Heut`gehen wir zu Schubert!

© Schauspielhaus / Franziska Weisz, Clemens Kerschbaumer, Johanna Rehm

Franziska Weisz, Clemens Kerschbaumer, Johanna Rehm © Schauspielhaus

Manches kann man wörtlich nehmen – wie die Überschrift dieses Artikels. Im 4. Teil von Schuberts Winterreise, derzeit im Schauspielhaus in Wien auf dem Spielplan, marschiert das Publikum im Pulk – wie immer bei dieser Produktion – durch die kalte Winternacht. Dieses Mal jedoch nicht in ein Theater oder in eine Schule sondern in die Severinstraße zu – Frau Schubert. Sie stammt nicht aus der Feder des Autors Thomas Arzt und trägt ihren Namen nur während der Aufführung. Sie wohnt tatsächlich in der Wohnung mit einem klavierbestückten Salon, der gerade groß genug ist, das Publikum und die Schauspieler für kurze Zeit zu beherbergen.

In diesem Ambiente, das wunderbare Assoziationen zu den Schubertiaden erweckte, die der Komponist mit seinen Freunden in einigen bürgerlichen Salons abgehalten hatte, in diesem Ambiente sang und spielten die aus der Theaterserie bereits Bekannten dieses Mal unter der Regie von Rudolf Frey.

Obwohl der Gesundheitszustand Franz Schuberts gleich zu Beginn des Abends als übel charakterisiert worden war, waren es nicht Angst, Mitgefühl, waren es nicht Trauer und Melancholie, welche die Gefühle der Zuseherinnen und Zuseher beherrschten. Nein, es durfte gelacht werden! Spaß und Humor standen hoch im Kurs und erst im Ausklingen der Vorführung schloss sich der Kreis zu Schuberts schwerer Erkrankung.

Franz Grillparzer, Moritz von Schwind, Johann Mayrhofer, Joseph von Spaun, Franz von Schober, Anna Fröhlich, Justine von Bruchmann, Johann Michael Vogel, Johann Senn oder Leopold Kupelwieser – alle waren sie im kleinen Salon zusammengekommen, um miteinander zu lachen, zu politisieren, Schuberts neueste Kompositionen zu hören und sich Gesellschaftsspielen hinzugeben. Die Idee, die Doppelbesetzungen durch kleine Nummerntäfelchen erkenntlich zu machen, deren Personenzuordnung man wiederum auf einer Liste fand, die an die Wand gepinnt worden war, kann als famos bezeichnet werden. Was diesen Abend neben der schon besagten lockeren und heiteren Grundstimmung auszeichnete war der Text des Autors Thomas Arzt, der sich mit der Regie aufs Allerbeste verschränkte. Fiktion und Wirklichkeit, Leben und Theater, das Gestern und das Heute – all das verschwamm ineinander und bezauberte deswegen so ungemein. Das Spiel im Spiel, die Kunst, die bei Schubert nichts anderes als pures Leben war – all das bildete ein so dichtes und zugleich schillerndes Gewebe, dass ein Sezieren des Gesehenen scheitern muss, weil es eines nicht kann: Jene sinnlichen Momente wiederzugeben, die an diesem Abend das theatralische Geschehen so herrlich ergänzten: Die kalte Winternacht, durch die man zuerst marschieren musste, die leicht schneebedeckte Strudelhofstiege, die in raschem Schritt erklommen wurde, die Mittfünfzigerin , welche auf dem Zebrastreifen vom Publikumsgrüppchen überrascht wurde und die ausrief: „Die sind aber nicht von da! Aus unserem Bezirk sind die nicht!“, der knarrende Parkettboden in Frau Schuberts Wohnung, der heiße Tee, der ausgeschenkt wurde, die voluminöse Tenorstimme von Clemens Kerschbaumer, der von Stephen Delaney am Klavier begleitet wurde.

All das, aber wie bereits angeführt, vor allem der Text selbst, der nicht nur Schuberts Befinden und seine Zeit gekonnt einzufangen versuchte, würzten diesen besonderen Abend. „Der Lindenbaum“ – jenes Lied, das mit den Worten „Am Brunnen vor dem Tore“ weltberühmt wurde, erlebte von Arzt eine tiefsinnige Frischzellenkur. Das Träumen von Liebe, ihr Hochgefühl und die Angst der todbringenden Liebe – die Schubert leider jahrelang am eigenen Leib erfuhr, wurde von Johanna Elisabeth Rehm und Franziska Weisz in leicht oberösterreichisch eingefärbtem Sprachduktus vorgeführt. Sebastian Zeleny, Hannes Pendl und die beiden schon genannten Musiker setzten noch ein wenig drauf, indem sie die Damen im selben Dialekt mit Rosen verglichen – bis hin zu jenen, deren Schönheit gerade im Verblühen besonders deutlich wird. Hätte dieser Abend keinerlei weiteren Attraktionen bereit gestellt gehabt – diese eine kurze Textpassage hätte gereicht, ihn für sehenswert zu erklären. Sie zeigte auch, wie sehr Thomas Arzt die Sprache als musikalisches Mittel einzusetzen imstande ist. Es gelang ihm der Hochseilakt, seine sinnliche Sprachmelodie mit Intellektualität zu unterfüttern, die niemals mit der Brechstange, sondern vielmehr mit einem kitzelnden Federchen die Menschen irritierte und damit zugleich begeisterte.

Ein intimer und Sinn-voller Theaterabend mit zusätzlich hohem Vergnügungspotential.

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