Ich liebe, also bin ich

Das Lebenswerk des vor zweihundert Jahren geborenen Charles Darwin hat darin bestanden, das Verständnis über die Natur des Menschen zu revolutionieren. Und dafür nahm er einen wüsten Streit mit der katholischen Kirche in Kauf. Er hatte es gewagt, die vorherrschende weltanschauliche Deutungshoheit über das Menschsein nachhaltig in Frage zu stellen. Unter den Individuen einer Population würde ein steter Kampf ums Überleben stattfinden, behauptete Darwin damals. Und als er über die „natürliche Auslese“ beziehungsweise über „the survival of the fittest“ nachgedacht hatte, meinte er auch den Menschen.

Laut Darwin ist der Mensch von Natur aus in erster Linie am eigenen Gewinn und Fortkommen interessiert. Jüngste neurobiologische Beobachtungen und Befunde lassen allerdings ein anderes Bild entstehen. So wird der Mensch als ein Wesen beschrieben, dessen zentrale Motivation auf Zuwendung und gelingende mitmenschliche Beziehungen ausgerichtet sei. Und das gälte für beide Geschlechter.

Die moderne Hirnforschung behauptet somit, dass die Wissenschaft vom Menschsein mehr als nur Glaubenssache sei. Der tief verwurzelten Grundüberzeugung, wonach wir von Natur aus zur Bosheit neigen, wird widersprochen. Damit würde das Modell eines selbstsüchtigen und letztlich auf den „Kampf ums Überleben“ programmierten Menschen vom Sockel der soziobiologischen Deutungshoheit gestossen. Diese neue Sichtweise ist insofern revolutionär, als sie weitreichende Folgen zum Beispiel für die Wirtschaft, das Leben am Arbeitsplatz oder für den Bildungsbereich nach sich zieht.

Was treibt uns an? Vor allem aber: Wohin steuern uns unser Lebenswille, unsere Bedürfnisse und unser unstillbares Begehren? Die Antwort scheint selbst die Fachwelt zu verblüffen. Aus neurobiologischer Sicht sind wir auf soziale Resonanz und Kooperation angelegt. Unsere Motivation ist darauf gerichtet, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung und Zuneigung zu finden und zu geben. Dies gilt nicht nur für unsere persönlichen Beziehungen, inklusive Zärtlichkeit und Liebe, sondern umfasst alle Formen sozialen Zusammenwirkens, wie aktuelle Forschungsergebnisse zu belegen versuchen.

Nichts aktiviert unsere Motivationssysteme so sehr wie der Wunsch, von anderen Menschen gesehen zu werden, die Aussicht auf soziale Anerkennung, das Erleben positiver Zuwendung sowie die Erfahrung von Liebe. Amo ergo sum – Ich bin also in erster Linie, weil ich liebe, nicht weil ich denke? Wenn das stimmt, dann brauchen wir wohl noch einige Zeit, um die Erkenntnisse für das Menschsein insgesamt und für die Art, wie wir unser Zusammenleben in optimaler Weise gestalten, abschätzen zu können.

In New York gibt es eine aus dem Jiddischen stammende Redensart. Wollen Sie dort jemandem mit Hochachtung begegnen, dann anerkennen Sie: „She is a Mensch!“ Das gilt auch für einen Mann und ist sozusagen der „Nobelpreis an Wertschätzung“, der im Big Apple vergeben wird. Sie sind ein Mensch, liebe Leserin und lieber Leser, und um das Überleben unserer Spezies zu sichern, müssen Sie lieben. Das scheint Ihre wahre Natur zu sein. Oder wagt es jemand, mit mir darüber zu streiten?