Hilfe, Zweitkind?!

Von Grummelmama
Da ich in letzter Zeit immer mehr hilfesuchende Blicke von (vielleicht) werdenden Zweitmüttern zugeworfen bekomme, dachte ich, ich schreibe einfach hier eine Zusammenfassung meiner Antworten für alle:
Da hat man also die erste Schwangerschaft, die erste Geburt und die ersten Wochen, Monate und vielleicht Jahre mit dem Erstkind hinter sich gebracht, da werden schon die ersten Hormone in Mutter (und auch Vater) wieder lauter, die Gedanken wie "Geschwisterchen" und "Hach, was wäre das schön, wenn..." in die elterlichen Köpfe pflanzen. Doch dann sieht man das Erstkind, wie es spielt, schläft, lacht und die ganze Liebe und Aufmerksamkeit von Mama und Papa, von Omas und Opas, Onkels und Tanten genießt. Und dann melden sich auch die ersten Zweifel und Fragen an, mit denen fast alle Eltern zu kämpfen haben.
Hier ein paar der typischen Ängste und seltsamen Ideen zum Thema Zweitkind:
1) Was, wenn ich das zweite Kind nicht so lieben kann wie das erste?
2) Was, wenn ich das zweite Kind mehr liebe als das erste?
3) Was, wenn das erste Kind schwer darunter leidet, nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen?
4) Was, wenn das zweite Kind schwer darunter leidet, nicht so im Mittelpunkt stehen zu können?
5) Was, wenn ich es mit zwei Kindern nicht schaffen kann?
6) Was, wenn das zweite Kind krank ist?
Ich versuche einfach mal, alle Fragen aus meiner Sicht zu beantworten. Und vorweg: Ja, ich habe sie mir alle auch gestellt.
Sobald einem die Hebamme das Zweitkind auf den Arm gegeben hat, wird man es wunderschön und einzigartig und unfassbar liebenswert finden. Bei mir waren in diesem Moment alle Zweifel und Ängste weggespült und ich fühlte mich wie damals, als ich die Maus im Kreisssaal zum ersten Mal in den Armen hielt. Es war MEIN Baby, nicht mehr und nicht weniger. Eltern, vor allem Mütter, neigen dazu, sich in den Irrglauben um Ungerechtigkeiten und Unausgewogenheiten in der Gefühlswelt mit ihren Kindern zu verrennen. Man ängstelt wegen "Lieblingskindern" oder "Bevorzugungen", die man selten oder vielleicht gar nicht bemerkt. Und hier muss ich sagen, ja, doch, das ist so. Meiner Meinung nach hat man Lieblingskinder und es wird auch klare und deutliche Bevorzugungen geben. ABER das wechselt! Ich finde es etwas unehrlich, wenn man als Mutter immer davon sprechen muss, dass man alle Kinder gleich liebt. Denn ehrlich gesagt finde ich das ungerecht. Ich liebe nicht beide Kinder gleich. Ich liebe jedes auf seine ganz eigene Art und Weise. Und manchmal ist die Maus mein Lieblingskind - und dann wieder das Mäuschen. Das würde ich natürlich nicht laut sagen, aber dennoch ist es so. Jedes Kind hat seine ganz eigenen Stärken und Schwächen, seine Vorlieben und Abneigungen, seine Pros und Contras. So wie jeder Mensch auf dieser Welt. Und genau deshalb kann man nicht alle gleich lieben - was aber nichts mit "mehr" oder "weniger" lieben zu tun hat.
Als ich in den letzten Wochen der Zweitschwangerschaft mit der Maus unterwegs war und mit ihr noch einmal all die letzten Dinge machte, die in meiner Vorstellung nie mehr so sein würden wie jetzt, wurde ich immer verdammt traurig und sentimental, wenn ich sie beim Spielen beobachtete. Sie war 3 1/2 Jahre alt und mein kleines Babychen, mein Herz und mein Leben. Es gab nur sie und uns. 3 1/2 Jahre lang drehte sich unsere Welt um dieses Mädchen. Und bald, das wusste ich, würde ich nicht mehr so viel Zeit und Aufmerksamkeit für sie haben können. Und ich hatte eine Riesenangst davor, dass sie das deutlich spüren und darunter leiden würde. Ich kann nicht für andere Eltern von Geschwisterkindern sprechen (und ich selbst war 14 Jahre alt, als meine Brüder zur Welt kamen), aber ich für meinen Teil hatte mir all diese Gedanken umsonst gemacht. Klar stand sie nicht mehr im Mittelpunkt, aber ab dem Moment, wo wir mit dem Mäuschen aus dem Krankenhaus kamen, liebte sie ihre kleine Schwester - und wenige Monate später konnte sie gar nicht glauben, dass das Mäuschen einmal nicht bei uns gewesen sein sollte. Sicher gibt es Eifersüchteleien und Neid. Wäre dem nicht so, würde ich mir ernsthafte Gedanken machen. Aber alles in allem ist es doch so: Für beide Kinder ist das eine Win-Win-Situation. Die Große HATTE immerhin 3 1/2 Jahre ganz alleine mit uns, die die Kleine niemals haben wird - und umgekehrt genießt die Kleine von Beginn an den Luxus einer großen Schwester, von der sie geliebt wird und die ihr alles zeigen kann, was man als kleines Grummelmädchen so wissen muss. Und heute, nach 17 Monaten Mäuschen-Leben spielen die beiden miteinander, ärgern sich, toben gemeinsam durch die Wohnung und auf unseren Nerven herum - und ich weiß, dass es die absolut richtige Entscheidung war.
Natürlich wird alles anders mit einem zweiten Kind. Der ganze Alltag, den man sich als Ein-Kind-Eltern so schön zusammengeschustert hat im Laufe der Monate, wird von Grund auf durcheinander geworfen und umgekrempelt. Alles dauert länger, ist komplizierter und muss neu überdacht werden. Als das Mäuschen die ersten Tage in unserem Leben war, saß ich abends weinend auf dem Bett, weil ich - hormongebeutelt vom Wochenbett-Blues - mir sicher war, dass ich das NIE NIE NIE auf die Reihe kriegen und nichts mehr je gut werden würde. Ich würde NIE mehr die Maus kuschelnd und vorlesend ins Bett bringen können, weil das neue Baby im Wohnzimmer aus Leibeskräften schrie und diese Schreie in mir Übelkeit verursachten und meine Nerven zerstörten. Wir würden NIE mehr in Ruhe gemeinsam zu Abend essen können, NIE mehr mit der Maus spielen, NIE mehr zusammen einkaufen gehen können. Es würde sich NIE ein Alltag einstellen. Dessen war ich mir, heulend, sicher. Während ich diese Worte hier schreibe, muss ich lachen. Denn dieses NIE, das bin ich. Ich neige zu Übertreibungen und Panikvorstellungen von allem und jedem. Und dieses NIE begleitet mich mein Mutterleben lang. Und es ist UNSINN! Ein paar wenige Wochen später war alles normal. Ich brachte die Maus kuschelnd und vorlesend ins Bett, während der Mann im Wohnzimmer das Mäuschen bespaßte und nachdem wir in aller Ruhe gemeinsam zu Abend gegessen hatten. Und unglaublicherweise konnten wir auch ein paar Tage nach meinen Horrorgedanken gemeinsam einkaufen und mit der Maus spielen gehen. Es ist lauter geworden, chaotischer, unaufgeräumter, enger - aber selbst ich habe es geschafft, nicht komplett überfordert durchzudrehen. Und wenn ich das schaffe, dann schafft es jeder, der auch nur einen Gedanken an ein zweites Kind denken kann.
Und dann wäre da noch die Angst um ein krankes Kind. An dieser Stelle kann ich leider nicht weiterhelfen. Ich bin unendlich dankbar für meine beiden gesunden Kinder, aber ich kann die Ängste und Fragen komplett nachvollziehen. Auch wir haben diese Gedanken durchgespielt. Denn all die Fragen, die man sich sowieso schon stellt, werden wirklich ad absurdum geführt, wenn man diese Überlegungen und Szenarien weiterspinnt. Aber ich denke und hoffe und glaube fest daran, dass auch dieser Fall, sollte er eintreten, gut gemeistert werden kann. Denn wenn ich eins gelernt habe, dann dass bei Familie und Kindern die Theorie meist viel erschreckender und unüberwindbarer erscheint, als es die Praxis hinterher tatsächlich ist.
Ich wünsche an dieser Stelle allen werdenden Zweitmamas eine tolle Schwangerschaft mit wenig trüben Gedanken und Ängsten und - allen noch grübelnden Eltern rate ich, einfach an all die Sorgen und Überlegungen zu denken, die man sich schon vor dem ersten Kind gemacht hat. Und dann erinnern wir uns doch alle wieder daran, schmunzeln und fassen all das mit den passenden Worten von Wilhelm Busch zusammen:
Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt!