Ignoranz – die neue Höflichkeit

Von Juliane

Menschen, die auf andere Menschen hören finde ich meistens höchst langweilig. Dabei habe ich selbst oft die Stimmen meiner Eltern im Ohr, wenn ich bei Rot über die Ampel gehe, mir noch eine zweite Portion Eis nehme, obwohl ich längst satt bin oder ich mich ohne Sonnenschutz auf die Wiese lege. Ich bin mir nicht sicher, ob ich als „wohlerzogen“ qualifiziere, glaube aber auch, dass die Kriterien hierfür sich regelmäßig selbst reformieren. Die Regeln der Höflichkeit müssen sich ja auch weiterentwickeln, weil sich die Situationen, in denen man sich daneben benehmen kann, vermehren und verändern.

Doch gestern, als ich dann im DM stand, um mir vernünftigerweise – aber eigentlich viel zu spät, denn die Haut blättert bereits auf meiner Schulter ab – Sonnencreme zu kaufen, wurde ich Zeugin der Knigge Generationen Disparität (KGD). In einem Teil des Ladens warb ein kleiner Junge um die Aufmerksamkeit seiner Eltern, in dem er seinen kleinen Einkaufswagen gegen jedes Regal und Bein im Drogeriemarkt rammte und dabei so laut schrie, wie es die Organe eines Vierjährigen zulassen. Zu seiner Enttäuschung wurde diese öffentliche Performance von allen Seiten mit Ignoranz bedacht, auch von seinen Eltern. Auch ich hüpfte schnell zur Seite und übte mich in höflicher Ignoranz. Da macht jemand was Doofes, Aaggressives Zerstörerisches… da guck ich lieber mal weg und tu so, als wäre nix – noch ein Generationen-Thema, aber eins für einen anderen Blogbeitrag.

Zur etwa gleichen Zeit stand an der Kasse ein etwa 80-jähriger Herr, der sich in freundlichster Form bei der Kassieren bedankte, ihr noch einen schönen Tag wünschte, seinen Sachen zusammenpackte und sich nochmal bedankte. Ich glaube sogar wahrgenommen zu haben, wie er den Kopf leicht senkte, als wolle er einen imaginären Hut anheben. Auch sein Verhalten war für den Mikrokosmos Drogeriemarkt völlig überzogen und alle umstehenden guckten erst irritiert und dann weg.

Ausgehend davon, dass DM-Produkte keine lebensverlängernde Wirkung haben, antizipiere ich, dass dieser Herr in den kommenden Jahren von der Welt verschwinden wird und mit ihm seine Umgangsformen. Der kleine Junge mit dem Aufmerksamkeitsdefizit und dem hohem Aggressionspotenzial hingegen wird größer werden und vermutlich Komplexe ausbilden, die ihn dazu bringen, noch eifriger um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu kämpfen. Denn er wird weiter ignoriert werden. Ignorieren ist die aktuell meistgenutzte Umgangsform. Wir ignorieren Emails und Anrufe, auf die wir nicht antworten wollen. Wir ignorieren Freundschaftsanfragen, von Menschen, mit denen wir nicht befreundet sein wollen – z.B. weil wir mit ihnen verwandt sind. Und vor allem Ignorieren wir Unhöflichkeit.

Vor ein paar Jahren wurde die Epoche der Prokrastination ausgerufen. Ich glaube inzwischen sind wir viel, viel weiter. Wir schieben Probleme nicht mehr vor uns her, wir tun so, als wären sie gar nicht da und gehen einfach an dem unüberhörbar lauten Blag vorbei und überlassen das Problem denen, die nach uns kommen. Blöd nur, wenn das eben genau die sind, die nach uns kommen…