Hoch hinauf zur Königsetappe

Von Erichkimmich @Erich_Kimmich

Nach dem Frühstück in Castrovalva starten wir mit gemischten Gefühlen: Der Blick ins Tal hinunter nach Anversa ist reichlich im Dunst, der Himmel ist bedeckt. An alten Häusern und einem schönen Brunnen vorbei geht es auch gleich schon nach dem Ortsende steil bergauf. Schritt für Schritt steigen wir aufwärts.

  

Immer wieder ist Gelegenheit, sich umzuwenden und den atemberaubenden Blick ins Tal zu genießen. Es dauert nicht lange und wir sind so steil aufgestiegen, dass wir nun Castrovalva und Anversa direkt nebeneinander fotografieren können – dennoch sind diese Orte kilometerweit auseinander, auch was die Höhe betrifft.

  

  

  

Unterhalb der Kammhöhe bietet die Fontana Celidona ihr frisches Wasser für uns an. Ein letzter Blick nach Castrovalva hinab. Pferde kommen uns entgegen. Die Neugier ist aber nicht groß genug – sie bleiben einen Meter auf Distanz.  Herbstzeitlose und Silberdisteln finden wir entlang des Weges.

  

Ab dem Kamm wendet sich der Blick nach vorne – zum nächsten Sattel, den wir in einer guten Stunde erreichen werden: ein deutlicher Einschnitt zwischen zwei bewaldeten Hängen. Der schmale Weg geht nun leicht abwärts durch ein Hochtal. Die Wolken haben der Sonne Platz gemacht und wir genießen die Freiheit hier oben. Wir folgen einem kleinen Bachbett aufwärts. Am Wegrand erfreuen uns die blauen Disteln und interessante Pilze. Wir wandern durch ein kleines Buchenwäldchen und erreichen den Pass bei der Kapelle L’Immacolata. 1.435 Meter hoch ist das heute der höchste Punkt unserer gesamten Tour.
Zum letzten Mal schauen wir zurück auf das Tal von Anversa und den Monte Sirente.

  

Die kleine Kapelle wurde erst vor ein paar Jahren renoviert und ist sogar mit einer solaren Stromversorgung ausgerüstet, die die Marienstatue mit bläulichem Hintergrundlicht versorgt. Im Süden sehen wir tief unten den Lago di Scanno und das Örtchen Scanno, rechts davon die Bergkette der Terratta. Zeit für eine Genießerpause an diesem sonnigen, aussichtsreichen Fleckchen Erde! Hinter der Kapelle sind Bänke und ein Tisch. Schnell sind die Lebensmittel ausgepackt: Brot, Käse, Wurst, Schokolade – nur auf das traditionelle Schlückchen Rotwein müssen wir heute verzichten.



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Schuhe, Socken und Sohlen ausgepackt und in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet. Doch die schöne Rast geht nach einem Nickerchen zu Ende. Wir steigen steil auf einem Fahrweg hinunter. Ein junger Mann hoch zu Roß zieht drei Maultiere hinter sich her. Tief unten sehen wir das Ruinendorf Frattura Vecchia.

  

  

Frattura Vecchia wurde 1915 durch ein Erdbeben zerstört. In der Nähe entstand später der neue Ort Frattura. Zur Zeit werden einige Häuser des alten Dorfes restauriert. Wir fotografieren die western-artige Kulisse der Hausruinen. An einem Haus hängt die Bettwäsche zum Lüften draußen, das andere ist reine Ruine und auf einer Seite völlig offen. Ein kleiner Pfad führt unterhalb der Häuser tiefer hinunter. Wir haben einen riesenhaften Geröllhang vor uns – Folge eines Bergrutsches vor mehreren tausend Jahren. Dadurch wurde damals der Wildbach im Tal aufgestaut und es entstand so der Lago di Scanno. Der Ortsname Frattura erinnert an die geologische “Fraktur”.

  

Um eine Kuppe herum sehen wir das neue Frattura unterhalb des Weges liegen, wir biegen links ab und steigen wieder aufwärts. Weit hinten sehen wir immer wieder Scanno und wissen instinktiv, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis wir das heutige Wanderziel erreicht haben werden.



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Die Aussicht ist prächtig, allerdings nehmen die dicken Wolken wieder einen Großteil des Himmels in Beschlag. Fast eben wandernd erreichen wir die Fontana Malvascione und machen hier nochmals eine aussichtsreiche Pause. Nun führt uns der Wanderweg am Rand wunderschöner Kiefernwälder, im Südosten sehen wir den Serra Sparvera, im Südwesten tief unten Scanno.

  

Immer weiter abwärts geht es, durch ein Bachbett, durch eine steile Geröllzone, die uns jegliche Trittfestigkeit abverlangt. Schließlich haben wir mit wackligen Knien den Talboden erreicht und gehen nun ein Stück die Straße aufwärts auf dem Strässchen nach Scanno. Es geht wieder kräftig aufwärts, denn der Weiler schmiegt sich wie ein Vogelnest an einen Bergsporn. Immer noch 1000 Meter hoch sind wir hier.
Im gut erhaltenen historischen Zentrum zeugen aufwendige Palazzi und verzierte Portale und zahlreiche Kirchen vom früheren Wohlstand. Leider hat es zu regnen begonnen. Wir fragen ein älteres Ehepaar nach dem Weg zum Hotel Roma – das auf der anderen Seite des Bergsporns liegt. Endlich haben wir unser Ziel erreicht. Die heiße Dusche ist eine Wohltat.

Das Abendessen nehmen wir außerhalb des Hotels ein. Leider hat die empfohlene Pizzeria heute nicht geöffnet. So entscheiden wir uns für das Ristorante La Valle in der Via Pescara. Eine abruzzesische Platte zur Vorspeise und eine knusprige Pizza bringen uns die verbrauchten Kräfte wieder zurück. Nebenher planen wir die optimale Bus-Zug-Kombination nach Hause. Ein Streik der Lokführer lässt uns befürchten, dass wir es am nächsten Tag nicht gänzlich nach Hause schaffen werden.

  

heiter/Regen    16,3 km  2,94 km/h   934 hm     875 hm   8:29 Std.

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