Hühnercartoon 67

Von Martin Gehring

Lieber Leser, leider ist es den wenigsten Filmfreunden bekannt, dass Hühner in den Zeiten des Stummfilms nicht nur eine bedeutende Rolle spielten, sondern dass es einzelne Vertreter der Hühnerheit sogar zu Starruhm brachten. Was kein Wunder ist, denn Hühner sind bekanntlich von natürlicher Eleganz im Ausdruck und umwerfender Anmut.
Gerade im deutschen, expressionistischen Stummfilm wurden immer wieder Hühner statt menschlicher Darsteller eingesetzt und es wurden sogar ganze Filmfassungen ausschließlich mit gefiederten Besetzungen gedreht. Umso verwunderlicher ist es, dass gerade diese Meilensteine der Filmkunst heute weitestgehend vergessen und größtenteils verschollen sind.
Dank ausgedehnter und jahrelanger Recherchen des Autors haben wir allerdings das große Glück, mit dem hier gezeigten Standbild wenigstens ein Fragment der Hühnerversion von Robert Wienes Meilenstein des expressionistischen Filmschaffens "Das Cabinet des Dr. Caligari" zu besitzen. Es hält sich überdies auch das Gerücht, dass sowohl Friedrich Wilhelm Murnau (Nosferatu) als auch Fritz Lang (Metropolis) gerne und häufig mit Hühnern arbeiteten.
Mit dem aufkommenden Tonfilm jedoch mussten die Hühner das traurige Schicksal vieler Stummfilmstars teilen. Wiewohl sie großartige Darsteller waren und Geschichten allein durch Gestik und Mimik dem Publikum vermitteln konnten, eigneten sich ihre Stimmen nicht für für die Vertonung. Ebenso wie starker Dialekt war ihr Gackern und Krähen dem Kinobesucher häufig unverständlich. Die zwangsläufige und bedauerliche Folge war, dass die einstmals hoch geachteten Filmhühner nach und nach von der Leinwand verschwanden und schließlich ganz in Vergessenheit gerieten.