Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Der traurige Song von Fritz Honka.
Natürlich bin ich Heinz-Strunk-Fan. Nicht nur, dass er flötet und ich auch flöte, und das sogar noch im selben Fach, sondern ich habe logischerweise "Fleisch ist mein Gemüse" gelesen und habe mich schlappgelacht, aus leicht veränderter Perspektive jahrzehntelang ganz Ähnliches erlebt.... Undenkbar, mein kultureller Horizont, ohne Heinzer.
Und nun hab ich seinen Honka hinter mir,ich hab laaaaangsam gelesen, denn ich habe jede Seite genossen. Diese Sprache, diese Atmo!
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Klar, dass es kein blutrünstiger Hannibal-Lecter-Roman ist, die Abteilung haben damals Bildzeitung und Konsorten zur Genüge zelebriert. Wer sowas erwartet, ist mit diesem äusserst feinsinnigen und tiefgründigen Buch falsch bedient.
Wir befinden uns in einer Seitenstrasse der Reeperbahn. Da ziehen die  Alkoholdünste dutzender Flaschen Korn, ausgeschwitzt von ihren hart an der Komplettverwahrlosung entlangschrammenden Konsumenten in dichten Schwaden durch die rauschgeschwängerte Kneipenluft, da hamburgert es unflätig und man blickt in schwindelnde Abgründe, die man live und ungefiltert gar nicht so leicht verkraften könnte. Aber Heinz stellt eine Glasscheibe für uns auf, durch die wir durchgucken können in das Elend der Gestrauchelten, in den Underground der Beziehungslosen, der Hoffnungslosen, die schon von Haus aus keine Chance hatten, und wenn doch mal ein kleiner Lichtstrahl in die ganze ungemütliche Gefühlskälte dringt, vermasselt der allgegenwärtige Alkohol es sofort wieder.
Eine haarscharf beobachtete, tief erfühlte Milieustudie. Fritz Honka, das schmächtige  Männlein aus Leipzig, immer in Lohn und Brot, mit Mansardenwohnung und Hang zu älteren Frauen, hat die Spelunke "Zum Goldenen Handschuh" zum zweiten Wohnsitz erkoren, hier lernt er die Frauen kennen, von denen einige seine Opfer werden.  Wir begleiten ihn eine Zeitlang, wir lernen die dauerbesoffenen Kumpels im Handschuh kennen, verbringen viele Stunden in der überheizten Honkaschen Dachwohnung,in der es so höllisch stinkt und in der er seinen Kater mit "Schmiersuff" lindert. Wir sehen zu, wie die Frauen, die er abschleppt, an der Haustür schriftlich ihren freien Willen abgeben müssen, wie sie sich zusammen mit "Fiete" in Dauersuff begeben und sich seiner Aggressivität und Allmachtsphantasie preisgeben müssen.
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Honka ist vergleichsweise besser dran als diese Frauen, die kein Zuhause haben, im Handschuh rumlungern, die sehr gerne mit ihm mitgehen, um zumindest eine Zeitlang ein Dach über dem Kopf zu haben, was natürlich mit Sex bezahlt werden muss. Viele kommen ungeschoren davon, vier nicht. Honka zerstückelte sie und versteckte die Einzelteile auf dem Dachboden, und erschütternderweise wurden diese Taten nur deshalb entdeckt, weil es irgendwann mal im Haus brannte und die Feuerwehr auf die Plastiksäcke stiess. Denn vermisst hatte diese Frauen niemand.
Es war nicht nur der Suff, Honka war sowieso seelisch krank, er starb 1998 in der Psychiatrie. Seine Vergangenheit war von traumatischen Erfahrungen geprägt,er wurde gequält,gefoltert und gedemütigt, körperlich zerschunden, seine deformierte Nase und sein Schielblick waren das Ergebnis von Schlägen.Seine Ehe scheiterte. Er suchte eigentlich eine Frau für immer und ein normales Leben, aber hier kam dann immer wieder sein schwerster Alkoholismus,d.h. mehrere Flaschen Korn täglich,in die Quere. Er versucht es immer wieder, und als er sich am Ende schon am Ziel sieht, wird es wieder nichts und er stürzt haltlos in die Abwärtsspirale.
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Heinz Strunk erzählt uns aber noch eine andere Geschichte. Die Geschichte derer, die doch dank ihrer aristokratischen Herkunft die besten Chancen hätten.Eigentlich. Die ihre täglichen Dreigängemenüs im Esszimmer an der Elbchaussee  zu sich nehmen, wo es hinter der klassizistisch ehrwürdigen Fassade der Reeders-Villa  jedoch genauso grausig stinkt und gammelt wie hinter Honkas zutapezierter Abseiten-Tür. Auch hier wird gesoffen, ganz mies über Frauen gedacht, brutale Aggressivität und grenzwertige Gewalttätigkeit ausgeübt. Zur echten Leiche im  Keller fehlt auch hier nicht viel. Es muss nicht Sankt Pauli sein, auch im scheinbar kultivierten Nobelvorort  grassieren Alkoholexzesse, Haltlosigkeit, Vergewaltigung, Verkommenheit, Sinnlosigkeit. Einsamkeit, Absturz, Menschenverachtung und das ganze Elendspaket ist schichtübergreifend, das haben wir ja schon oft gehört, aber hier sind sich die so verschiedenen Klientels, die doch diesen untergründig gemeinsamen Nenner haben, auf ganz brilliante Weise gegenübergestellt. Am Ende spült Strunk sie alle zusammen in die "Honkastube", wie der Goldene Handschuh seit der Sache damals auch noch heisst.
Was ich an dem Buch so genossen habe, ist die Sprache. Derbe und zotig die Schlagabtäusche der Figuren, auch immer wieder was zum Weglachen, den Suffköppen aufs Maul geschaut und sie herrlich blöde Sprüche allerunterster Schublade kloppen lassen. Das findet in der dichten Atmosphäre poetischer Beschreibungen statt und immer wieder die tolle Heinz-Strunk-Sprache, locker norddeutsch von der Leber weg und trotzdem spürt man in jedem Satz, oder sagen wir in der ganzen Melodie dieser deprimierenden Geschichte eine grosse Akribie, Genauigkeit, eine hochauflösende Lupenbrille. Das Buch ist ein demi glace, ein ganz stark eingekochter Fond. Uns in all dieser destillierten Traurigkeit trotzdem immer wieder untergründig zum Lachen zu bringen und dabei ohne eine Bugwelle schwarzen Humors auszukommen, das ist die Gabe des reifen Humoristen ;) und die Fähigkeit des sensiblen Jazzmusikers zur emotionalen Bandbreite, würde ich sagen.
Heinz Strunk: Der goldene Handschuh