Heute ausnahmsweise mal für weniger Meinungsfreiheit

Seit mehr als 20 Jahren freue ich mich täglich wieder über die Möglichkeiten, die mir das Internet bietet. Ich kann mich ohne Mühe aus allgemein und frei zugänglichen Quellen umfassend und breit gefächert informieren, die unterschiedlichsten Standpunkte kennenlernen und aus einem unerschöpflichen Angebot an Sichtweisen und Meinungen auswählen. Dass heute jeder seine persönliche Sicht auf die Welt in Blogs ausdrücken kann, dass wir viel mehr Innenansichten von Menschen bekommen, die in Toronto, Athen, Peking, Moskau, Porto Alegre, Soweto, Ankara oder Sidney leben, ist doch ein wahrer Segen. Wir müssen uns nicht auf die Quellen beschränken, die man uns vorsetzt. Vorbei das Monopol der tagesschau, uns die Welt zu erklären, vorbei der Zeigefingerjournalismus von oben herab, der sich einordnend nannte und doch all zu oft oberlehrerhaft und bevormundend wirkte. Die Blogs und Meinungsseiten lösen den Altherrenjournalismus der vorgekauten, ideologisch geprägten Weltsichten als Quelle des modernen Wissens immer mehr ab, und Zeitungen und Rundfunkanstalten müssen sich schon kräftig anstrengen, um da noch mitzuhalten.

Doch was sich anfangs wie eine große Befreiung von Bevormundung ausnahm, ist inzwischen in eine neue Bevormundung verwandelt worden, in die Bevormundung durch die Schreier. Denn wo Angebot und Nachfrage die Meinungsmacht bestimmen, zählt nicht die Qualität des Inhalts, sondern die Wortgewalt, die Qualität des Ausdrucks, die Meisterschaft des Rattenfängertums und der Manipulation. Nicht, wer intensiv recherchiert und seine Ergebnisse als Fakten präsentiert, hat recht, sondern wer es am besten vermag, seine Gefühle öffentlich zur Schau zu stellen, seine –
natürlich vom sogenannten Mainstream des klassischen Journalismus abweichende – Meinung provokativ und mit Verve zu vertreten. Recht hat, wer eine komplizierte Welt auf einfache Formeln herunterbricht.

Jahrzehnte langkam in der öffentlichen Debatte die Frage nicht vor, ob Deutschland von Ausländern überschwemmt wird, ob sie uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen, ob wir nicht endlich mal unsere eigenen Bürger schützen müssten, anstatt Wohltäter für die ganze Welt zu spielen. Jetzt bestimmen diese Fragen den Diskurs, weil sie die Ängste der Menschen ansprechen, die in der komplizierten Welt den Halt verloren haben. Und die Gründe für ihre Haltlosigkeit werden ihnen von guten Rednern oder auftrumpfenden Scharfmachern in einfachen, kleinen Häppchen serviert, einleuchtend und nicht zu kompliziert, wenn auch auf unverantwortliche Weise verdreht und falsch. Niemand traut sich mehr, von Wahrheit zu sprechen, von Fakten. Entscheidend ist nur noch, was der einzelne Meinungsmacher fühlt, denn das ist ja die neue Freiheit, in der wir leben.

Eigentlich müssten zeitungen und Fernsehanstalten längst tot sein, doch sie haben sich angepasst. Auf ihren Titelseiten und in ihren Talkshows findet man viele Meinungen, die sich seltsamerweise ähneln. Wer Talkshows und Titelseiten der Zeitungen nach dem vermuteten Willen der Konsumenten gestaltet, füllt sie mit schrillen Tönen und scheinbar widerstreitenden Interessen. Dass dabei die schweigende Mehrheit, die bei dem Gebrüll den Mund nicht mehr auf bekommt, unter die Räder kommt, ist nicht so wichtig. Wer den Halt verloren hat, wem die Angst im Nacken sitzt, der schreit, der schlägt um sich.

Das ist also die große Freiheit, die uns das Internet und die Zugänglichkeit zu journalistischen Werkzeugen für Jedermann gebracht hat. Im Bereich der politischen Bildung führte es zur marktgerechten Vorherrschaft der Schreier und Pöbler, denn hier gewinnt, wer sich am besten durchsetzen kann und einfache Kost präsentiert. Je persönlicher die Meinung daher kommt, je mehr sie den althergebrachten Normen des Anstandes, der Zurückhaltung und des Respekts widerspricht, desto mehr wird sie als Revolution, als Befreiung gelobt.

Ich wünsche mir so sehr die Rückkehr des unaufgeregten, recherchierenden, einordnenden Journalismus, wenigstens als machtvolle Alternative zu der Schreierei, die alles übertönt. ich wünsche mir die alte Tagesschau zurück. Natürlich kann sie heute nicht mehr die allein bestimmende Meinungsmacherin sein, und Vielfalt ist immer noch wichtig und wünschenswert, aber zumindest eine, von finanziellen Überlegungen und von Quoten unabhängige, vom Realitätssinn klassischer Journalisten getragene und durch fundierte Recherche verifizierte und daher vertrauenswürdige Stimme muss es geben, um den Haltlosen wenigstens die Möglichkeit zu bieten, ihre Wirklichkeit neu zu begreifen.

Andererseits macht der klassische Journalismus den Fehler, selbst zu verdeutlichen, dass es keine Wahrheit mehr gibt. Er nimmt jede Meinung gleich ernst, und sei sie noch so absurd. Sascha Lobo hat dies in einer Kolumne auf Spiegel Online anschaulich dargestellt: “Wenn Trump morgen sagt, der Mond sei aus Käse, dann lauten die Schlagzeilen: “Trump: Mond aus Käse”
“Trumps Äußerung zum Mond wird von Nasa zurückgewiesen”
“Diskussion um Trumps umstrittene Mond-Meinung”
Drei Tage später lässt sich die Wirkung auf Facebook beobachten, in Form von Beiträgen der Sorte: “Nasa gibt zu: Neil Armstrongs Cousin war zum Zeitpunkt der ‘Mondlandung’ an einer Käsefabrik beteiligt”. Und “Käsemond – Was verschweigen sie uns?”. 200.000 Likes. Dann erscheinen verständnisvolle Debattenartikel, die dazu aufrufen, die Ängste und Sorgen der Käsemondbürger ernst zu nehmen.
Die ersten Fragestellungen in klassischen Medien tauchen auf, ob nicht ein kleiner Teil des Mondes zumindest theoretisch aus Käse sein könnte –
wegen eines Merkel-Fehlers bei der Ergänzung der EU-Käseverordnung Nr. 608/2004 L 50 im Jahr 2015. Oder ob das nicht ohnehin allegorisch verstanden werden müsse und daher durchaus bedenkenswert sei. Letztlich seien die armen Käsemondbürger durch das ständige Beharren der Wissenschaft, der Mond sei aus Stein, geradezu in ihre Weltsicht hineingezwungen worden. Man dürfe nicht einmal mehr ohne harschen Widerspruch den Käsemond erwähnen: Political Correctness in der schlimmsten Form – Zensur, Stalin, Käsemord.” Und dann fügt er hinzu: “Lügen auch Lügen zu nennen, wäre ein Anfang.”

Das Problem ist, dass wir uns schon nicht mehr auf eine gemeinsame Realität einigen können. Früher, als uns die politischen und wissenschaftlichen Vorgänge quasi monopolistisch vermittelt wurden, hatten wir alle dieselben Informationen und Grundannahmen. Es ließ sich immer noch vortrefflich streiten, aber jeder wusste, was der Andere ungefähr meinte, wenn er von Sozialismus sprach. Jeder hatte eine ähnliche Vorstellung davon, wie Demokratie funktionierte, oder dass Amerikaner schon auf dem Mond gewesen waren. Und kaum jemand kam auf die Idee, Bielefeld für ein Hirngespinst zu halten. Heute gibt es diese gemeinsamen Ausgangspunkte kaum noch, und deshalb endet nahezu jede Debatte bestenfalls in der floskel: “Du hast deine Meinung, ich habe meine”, oder schlimmer noch: “Du hast deine eigene Wirklichkeit, ich eine Andere.” Doch ohne eine gemeinsame Wirklichkeit kann man kaum in einer Gemeinschaft zusammenleben und gemeinsame Probleme gemeinsam lösen. Wie soll man gegen den Klimawandel angehen, wenn eine immer größere Anzahl von Menschen seine Existenz bestreitet, obwohl das allen wissenschaftlichen Erkenntnissen widerspricht und nur einflussreichen politischen Gruppen nützt, die keine komplizierten Erklärungen wollen?

Ich bin für Meinungsfreiheit, aber nicht jede Meinung ist Journalismus. Dies müssen wir klar trennen. Dieser Beitrag hier ist ganz klar ein Meinungsbeitrag, kein einordnender Journalismus, obwohl er genau für diesen eine Lanze brechen soll. Im Journalismus wäre weniger Meinung ein Zuwachs an Qualität, und gleichzeitig muss er wieder zu einer Plattform werden, die eine allgemein verbindliche Weltsicht verkündet, gestützt auf wissenschaftliche Erkenntnisse und gründliche, transparent veröffentlichte Recherche. Der Mond ist nicht aus Käse, man kann Mondsteine in die Hand nehmen, und wer etwas Anderes behauptet, hat eine Meinung, sagt aber nicht die Wahrheit und betreibt keinen Journalismus.

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