Horror an der Arbeitsfront

Weil man von Arbeitslosengeld alleine nicht leben kann und Lohnarbeit und Steuerzahlerei sich nicht lohnt, habe ich mich um Schwarzarbeit bemüht.
Ich bin ein paar Tage durch die Stadt gelaufen und habe hier und da nachgefragt, bis eine Bekannte mich an ein Cafe mit Küchenbetrieb vermittelte. Ich hatte schon einmal in der Gastronomie gearbeitet und war mir sicher die Aufgabe als Bedienung und Thekenkraft bewältigen zu können. Zum telefonisch vereinbarten Vorstellungstermin erschien ich in den branchenüblichen schwarzen Klamotten. Dunkle Lederschuhe, schwarzes Knopfhemd, Anzughose. Die etwa 50 jährige Chefin (im folgenden als W. bezeichnet) störte sich nicht an meinen Tätowierungen. Ich wähnte mich wegen einer Karl Marx- Büste, die auf dem obersten Fach des Gläserregals stand am richtigen Ort. 30 Euro und das Trinkgeld sollte ich pro Fünfstundenschicht bekommen. Vier Tage die Woche, 15.30 bis 20.30. Zur Wahrung eines regulären Scheins wurde ein 400 Euro-Vertrag abgeschlossen. Ich war zufrieden und das Unglück nahm seinen Lauf.

Das Publikum bestand hauptsächlich aus dem Klientel der wohlhabenden Wohnnachbarschaft. Junge Akademikerpaare mit Kleinkindern, junge Akademikerpaare ohne Kleinkinder, Studentinnen mit Geld („einen grünen Tee bitte…“ – „das macht dann zwo vierzig, danke“), kunstschaffende Lokalprominenz, Professoren die nach dem Tod der Gattin mit dem Küchenbetrieb überfordert sind. Und vor allem: alte Damen. Alte Damen mit großen Hüten, einzelne alte Damen auf der Suche nach einzelnen Professoren, alte Damen mit kleinen Hunden. Nicht zu vergessen: Ein paar alte Damen die sich nach ihrer Pensionierung der Hebung der Volksgesundheit verschrieben haben. Die „Kräuterinitiative XY“, mit ihrem wöchentlichen Stammtisch. Allesamt Leute mit Anspruch die wissen was sie wollen, nämlich zuvorderst: Kaffeespezialitäten. Latte Machiatto, Espresso Machiatto, Eiskaffee mit Smarties, einfacher Espresso, doppelter Espresso, Milchkaffee (lactosefrei), Kaffee mit Sahnehäubchen, Kaffee mit Milchschaumkrone, Kaffee mit ordentlich „Crema“, oder mit Gewürzen obendrauf usw. usf. Auf Anhieb nicht so leicht herzustellen für jemanden der privat niemals Kaffee trinkt und sich nicht mit der 10000 Euro teuren italienischen Spezialmaschine auskennt. Für die Gören: Apfelschorle (bio). Zum Essen: den vor der Tür auf einer Tafel angepriesenen selbstgebackenen Kuchen (Volkornteig). Zum Frühstück: Bio. Birchermüsli, Sojaaufstrich, dunkles Brot, handgepresster Orangensaft (0,2 für 3,80€). Zum Mittag: Bio. Gebackenes Tofu oder Suppen zb.
Die Getränke hatte ich herzustellen. Das Essen fabrizierte ein Kollege aus Bangladesh in einer winzigen Küche mit einer Durchreiche zur Theke.

Bei den Gästen und ihren Wünschen fing meine Pein erst an. Ich hatte permanent die Chefin im Nacken. In den ersten Tagen viel mir ihre autoritäre Art noch nicht auf. Ich hielt die ständigen Zurechtweisungen für das normale Verhalten eines Vorgesetzten einem Neuling gegenüber. „Du darfst nicht bloß freundlich nicken, du musst die Gäste persönlich begrüßen sobald sie den Raum betreten… drei Teller auf einem Arm ist Minimum… wir sind berühmt dafür das auf unserem Milchkaffee besonders viel Schaum ist… beide Hände auf dem Rücken zu halten wirkt reserviert… immer den Kopf zum Gast geneigt…“, usw. usf.
Ich habe meine Aufgaben schnell gelernt. Ein paar Wochen und ich hatte die Speisekarte drauf. Drei Teller und ein volles Tablett mit Getränken zu balancieren war bald kein Problem mehr. Die Kaffeemaschine wurde zu meinem Freund. Nur das Gelaber der Chefin hörte nicht auf. Sobald es die Büroarbeit zuließ stand sie hinter der Theke und maßregelte mich und griff wo sie nur konnte in den Arbeitsprozess ein. Sie hatte eine panische Angst ich würde sie betrügen und überprüfte jede Stunde die Kasse. Geizig bis zum Anschlag. Altes Brot das auf den Tellern der Gäste liegen blieb, bewahrte sie auf um es mich erneut servieren zu lassen. Halbvolle Colagläser bedeckte sie mit Plastikfolie und stellte sie in den Kühlschrank. Vergammeltes Gemüse und Obst sammelte sie in Schalen und Töpfen um damit später sonst was anzustellen. Entsprechend sahen die Kühlschränke aus. Altes Fleisch, stinkender Fisch, halbvolle Flaschen und Gläser en masse. Alles in Unordnung. Aber die Fassade nach außen stimmte. Die Frau war ein Messi und verbot uns strikt in ihre Unordnung einzugreifen. Bestellte ein Gast ein Glas Rotwein, fand ich den hinter der Theke im Rotweinregal. Sollte es ein Glas Chardonnay sein, stand der im nach vergammeltem Gemüse stinkenden Keller hinter den Bierflaschen. Sekt: Hinter dem halbgefrorenen Fisch im Glaskühlschrank in der Küche. 60% meiner regulären Arbeitszeit bestand aus Sucherei. Was ich in dieser Zeit nicht schaffte (Putzarbeiten und Vorbereitungen für den nächsten Morgen), durfte ich unbezahlt nacharbeiten. Selbstverständlich. Wenn ich etwas vergaß, gab es hysterisches Geschrei. Ein ständiges Stakatto autoritärer Belehrungen. Und das war nur der Anfang.
Nach zwei Wochen begann W. mein Privatleben zu erforschen. Ich berichtete wahrheitsgemäß in der Hoffnung eine arglose Zutraulichkeit würde sie in Zukunft ein wenig milder stimmen: Keine feste Freundin, kein Kinderwunsch, keine konkreten Karrierepläne, Hobbys: Computerspiele, ein bisschen Politik. Das war ein kapitaler Fehler. Damit hatte ich mich in ihren Augen selbst zum allerletzten Halodrie abgestempelt. Jetzt wurden mir in regelmäßigen Abständen „echte Herren“ vorgestellt. Ihr Sohn: 28, Berufsoldat, verheiratet, ein Kind. Ein Professor mit verrauchter Stimme und ähnliche Leute. Sie schimpfte auf die „brotlosen Künstler“ und palaverte über mein offizielles Schmarotzerdasein als Arbeitsloser. Sie müsse mich mal richtig „schleifen und zur Arbeit ran ziehen“ und „unter die Flügel nehmen“.

Ich kam aus diesem Psychofilz nicht mehr heraus und wurde in ihrer Gegenwart zum Kleinkind. Schon im Bus, eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn bekam ich Schweißperlen auf der Stirn. Ob ihres kompromittierenden Benehmens verschlechterte sich meine Arbeitsleistung. Nervosität, Gestammel, Gestolper. Das stachelte sie nur zu weiterem Sadismus an. Sie zwang mich mehrmals Gästen das falsche Getränk zu bringen („du sollst mir nicht wiedersprechen!“) um sich dann danach bei denselben Gästen über meine angebliche Schusseligkeit lustig zu machen.
Unter dem fadenscheinigen Vorwand ich hätte mich zu ihren Ungunsten bei der Abrechnung vertan, begann sie mein Trinkgeld einzubehalten. Irgendwann tat sie das dauerhaft. Dafür wurde die Arbeitszeit verlängert. Ohne Lohnausgleich.

Ich ertrug das Ganze nur noch weil ich mich daran gewöhnt hatte jeden Tag das essen und trinken zu können was ich mir wünschte. Ich war abhängig von dem Job. Das Privatleben litt unter diesem teuer erkauften Luxus. Ich merkte das zunächst nicht. Der Frust und die unmittelbare Wut über das wiederliche Arbeitsklima verrauchten regelmässig innerhalb von wenigen Feierabendstunden. Aber irgendwas blieb im Hinterkopf und nachts trank ich doppelt soviel wie zuvor ohne es zu merken und prügelte mich wie in der Pubertät.

Für den Arbeitskollegen aus Bangladesh lief es noch schlimmer. Der kam nach einem 8 Stunden Tag aus einer Hotelküche und machte dann seine Schwarzarbeit in dem Cafe. Der fütterte so seine Familie in Bangladesh durch und sparte seit Jahren für Tickets nach England. Dort wollte er mit seiner Frau und den drei Kindern wohnen und arbeiten. Wenn ich mich mal bemitleidet habe, musste ich nur an den denken und da wurde mir ganz anders (ich als Wohlstandsbalg mit dem unveräußerlichen Recht auf Sozialhilfe).
Ich habe ihn mal gefragt wie er sein Leben eigentlich aushält. Er hat nur gelacht und mit der Hand eine Trinkbewegung gemacht. Das nenn ich Entfremdung.

Wenn die Chefin einmal ihre Freundinnen zum Kaffee einlud war das immer eine Gelegenheit zu besonderer Peinlichkeit. Verlogener Smalltalk mit gelangweilten Hausfrauen. Eine von denen fand mich irgendwie toll und erzählte ständig von ihrem schwarzen Exmann. Beim nächsten Cafebesuch brachte sie mir ungefragt amerikanische Black-Power-Literatur mit. Positivrassistisches Sexklischee „ick hör dir trapsen“. Ich hatte leider nicht die Chance ihr mitzuteilen dass ich nicht das Bedürfnis verspürte mich mit ihr über ihre Ansichten zur Schwarzenemanzipation zu unterhalten. Auch nicht bei ihr zu hause. Auch nicht bei einem Glas Weißwein. Die dazugekommene V. nutzte die Gelegenheit den Koch in die für sie launig anmutende Dreierrunde zu zitieren um ihm zu erklären dass wir (ich und der Koch) nicht „schwarz“ sondern „braun“ seien. Derlei dummes Gefasel um unsere Hautfarbe, eine viertel Stunde lang. Seine radebrechende Gegenrede blieb nutzlos.
Ich stahl mich unter dem Vorwand aufs Klo zu müssen aus der Verantwortung und schämte mich. Immer lächeln und später trinken. Die Kiste mit den Büchern habe ich hinter der Theke stehen gelassen.

Die folgende Nacht habe ich nicht geschlafen. Ich habe mich hin und her gewälzt und bin am Ende zu dem Schluss gekommen mir vor der nächsten Schicht einen neuen Job suchen müssen. Ich bin dann den ganzen Vormittag durch die Stadt gerannt und habe einen Laden nach dem anderen abgeklappert. Nix. Deprimiert bin ich pünktlich im Cafe erschienen und habe mit der Arbeit begonnen. Total übermüdet. Zunächst musste ich fünf Orangen halbieren für einen frisch gepressten Saft für W. Der Laden war noch leer. Sie griff mir mehrere Male zwischen die Finger und beschwerte sich ich würde die halbierten Scheiben nicht genügend auspressen. Überhaupt sei ich in ganz schlechter Verfassung. Das hätte ich gestern bewiesen, mit meiner wortkargen Art ihrer Freundin gegenüber.
Aus einem Affekt heraus habe ich ihr das gezackte Messer in die kleine Kuhle zwischen Halsende und Brustbein gestoßen. Sie riss die Augen in Panik auf, röchelte als hätte sie sich verschluckt und viel um. Das Messer blieb stecken. Es floss kein Blut. Total unspektakulär. So hatte ich mir das nicht gedacht. Wenn ich Gewaltphantasien habe, dann richtige. Mit Blutfontänen, knackenden Knochen und aufgeschlitzten Bäuchen. So durfte das nicht enden. W. lebte noch und ich schleifte sie an den Beinen in den Keller und legte sie mit dem Kopf auf eine der Kisten mit vergammeltem Gemüse. Ich stemmte meinen linken Fuß gegen ihren Brustkorb und zog das Messer aus der Luftröhre. Sie röchelte noch stärker und begann aus dem gezackten Schlitz in der Luftröhre zu atmen. Ein kleiner blutiger Rinnsaal floss in die Bluse. Jeder ihrer Atemzüge verursachte ein flatterndes Geräusch. Widerlich. Eine Zigarette rauchend, verfolgte ich interessiert das Geschehen.
Danach zertrümmerte ich ihren Schädel mit einem Stein den ich im Hof gefunden hatte. Eine schweißtreibende Arbeit. Alles war blutverschmiert und ich brauchte bestimmt 20 Schläge. Hirnteile klebten mir an der Hose. Mit einem Taschentuch habe ich vom Boden Blut aufgetupft und einen Spruch an die weiße Kalkwand geschrieben: „Eine Charaktermaske weniger!“.
Ich habe sie dann dort liegengelassen. Bin einfach nach hause gegangen. Und bisher habe ich von der Sache auch nichts mehr gehört. Nichts im öffentlichen Polizeibericht, nichts in der Zeitung.


Was habe ich aus der Sache gelernt? Nichts was ich nicht schon wüsste. Manchmal hat der Marxismus-Leninismus eben doch Recht. In meinem konkreten Alltag bringt mich die kritische Theorie, die wertkritische Kategorialkritik und die apersonale Herschaftskritik jedenfalls nicht weiter. Es fehlt eine communistische Partei. Es fehlt die revolutionäre Klasse der ich mich anschließen könnte. Nur der Hass ist schon da. Den werde ich beizeiten in solchen Artikeln kanalisieren. Besser als Antisemitismus und Fussballhooliganismus ist das allemal.


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