die Richtung auf das Sein zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.“
Bei Althusser heißt es: „Um das Unsichtbare und das `Versehen` sichtbar zu machen, um die Lücken in der Dichte des Textes und die leeren Stellen in seinem Zusammenhang zu identifizieren, bedarf es eines wissenden, eines neuen Blickes, der selbst das Produkt einer Reflexion jenes `Terrainwechsels` auf den Vorgang des Sehens ist...“
(In: Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein >Leben nach dem Tod, Bod Verlag 2010: http://www.bod.de/index.php?id=296&objk_id=297277) und
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UND DIE KONSEQUENZEN? DIE ZUKUNFT?
Es ist schwer, dieses in ein paar Worten zu erklären, nämlich den Abgrund zwischen dem, was das Denken und das Handeln - bis hin zu den Politikern, Managern und Universitäten heute bestimmt, und den Dimensionen, auf die unsere gesamte Umwelt aufgebaut ist, nämlich eine Welt von Geist, die nicht als Geist erscheint. Genauer: Das, was uns umgibt, ist ja eine völlig andere, immaterielle Welt an einer unvorstellbaren Grenze zu einem neuen Weltmuster und Paradigma. Denken wir nur an unsere "elektronischen Haustiere," Computer, Radio, Fernsehen usw. Sie beruhen auf Formeln, die einmal "Einfälle", Intuitionen von genialen Menschen waren, es sind ähnliche "Gedankenblitze" wie in der Kunst, aus einem großen kosmischen Informationssystem, das alles bestimmt. Das Nicht-Materielle, das "Geistige" bestimmt heute mehr denn je alles, was geschieht, mentale Prozesse machen mit einer durchschlagenden Evidenz Geschichte, Denken wird "objektiv", lernt sich als mathematische Struktur selbst denken, erfährt sich als Ort, wo Naturgesetze offenbar werden, wird praktisch, beherrscht im Gerät die Natur und Gesellschaft. Völlig im Gegensatz dazu beherrscht der krasseste Materialismus die Köpfe und das Handeln. Die Menschen der Gegenwart bewegen sich und handeln in dieser neuen immateriellen Umgebung weiter so, als wäre es immer noch die alte Körperwelt. Das herrschende materielle Denken ist antiquiert, denn die Welt ist Geist, der nicht als Geist erscheint, wie ein bekannter Physiker formuliert! Der wahre, dieser verborgene "Zeitgeist" müßte wahrgenommen werden, in die Realiät der Lebenswelt eingehn. Und um diese notwendige Chance wahrzunehmen, so Noica, gebe es nur eine "kleine Spanne des Verweilens", eine Art gestundete Zeit. Deshalb nennt er unser Zeitalter des Übergangs auch "Zeitalter der Konjunktion". Und wirft den westlichen Intellektuellen vor, diese Chance nicht genützt, sondern versäumt zu haben! Sie hätten diese gestundete Zeitspanne "bis zum Absurden, zum Nonsens und Zynismus, die Euch so teuer sind, ausgedehnt." Er meint unter anderem die Verdrängungskultur, die die Aufklärung völlig mißverstanden habe, und eine zweite Aufklärung jenseits des alten Rationalismus nicht wahrnehmen will und kann. Ein Abgrund zwischen dem Sichtbaren und dem durch Zahlen geschaffenen technisch möglichen Unsichtbaren, der Raum und Zeit aufhebt, sei geschaffen worden.
Und kombiniert mit der Technik habe die "Zählgeschwindigkeit" im Computer die Welt verändert. Ebenso die Statistik: "Statistik bis zur phantastischen Zählweise der Mikroprozessoren." Anderseits erkennt Noica darin eine "Vorherrschaft des addierenden Geistes." Dieser nur addierende, flache Geist, habe sich aber heute im Gerät selbst überschritten, Messen, Maß sei notwendig, doch werde Messen eben vom Menschen, von einem Einzelnen, vom Subjekt, vom Beobachter vollzogen, und der Physiker weiß: Physik ist heute ohne das Subjekt nicht möglich.
Doch vor allem weist Noica, daran anknüpfend, in diesem zweiten Denkschritt darauf hin, daß es gerade wegen der neuen Erkenntnisse und ihrer Wissenschaft, einer Revolution des Einzelnen, des Individuellen bedarf, eines vergessenen Innenraumes, der weit über den nur sichtbaren Raum und die lineare Uhr-Zeit hinausgeht. Er meint jenen großen unsichtbaren Beziehungs-Raum, der alles, was existiert, verbindet (wir könnten es auch Information oder kosmische Information nennen!) Und hier liegt der Grund für seinen unverwüstlichen Optmismus, ja, seine unzerstörbare Vitalität und Ausgeglichenheit.
Macht des Geistes gegen jedes Inferno, ja, gegen die verzweifelte Situation des Menschen angesichts des Todes!?
(D.Schlesak, Zeugen an der Grenze unserer Vorstellung, IKGS 2006, Universität München)
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Denn die Zeit als Phänomen hatte für Kant etwas Beunruhigendes, Gespenstisches, da er seinen Geist von einem anderen Reich her bestimmt sah, empfand er sich als Gefangener. Er sah sich fremd hinter einer Wand der Sinne stehn, und der Art, wie er und alle Menschen gezwungenermaßen sehen müssen, ausgesetzt. Er war einerseits ein Kind seiner Zeit, so daß er an die "Kontinuität", also auch an den Zwang der Uhrzeit glaubte, andererseits aber gab es für ihn viel Wichtigeres, so: "die Bestimmung seines Daseins nur in der Form des inneren Sinnes": "Das Bewußtsein seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem innern Sinn. Der innere Sinn aber bleibt doch auch noch ohne den Körper, weil der Körper kein Princip des Lebens ist, also auch die Persönlichkeit."
Fremd, weil der Mensch nach Kant eine Art Ebenbild des "höchsten Gutes", des "Einen" sei. Dieser "innere Sinn" aber gehe über die Alltagswelt der Sinne weit hinaus, da schon wegen des Voranrückens von Zeit in den Außeneindrücken eine Erfahrung überhaupt nur möglich sei, wenn "Zusammenhang" oder "Einheit" unseres Bewußtseins als "Gewußte" und zugleich Wissende, also Verstehen da sei. "Einheit der Apperzeption (oder des Bewußtseins)." "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit" nannte Kant diesen Kernpunkt seiner Philosophie. Wir sind sozusagen "Gewußte" und zugleich Wissende. Diese "Selbstunterscheidung" ist nach Kant aber "schlechterdings unmöglich zu erklären, obwohl ... ein unbezweifelbares Faktum ... (sie) zeigt ... ein über alle Sinnenanschauung ... weit erhabenes Vermögen an ... den Grund der Möglichkeit eines Verstandes." Das Zauberwort dieses Vermögens heißt "synthetische Urteile" oder die berühmte "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit", was am besten die Mathematik, die Zahl leiste, aber auch ein Begriff. Nun ist die Zahl das Substrat oder Subjekt der nicht wahrnehmbaren Zeit, die zur Unendlichkeit gehört, also zu einer undurchschaubaren Einheit eben jenes Einen und höchsten Gutes, dessen Spiegel auch der Mensch ist. Es geht eigentlich nur um die erwähnte Teil-Habe am "Einen", um das Gottes-Ebenbildliche in uns, das jedoch nicht zum Zuge kommen kann, weil wir uns selbst fremd sind, genau wie die Dinge uns fremd bleiben, als in den Körper Gefallene unbekannt bleiben müssen, solange wir nur getrennte Körper sehen, eine Art Sündenfall, weil wir im Körper und unseren Sinnen gefangen sind. Carl Friedrich von Weizsäcker hat das sehr schön am Beispiel der heutigen Theorie der Physik, der Quantentheorie gedeutet, die von Kants Denken gelernt hat: Die von uns sinnlich wahrgenommene Vielheit der Dinge - so Carl Friedrich von Weizsäcker - sei "letztlich nicht wahr." Isolierte Objekte bedeuten nur "mangelnde Kenntnis der Kohärenz ... der Wirklichkeit. Wenn es überhaupt eine letzte Wirklichkeit gibt, so ist sie Einheit. Vom Standpunkt dieser Einheit aus gesehen ... sind die Objekte nur Objekte für endliche Subjekte (d.h. für Subjekte, denen gewisses mögliches Wissen fehlt) ... (d.h. sie sind individuelle Seelen unter den Bedingungen der Körperlichkeit)." (Dieter Schlesak, Gibt es ein Leben nahc dem Tod? Der Philosoph Immanuel Kant und der Hellseher Emanuel Swedenborg in: Rowohlt Literaturmagazin Nr. 42 , S. 149-164 und in: Zwischen Himmel und Erde. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Bod, 2010: https://www.libri.de/shop/action/productDetails/9591660/dieter_schlesak_zwischen_himmel_und_erde_3839139775.html)
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Adam, der Mensch, hat dieses Strömen der Ur-Information im Sündenfall unterbrochen, das Außen, den Augenschein, die Frucht vom Ur-Baum getrennt, das Wesen von der Erscheinung, und so kam der Tod in die Welt, denn der von seinem Urgrund und Wesen gerissene Körper stirbt ja "tatsächlich"; Formen sterben, die Information des Samens, der sie weiß, aber bleibt im Immateriellen erhalten! Essen vom Baun der Erkenntnis ist Trennung der Frucht vom Baum. Essen vom Baum des Lebens ist Osmose; "Essen" der Sinne, Aneignung der Welt heißt im Hebräischen "achol"; es verbindet A (Aleph), die Eins, mit chol, dem Vielen, dem spezifischen Schwingungsklang, der in jedem Ding als Eigenart vibriert. Liebe ist die Verbindung der fünf Sinne auf höherer Ebene der Berührung. a-chol. Das Zerreißen, Abreißen, die Spaltung aber ist die Hölle. Das Sichtbare, so vom Einen getrennt (A von chol), ist seither einem furchtbaren Ungenügen, ist den zerstörerischen Gewalten, die Macht über den Körper haben, wehrlos ausgeliefert. Heute ist dies als Riß in uns und in der Welt und als Schmerz in der sinnlosen Kontingenz des Beliebigen und Zufälligen zu spüren , die ja selbst nur ein Nichtwissen der Zusammenhänge, eines Zu-Fallens etwa, ist, dessen nihilistische Verabsolutierung eine Täuschung und Selbsttäuschung im Spiegel des Empirischen, des Ausgeschlossenseins von den höheren Sphären bedeutet. Im Schmerz aber zugleich auch die Not-Wende: Denn noch nie war diese größte humane Aufgabe, den Zusammenhang des Ganzen zum Sinn wieder herzustellen, die abgerissene Verbindung wieder aufzunehmen, so lebensnotwendig und dringlich, und dies nicht nur für die menschliche Welt. Jenes Falsche der Trennung, jener Makel ist nicht nur in einem, für viele unerklärlichen Leidensdruck spürbar, sondern auch in der Falschheit des klassischen Erkenntnisansatzes, der Trennung von "Innen" und "Außen", die in sich selbst zusammengehören und untrennbar in der Ebene eines höheren Komplexitätsgrades wirken, der sich in uns als Intuition spiegelt und im Erkenntnisblitz Eins sind: letztlich hält uns die Natur den Spiegel unserer eignen Mittel und Instrumente vor, so z.B, formuliert in Heisenbergs "Unschärferelationen", die die Berechnung einer zeitbedingten kognitiven Unfähigkeit sind. Erstaunlich ist, daß sich in der Quantentheorie unser Fehlverhalten sogar durch die auf den Beobachter bezogene Wahrscheinlichkeit und die damit verbundene "unvollständige Kenntnis eines Systems" berechnen läßt.. Daß nämlich die Unwägbarkeiten des Subjekts sowie die Unkenntnis vom ganzen Kosmos mit in die Imponderabilien eines Experiments als Unbekannte, um das Experiment "genau" ausdrücken und berechnen zu können, einbezogen werden müssen. Aber diese Falschheit und Störung des Ganzen durch unkontrollierbare Eingriffe ist für die gesamte Natur und für die menschliche Gattung insgesamt gefährlich geworden, sie äußert sich ökologisch, atomar und in zunehmendem Maße auch im biologischen Informationssystem als Krebs, als Aids und als Neurose und Geisteskrankheit. Und ist letztendlich in diesem festgefahrenen Glauben an "Objekte", also an den SCHEIN eines Augenbildes gebunden, also im tieferen Sinn durchaus auch an eine drastische Übertretung des BILDVERBOTES.
So wird im Hebräischen die Zahl Sechzig (Sechs = waw, das Und, Folge, Zeichen des Menschen, in der Zehnerreihe, der Ebene des Handelns) wie ein Kreis geschrieben, das Zeichen Samech, heißt Wasserschlange; es ist das teuflisch Schlüssige, die Evidenz des Kausalen und Rationalen, seine Verführung. Der Sinai: wo der Mensch Moses die Tafeln mit den "zehn Worten" empfing, ist Verführung und Wunder zugleich: Wiederholung der Paradiesmetaphern. Zum Blitz auf dem Berg nämlich kommt das höllische Tal unten: das Goldene Kalb, hebr. egel. Und egel heißt das Runde, der geschlossene Kreis. Der Fetisch Ratio also, abgezirkeltes Oberflächen-Bewußtsein, im Osten vormals zur Ideologie geronnen, zur konsequenten Idiotie der Abbild-Theorie in der Ästhetik!
Die Warnung vom Sinai: "Du sollst dir kein Bildnis, noch irgendein Gleichnis" von Gott machen, gilt auch für die menschliche Wirklichkeit. Und nun sogar total, wir leben heute in dieser alles erfassenden Herstellung von Welt in der künstlichen Bilderwut, da das Medium, das die Botschaft ist diese Wirklichkeit nun nicht im Selbstschöpferprozeß eines einsamen Genies, sondern für die Massen herstellt, die Natur ersetzt, Ersatzdroge für alle ist, sie überschwemmt so die selbstgeschaffene "Wirklichkeit" mit Bildern. Alle sind bald in der gleichen Lage wie früher Künstler, ohne sich jedoch anstrengen zu müssen, und ohne jedes Leidrisiko. Und sie stürzen in jenes Bild, verschwinden darin. Aber - verschwindet nicht, genau wie der Autor im Buch, nun diese Zivilisation in der eigenen Erfindung? Erledigt die bisherige sinnliche, unmittelbare Realität? Mit Gewalt? Sich der wirklichen Existenz via technischer Entwürfe zu entledigen, ist das Ziel. Als wäre ein grausamer Autor am Werk, der Wälder, Flüsse, den eignen Körper und alle andern Menschen abschafft! Diese aber ist keineswegs die "ganze Welt", und wer sie allein spiegelt und von ihr ausgeht, bleibt in ihren Irrtümern gefangen, auch wenn er behauptet, sie und ihre Resultate zu "kritisieren". "Du sollst dir kein Bildnis machen!" Wie wahr so spät. Dabei ist es doch auch hier nur kreative oder eher vernichtende Weltflucht, wie bei Autoren oder Diktatoren. Man hatte schon früh den Alten sterben lassen, um selbst seine Stelle einzunehmen.
(Dieter Schlesak: Über Sprachskepsis, Bildverbot und den Begriff Zeit, Rowohlts Literaturmagazin Nr. 34. S.78 )
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