Hundezucht im VDH - Worte und Taten #3

In loser Folge wollen wir Worte und Taten im Zuchtgeschehen des wichtigsten deutschen Hundeverbandes gegenüber stellen. Der Präsident des VDH Prof.Friedrich hatte in einem begrüßenswerten Artikel zu "Zuchtstrategien und ihre Anwendung" tragfähige Eckpunkte für eine Reform der Zucht von Rassehunden skizziert, die auch den Vorschlägen des Dortmunder Appells für eine Wende in der Hundezucht entsprechen. Leider stehen seinen hoffnungsvollen Worten - teils diametral - entgegengesetze Taten im VDH gegenüber. Man hat zuweilen den Eindruck, dass die so unterstützenswerten Ausführungen zur Gesundung der Zucht eher den Charakter eines Marketingmäntelchens haben. Im dritten Artikel wollen wir nun vom Nova Scotia Duck Tolling Retriever, kurz Toller, berichten.
Eine uralte Hunderasse für die Entenjagd
Der Nova Scotia Duck Tolling Retriever ist die kleinsten aller Retriever Rassen. Er hat seinen Namen von seiner ganz besonderen Arbeit bei der Entenjagd. Beim Tolling auf Enten lässt der gut versteckte Jäger den Toller Stöckchen aus dem Wasser apportieren. Die neugierigen Enten bemerken den Hund und schwimmen näher heran. Sobald sie in Schussweite sind, wird der Toller abgepfiffen, dann apportiert er den geschossenen Vogel aus dem Wasser. Als man noch keine weitreichenden Schusswaffen hatte, war die Arbeit des Tollers von entscheidender Bedeutung für den Jagderfolg. So wundert es kaum, dass dieser heute eher seltene Retriever eine Jahrhunderte alte Geschichte hat.

Hundezucht im VDH - Worte und Taten #3

Toller (mit freundlicher Genehmigung Alexander Däuber)


Inzucht führt zu Einkreuzungsantrag beim Toller
Eine Studie hatte Ende 2009 festgestellt, dass in der Population der Toller ein enorm hoher Inzuchtgrad von 26% erreicht worden war. Weltweit sei die Population untereinander genetisch näher verwandt als es Vollgeschwister sind! In der Biologie sind die schädlichen Folgen von Inzucht völlig unstrittig. Inzucht mindert die Lebenserwartung der Hunde erheblich. Inzucht führt zu einem Verlust an Vitalität. Inzucht macht die Hunde krank, das heißt, das Risiko zu erkranken steigt erheblich. Inzucht führt zu einem wesentlich höheren Risiko des Ausbruchs von Erbkrankheiten. Hat die Inzuchtdepression ein bestimmtes Maß erreicht, bricht die Gesundheit der Population schlagartig zusammen. Kurz: Inzucht ist Tierquälerei und ab einem gewissen Ausmaß als Qualzucht zu kennzeichnen. Wie auch von Fachleuten ausdrücklich bestätigt wird (siehe Doku auf der Seite des Tollervereins), muss man für eine Weiterzucht in dem bestehenden Toller-Genpool feststellen: Mit großer Wahrscheinlichkeit muss damit gerechnet werden muss, dass bei den Nachkommen gesundheitliche Probleme auftreten und das wiederum stellt einen klaren Verstoß gegen das Tierschutzgesetz (§11b, Abs. 1) dar.
Inzucht - Teil des Geschäftsmodells Rassehundezucht
Nun hat Inzucht in der Rassehundezucht eine lange Tradition, da man auf diese Weise schnell und einfach gleichförmige, "standardgerechte" Produkte erzeugen kann. Inzucht erlaubt es, Champion-Rüden massenhaft einzusetzen, um so mit den Decktaxen schnelles Geld zu machen. Daher ist auch die Rassehundezucht der letzte Bereich, in dem auch heute noch im großen Stil Inzucht verniedlicht und praktiziert wird.
Alexander Däuber, Vorsitzender des "Nova Scotia Duck Tolling Retriever Club Deutschland e.V." im VDH hat hier einen anderen Standpunkt. Er erkennt sofort die Gefahr, die von einem solchen Inzuchtniveau ausgeht. Er kommt zu dem Schluss, dass kein Weg an einem gezielten Einkreuzungsprogramm vorbeigeht, um die genetische Vielfalt in der Tollerpopulation zu erhöhen, kurz, frisches Blut hineinzuholen. Etliche namhafte Experten, Biologen, Genetiker, Veterinäre, Zuchtexperten unterstützen ihn in dieser Einschätzung unisono. Nur der VDH und der große "Deutsche Retriever Club" sträuben sich gegen diesen Antrag auf ein Einkreuzungsprogramm. In der Sendung SternTV verspricht der Präsident des VDH, Prof.Friedrich, dann Däuber eine wohlwollende Prüfung. Am 10.01.2011 schließlich genehmigt der VDH das Einkreuzungsprojekt. Aber es scheint ein trojanisches Pferd zu sein, was man hier unter "Bewilligung" laufen lässt. Auf der Seite des Toller-Vereins heißt es dazu:
"VDH boykottiert Einkreuzungsprojekt"
"Diese Genehmigung wird von der TCD-Vorstandschaft als auch von Außenstehenden als Scheinbewilligung gewertet: Die Genehmigung wurde an Auflagen gebunden, die nicht in der Praxis zu realisieren sind. So wird von den Zuchthunden u.a. folgendes gefordert:
  • Liquoruntersuchung zum Nachweis der SRMA-Freiheit (Ziehen von Hirn-/Nervenwasser unter Vollnarkose)
  • Stimmulationstest
  • Gentest (vorläufige Kosten: 20.000€)
  • usw."
 und 

"Der Vorstand und die Zuchtkommission des TCD e.V. erachten die Zuchtauflagen des VDH, welche letztlich das Einkreuzungsprojekt unrealisierbar machen, aus wissenschaftlich-kynologischen Aspekten für nicht haltbar und unter dem Aspekt des Tier- und Verbraucherschutzes für unverantwortlich und skandalös!
Gesundheitliche und genetische Situation beim Toller – Qualzucht durch genetische Verstümmelung.
"
Kein Sonderfall Toller
Es wundert nun kaum, dass der VDH wie auch die etablierten, großen Zuchtvereine hier eine wenig kooperative Haltung zeigen. Wie oben schon angesprochen, ist Inzucht eine Basis des Geschäftsmodells der Show-Zucht. Stammbaumlose Hunde in der Zucht würden auch noch den monetären Wert der selbst gezogenen Zucht-Champions mindern. Zudem ist die genetische Verarmung kein Spezial-Problem beim Toller. Erst 2008 brachte eine Untersuchung an 2,2 Millionen Hunden aus zehn Rassen im Auftrag des Kennel Clubs ein extrem hohes Inzucht-Niveau ans Tageslicht. So repräsentiert die scheinbar große Population des Labrador Retrievers auf der Insel von knapp 98.000 Exemplaren genetisch nur ganze 114 Hunde oder bei den Boxern sind es bei 45500 untersuchten Hunden ganze 45! (Calboli et al., Population Structure and Inbreeding From Pedigree Analysis of Purebred Dogs)
Und man sollte auch noch darauf hinweisen, dass es sich bei einem Einkreuzungsprogramm keineswegs um ein "wildes" Einkreuzen irgendwelcher Hunde in die Toller-Population handelt. Die Auswirkungen der gezielt ausgewählten Hunde, die man einkreuzt, werden in einer abgeschotteten Kontrollpopulation über Generationen beobachtet, ehe man dann über eine Einbringung dieses "frischen Blutes" in die Gesamtpopulation entscheidet.
Der Toller-Verein stellt umfangreiche Informationen zur Verfügung, die es jedem Interessierten ermöglichen, sich auf solider Basis ein Bild zu machen.
  • Tollerverein zum Einkreuzungsprogramm
  • Hundezucht im VDH - Worte und Taten #1 - Was sind die Bestimmungen eines Standards wert?  
  • Hundezucht im VDH - Worte und Taten #2 - Bulldog
p.s.: Wenn man noch etwas Gutes an der ganzen Geschichte finden will, so ist es für mich die Erkenntnis, dass es auch noch engagierte, gute Züchter im VDH gibt, die ihre Verantwortung für das Wohl und der Gesundheit der betreute Hunderasse ernst nehmen - in Worten und Taten.

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