Holunderherzen

Von Buecherchaos @FranziskaHuhnke

Holunderherzen

Brigitte Janson

List, 2015

978-3548612874

9,99 €

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Nach einer gescheiterten Beziehung hat Anne die Nase voll von der Liebe und hofft auf die heilende Wirkung ihrer Tante. Die eigenwillige Tilly ist das schwarze Schaf der Familie und Annes großes Vorbild. Doch Tilly scheint selbst nicht ganz auf der Höhe zu sein: Ihr Öko-Hof in der Lübecker Bucht ist halb verlassen, einzig ihr Mops Hugo leistet ihr Gesellschaft. Hinter der spröden Fassade ihrer Tante entdeckt Anne eine verletzliche Frau, die oft zerstreut wirkt. Anne beschließt zu bleiben und den wild wachsenden Holunder auf Tillys Hof zur neuen Einnahmequelle zu machen. Dabei wird sie tatkräftig unterstützt vom Fischer Thies, und auch der Landarzt Carsten lässt sich überraschend oft blicken. Vielleicht ist in Sachen Liebe ja doch noch nicht alles zu spät?

Ob nun Tilly oder Anne die Hauptprotagonistin ist, darüber möchte ich nicht streiten. Sie nehmen jeder sehr viel Platz in der Erzählung ein, haben jeweils eigene Freunde, Tiere und ein eigenes Zuhause. 

Fangen wir mit der älteren Person an. Tilly hat in ihrem Leben schon viel erlebt. Nun ist es für sie Zeit etwas Neues auszuprobieren und so zog sie mit fremden Leuten in eine einsame Gegend und wollte diese selbst bewirtschaften. Alle zeigen ihr den Vogel und auch der Leser merkt, dass Tilly eher ausgefallen gelebt hat. Sie wird nicht jedermanns Person sein. 

Anne, rund vierzig Jahre jünger, weint ständig, verliebt sich oft und findet nie den Richtigen. Sie ist sehr konventionell was ihre Lebenseinstellung betrifft und passt so gar nicht zu ihrer Großmutter. Ihre Eltern sind auch eher steif, die Männer, die sie sich aussucht sind bestimmend und rechthaberisch. 

Es gibt einen lustigen, oft knurrenden und bellenden Mops namens Hugo. 

Ich liebe die Ostsee, was spricht mich als Leserin also am meisten an? Die Spaziergänge an den Klippen, das abgelegenen Dasein von Tilly, haben mir gut gefallen. Ich mag die Flora und Fauna samt Holunderbüschen, hätte mich aber über ein bisschen mehr Tierwelt gefreut ;) Ich meine, ich habe keine einzige Möwe “gelesen”. 

Tilly ist eine Frau, die ihren eigenen Weg geht, Anne hat ihn noch nicht gefunden. Ihre Eltern beschützen sie immer noch – sie ist schon vierzig. Der Mann ist mal wieder weg und da sie nur einen gut gehenden Partylieferservice hat, schmeißt sie alles hin und zieht zu Tilly. Dieser Vorgang dauert keine 100 Seiten, danach geht es genau so rasant weiter. 

Während andere Figuren sich entwickelt hätten, ich ihre Gedankengänge kennengelernt hätte, ist es bei Anne genau andersherum. Sie sieht jemanden, ist sofort verknallt und auch eine andere Idee setzt sie sofort um. Sprechen? Den Leser mit einbeziehen? Das gibt es relativ wenig und davon bin ich wirklich enttäuscht  Ich konnte keine Verbindung zu ihr aufbauen. Diese war eher mit Tilly möglich, aber auch nur, weil alle beginnen sie zu bemuttern und sie eine ziemlich ruppige Person ist. Auf den Mund gefallen? Das gibt es bei Tilly nicht. 

Es fehlt mir einfach grundsätzlich an Entwicklung. An einer Stelle habe ich gedacht: Was ist da denn jetzt passiert? Ich blättere um, und Anne hat eine Entscheidung getroffen, Gefühle entwickelt und ich habe nicht verstanden: wie, wann und warum. Ich hätte gerne noch ein paar Seiten mehr gelesen, um die Handlung richtig mitzuerleben, denn verstanden habe ich sie. 

Jetzt kommen noch ein paar knappe Worte zum Ende: es ist eines der traurigsten Enden, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Ich kann es nachvollziehen, verstehe die Beweggründe, aber so etwas lesen und miterleben möchte ich nicht. Da bin ich (auch aus privaten Gründen) etwas empfindlich. 

Das Cover ist ein Traum und lädt zum Lesen ein. Mir gefällt die Farbwahl sehr gut, der Vogel ist niedlich. Insgesamt ist das Buch auch gut gesetzt im Innern, hat angenehme Kapitellängen zu bieten und eine sehr schöne Schreibweise der Autorin. 

Enttäuscht ist vielleicht das falsche Wort, aber die Figurenentwicklung machte eigenartige Sprünge und machte mir damit keine Freude. Die Geschichte an sich ist dennoch lesenswert, sie hätte aber ruhig 100 Seiten länger sein können, wenn ich dann mit Anne warm geworden wäre: