Helden müssen nicht

Von Vera Nentwich @veraswelt

Helden müssen nicht

Veröffentlicht am 7 Januar 2014 - Tags: Blaue Vögel Schreiben

Foto: Toilet w/ a View von ididj0emama bei Flickr
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Eine Leserin von Rausgekickt: Blaue Vögel fragte mich letztens, warum nirgends in dem Buch stehen würde, wie Mechthild sich die Kontaktlinsen herausnimmt. Ich antwortete ihr, weil es langweilig wäre. Es stünde auch nirgends, wie sie sich die Zähne putzt oder andere Selbstverständlichkeiten. Genau aus diesem Grund sieht man nämlich in Filmen nie, dass Helden auf die Toilette gehen.

Um den Spannungsbogen einer Geschichte zu halten, muss man als Autorin darauf achten, dass man die Dinge beschreibt, die der Handlung dienen und andere entsprechend weglässt. James N. Frey beschreibt es in seinem Buch "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" mit der Prämisse, an der sich alles Geschriebene messen lassen muss. Passt das Erzählte zur Prämisse, dann ist es gut. Passt es nicht, dann muss es weg.
Ich gebe zu, das schreibt sich leicht. In der Praxis ist es nicht immer einfach. Ich stelle mir beim Schreiben beispielsweise eine Szene immer sehr bildlich vor. Ich sehe, wie meine Figur den Raum betritt, wie sie ihre Jacke über den Stuhl schmeißt, sich umsieht, sich dann vielleicht in einen Sessel setzt und in einer Zeitung blättert. Mich stören Ungereimtheiten, wenn sie sich beispielsweise hinsetzt und ihre Jacke nicht zuvor abgelegt hat. Also neige ich dazu, diese Details zu beschreiben. Das ist schön und realistisch, aber ist es auch spannend? Wenn ich diese Szenen dann im Nachgang lese, fällt mir auf, wie langweilig es ist, und lösche die Details. Dabei ist es nicht immer einfach, dies zu entscheiden. Die gleiche Szene würde nämlich spannend, wenn dem Leser vorher mitgeteilt wurde, dass auf dem Sessel eine Kobra herumkriecht. Allerdings kann man es auch dann noch übertreiben mit den Details. Ewig hält so eine Spannung nämlich nicht vor. Es ist also immer ein Abwägen, wobei ich mehr und mehr die Erfahrung mache, dass es meistens besser ist, diese Alltäglichkeiten zu löschen. Sie vermisst nämlich niemand.
Oder habt ihr euch schon mal gefragt, warum Supermann nie auf die Toilette muss? Wäre doch nicht spannend und sähe mit seiner Strumpfhose auch wirklich komisch aus.
Wenn dann aber eine Figur einer Geschichte auf die Toilette geht, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass dort etwas Wesentliches geschieht. Mechthild, aus Rausgekickt: Blaue Vögel geht tatsächlich an einer Stelle auf die Toilette. Die, die es schon gelesen haben, wissen, dass etwas geschieht und die, die es noch nicht gelesen haben, werden es sich jetzt denken können.

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