Ich habe immer nur gespielt

Eine Hommage an Grete Sultan

Die Musik von Grete Sultan habe ich erst vor rund 10 Jahren entdeckt. Als mir mein Mann eine CD von ihr schenkte – The Legacy Nr. 1. Ich erinnere mich noch gut an die erste Hörprobe, die mich sofort fragen ließ: Wer ist diese Frau die Bach spielt, als ob sie ihn durch ein Brennglas seziert hätte und denselben Anspruch offensichtlich auch an die Werke von Schönberg und Cage anlegte?

Ich habe immer nur gespielt

Grete Sultan (Foto Moritz von Bredow)

Am Abend vor dem 1. Mai konnte man sich im Theater Nestroyhof – Hamkom nun einem ganz speziellen Zauber hingeben. Iris Gerber und Moritz von Bredow erinnerten an die Grande Dame der zeitgenössischen Klavierliteratur Grete Sultan. Gerber, die Schweizer Pianistin mit Naheverhältnis zu Wien, ist eine Frau, die ihresgleichen sucht und offenbar auch findet. Neben einer Veröffentlichung über Margit Zimmermann, einer betagten Schweizer Pianistin und Komponistin, war und ist sie bemüht, Grete Sultans Vermächtnis aufrecht zu erhalten und weiterzutragen. Die Erinnerungen, die Gerber an ihre Besuche bei Grete Sultan in N.Y. wiedergab, Besuche bei einer greisen und dennoch hellwachen Frau, waren nicht nur erhellend, was das Leben im hohen Alter der ehemaligen Muse von John Cage anlangte. Eine kurze Videoeinspielung zeigte die gebeugte, weißhaarige Dame, sitzend zwei Gehstöcke umklammernd und dabei der Intonation eines Cage-Stückes lauschend. Ein Stück, das Gerber ihr auf einem Toy-Piano vorspielte, einem Mini-Klavier, dessen Töne an helle Glockenklänge erinnern und das Cage für eine kleine musikalische Persiflage ausgewählt hatte.

Moritz von Bredow, im Hauptberuf Kinderarzt in Hamburg, veröffentlichte erst im März im Schott-Verlag ein Buch über Grete Sultan, die er persönliche gekannt hatte. Seine auszugsweise Lesung daraus ließ das Bild einer Musikerin entstehen die, wie sie selbst einmal sagte, nicht nur ihr ganzes Leben nur gespielt hatte, sondern der die musikalische Begabung sosehr in ihr Wesen eingebrannt war, dass sie gar keine andere Chance hatte, als diese mit jeder Faser ihres Herzens auszuleben. In diesem Buch lässt er auch Vera Lachmann zu Worte kommen, eine Literatin und Seelenverwandte Grete Sultans aus Kindertagen. Ihre funkelnde Poesie, von Bredow eindringlich gelesen, ergänzte sich aufs Harmonischste mit den lebendigen Erläuterungen Gerbers und deren kurze pianistische Kostproben von Cage-Stücken.

Doch neben allen musikhistorischen Meriten, die Grete Sultan sich erworben hat, war und ist vor allem die Bewältigung ihres Lebens interessant: Behütet aufgewachsen in einer jüdischen großbürgerlichen Familie, erlebte sie das Grauen des Naziregimes und war eine der letzten, der die Auswanderung in die USA gelang. Dort trat sie viele Jahre lang als Pianistin auf und arbeitete auch als Klavierlehrerin, ihre nachhaltigsten Erfolge feierte sie jedoch erst im fortgeschrittenen Alter. Mit ihrer legendären Interpretation des Cage-Werkes Etudes Australes, in welchem er das Sternenbild der südlichen Hemisphäre klanglich abzubilden versuchte, aber auch jener der Goldberg-Variationen gelangte sie noch zu spätem Ruhm, als sie sich schon im 7. Lebensjahrzehnt befand.

Sultans Biographie ist im Internet nachzulesen, tiefer einsteigen kann man in von Bredows Buch, aber nichts davon wird jenem Zauber gerecht, der sich im Nestroyhof – Hamakom an diesem Abend verbreitete und der das Publikum ergriff. Die wunderbare Verschränkung von Musik, Film, Lesung und Erzählung, die keiner großen Inszenierung bedurfte, ging unter die Haut und hinterließ einen bleibenden Eindruck einer außergewöhnlichen Frau von der man nach diesem Abend das Gefühl hat, sie ein wenig besser kennengelernt zu haben. Dafür sei den mutigen Veranstaltern an dieser Stelle explizit gedankt!

Das Buch: Rebellische Pianistin, Das Leben der Grete Sultan zwischen Berlin und New York, Moritz von Bredow, 320 Seiten, 60 Abbildungen, Schott-Verlag


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