Helden meines Alltags, Teil 1

Letzte Woche Mittwoch, ein ganz normaler Morgen: Der Wecker brummt, nachdem ich endlich wieder eingeschlafen war. Dieses Mal war es Größtes gewesen, dass sich in unser Bett geschlichen und mich dann mit Spitzellebogen und Strampelfüßchen malträtiert hat, ahrg.
Dann noch die übliche “Papi, wohin gehst Du?”-Arie vom Mittleres, als sich Herr L. zur Arbeit macht … Man stellt sich manchmal Fragen.

Aufgestanden, nützt ja nix, raus aus dem kuschelweichwarmen Bett, *heul*
Der Plan: Kinder füttern, Kaffee trinken, nicht rauchen, alle fertig machen, Größtes losschicken, Kind 2 in den Kindergarten bringen, einkaufen, dann müsste mal wieder das Bad geputzt werden, Wäsche anstellen, bisschen Blog, dann Sport, duschen, kochen, zwischendurch vielleicht noch –
“Mama?”
Oha! So still und leise kenne ich mein Mittleres ja gar nicht! “Was ist los, mein Schatz?”
“Ohr Aua!”, sagt es mit trauriggroßen Augen und zeigt auf das rechte Öhrchen. Oha. Nicht gut. Gar nicht gut.
Und ehe man sich`s versieht, ist auch schon mein ganzer Vormittagsplan im Eimer. Ahrg.

Größtes wird auf den Schulweg geschickt, dann heißt es warten. Der Kinderarzt macht nämlich erst um 8 Uhr auf, vorher anrufen ist also nicht. Ich packe mir Mittleres und Kleinstes und mache sie abfahrbereit, falls wir sofort loskönnen, mehr kann ich nicht machen.

7:50 Uhr (Man kann´s ja mal probieren): *Tuuuuuut*, *Tuuuuuut*
7:55 Uhr: *Tuuuuuut*, *Tuuuuuut*
7:58 Uhr: *Tuuuuuut*, *Tuuuuuut*
7:59 Uhr: *Tutututututut*, *Tutututututut* – Spaßkekse.
8:00 Uhr: “Freundliche MfA Ihres Kinderarztes, was kann ich für Sie tun?”
Oha. Da hör ich schon am Klang der Stimmt, dass es heute hektisch ist …
“Logan hier, guten Morgen! Kann ich mit Mittlerem rumkommen?” sage ich und füge hastig hinzu: “Dem geht es soooo schlecht, das hat bestimmt eine Mittelohrentzündung!”
Kurze Stille, dann: “Ja gut, dann kommense … 9:30 Uhr rum!”
Suboptimal, aber besser als nichts.
“Alles klar”, sage ich daher brav, “danke und bis dann!”

9:30 Uhr also. Mist. GROSSER Mist. 9:30 Uhr ist ab-so-luter Kappes, mistiger als Mist noch, das ist einfach … ahrg.
“Molly-Maus, beruhige Dich”, flüstere ich mir selbst zu und schließe die Augen, “es könnte alles viel schlimmer sein, ommmm. In Herzen der spanischen Sierra, in der Mitte des Salzsees, an den Hängen des Hinduklusch oder in den Tiefen des bayerischen Waldes würde es noch viel länger dauern, ommmm, es ist alles gut!”
Ich beruhige mich lansgam, lächele sanft, schaue aus dem Fenster und übergebe mich.
Nein, keine Sorge: Rein methaphorisch!

Dennoch: WTF ist mit dem Wetter passiert? In die knackige Kälte habe ich das Größte entlassen, mit Handschuhen, Schal und Mütze. Was JETZT da draußen tobt, ist allerdings fieser als Kälte, das ist ein Schneegestöber reinsten Irrsinns!
Irgendwann, während ich meinen zweiten Kaffee trank und Blog gestiezt was Fleißiges gemacht habe, ist da draußen das absolute Chaos ausgebrochen, help!

ICH WILL DA NICHT RAUS, *HEUL*!!!

Nützt ja nix: Mittleres wird immer kleiner und kläglicher. Ich erwäge kurz, ihm ein Zwiebelsäckchen für`s Ohr zu machen. Ist zwar eine große Sauerei (zumindest, wenn ich es mache) und stinkt fürchterlich, aber hilft ja tendenziell.
Andererseits hatte Mittleres das ein Einziges Mal und lehnt es seitdem vehement ab, weil es dann ein “Stinkeohr” hätte. Und für das Theater hab ich jetzt so gar keine Nerven …
Also muss der gute alte Juchu-Saft her und ausnahmsweise Fernsehen. Und ich flitze in die Küche und koche Mittagessen, morgens um kurz nach Acht, geht nicht anders.

Dann Kinder fertig machen und los. Zehn Minuten früher bei dem Wetter …

Und schon erwartet mich die nächste Überraschung: Nicht nur, dass es draußen schneit wie Blöde (und der Schneescheiber selbstredend noch nicht bis in unser Kaff vorgedrungen ist) und ergo Autoscheibenfreikratzen angesagt ist, nein, da hat wohl auch mal wieder irgendwer gestern zu viel Schnee mit ins Auto geschleppt, ergo: Die Scheiben sind auch noch VON INNEN gefroren!
Mann, was hebt das meine Laune!

Das Kleinste moppet, weil kalt, das Mittlere moppert, weil Ohrenaua und kalt, ich moppere kratze stundenlang in der A*schkälte vor mich hin.

Da spricht es mich von hinten an. “Na, Frau Logan?”
Ohhhh nein: Meine Nachbarin Frau Schnabelborn!
Ich drehe mich mangels gesellschaftlich anerkannter Alternativen um. “Guten Morgen, Frau Schnabelborn!”
“Na”, sie mustert mich, “kratzense grad das Auto frei?”
Wenn ich ja etwas liebe, dann intelligenzstrotzende Fragen wie diese …
“Ja”, sage ich. Und weil ich jetzt schon keine Lust mehr habe, drehe ich mich einfach um und kratze weiter.
Frau Schnabelbnorn schnalzt unwillig mit der Zunge. “Na, Frau Logan, mit Ihren Pflichrten nehmenses aber nich so genau, was?”
Wä? Boah, watt will die Alte? Ich bin gestresst, genervt, habe zwei kleine Kinder im kalten Auto sitzen.
Alte, was willst Du? Äh, was meinen Sie?”, frage ich daher ungeduldig.
Sie zeigt auf den Bürgersteig. “Na, ist ja schon lebensgefährlich hier so langzugehen, nich?”
Dann bleib zu Hause, Du blöde Kuh!
“Was meinen Sie?” Nee Leute, ich stehe hier echt grad auf dem Schlauch.
Frau Schnabelborn runzelt die Stirn. “Na, für`s Schneeschüppen sindwa uns wohl zu fein, was?”
Nochmal: Wä?
Oh.
Oha.
Oha, da dämmert was: Ich habe heute noch gar nicht Schnee geschippt und gestreut! Au weia!

Herr L. muss so früh raus, das kann man keinem zumuten, dass er um die Uhrzeit schon schippt. Normal mache ich das irgendwann zwischen Frühstück und Größtes muss los, so dass es noch auf die Kleinen aufpasst. Oder, wenn ich vom Kindergarten wiederkomme. Ist zwar auch suboptimal mit Kleinstem dabei, aber was will man machen?
Heute aber ist ja mein ganzer Zeitplan durcheinander geraten. Und jetzt noch schippen, das schaffe ich beim besten Willen nicht.
Der blöden Schnabelborn ist allerdings glatt zuzutrauen, dass sie mich anschwärzt. Beim Bürgermeister, bei der Polizei, beim BND, da hat die keine Hemmungen. Und sollte die ausrutschen, wäre es selbstverständlich ihr gutes Recht, mich auf Teufel komm raus zu verklagen, nee, nichts gegen Sie, Frau Logan, aber das ist ja schließlich mein gutes Recht!

“Molly-Maus, beruhige Dich”, flüstere ich mir selbst zu und schließe die Augen, “es könnte alles viel schlimmer sein, ommmm. Den Stall des Augias auszumisten, die finanzielle Rettung Griechenlands zu übernehmen, Herrn Indignatus Moral und Anstand beizubringen oder das Niveau des Privatfernsehens zu heben würde viel länger dauern, als dieser blöde Winterdienst, ommmm, es ist alles gut!”

Frau Schnabelborn plappert, die Kinder moppern, der Schnee rieselt und ich überlege, wo ich jetzt eine Kalaschnikow Beruhigungstablette herkriege.
Da kommt mit einem grummeligen “Morgen!” ein weiterer Nachbar hinzu, es ist Opa Rumpel, in seiner Hand eine Schneeschauffel.
“Was is”, grantelt er, noch bevor wir ihn begrüßen können. “Soll ich hier auch ma eben schüppen oder was?”
Ich beherrsche mich so grade, ihn nicht abzuknutschen.
“Oh, das wäre … phantastisch”, strahle ich ihn daher an. “Ich muss nämlich ganz dringend mit dem Mittleren zum Arzt!”
“Jaja, ich mach ja schon. Und jetzt sehense zum dass Se mit den Kindern losfahren, dass die aus der Kälte kommen”, brummt Opa Rumpel und macht sich sodenn an die Arbeit.
“Danke, danken, danke!” Der hat was bei mir gut, aber sowas von!
Schnell ins Auto und langsam losgefahren.
Opa Rumpel schippt und die Olle Schnabelborn steht mit einem Mal ganz alleine da, wie bestellt und nicht abgeholt, eat that, bitch!
Und Opa Rumpel ist mein Held Nummer 1, *strahl*

– Fortsetzung folgt –


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