Hallo Kunstgeschichte – komm doch mal auf die Bühne!

Tableaux vivants (c) Gregor Titze

von links nach rechts: Johannes Maria Schaud, Anne Juren und Roland Rauschmeier (c)Gregor Titze

Tableaux vivants nennt sich jene Produktion, die anlässlich von Wien Modern im Tanzquartier seine Uraufführung erlebte. Tableaux vivants – lebende Bilder also – in diesem kurzen Titel stecken mehrere Bedeutungsebenen. Anne Juren, die Choreografin des Stückes, verweist damit einerseits auf die Aussagekräftigkeit und den Eindruck, den die einzelnen Tanzsequenzen hinterlassen. Andererseits ist der Titel auch wörtlich zu verstehen. Denn es waren tatsächlich Gemälde von Roland Rauschmeier, die zum Teil eine nicht unerhebliche Rolle spielten.
Zu Beginn fröstelt es auf der Bühne sichtlich. Ein Mann, eingehüllt in einen dicken Mantel, setzt sich verlassen auf den Boden und bereitet sich ein kleines Feuerchen, an dem er seine Hände wärmen kann. Wie gut, dass es Laptops gibt! So prasselt dieses gemütlich am Bildschirm neben ihm und die Feuerpolizei hat keine wirkliche Aufgabe wahrzunehmen. Trotz der getragenen Musik und der Lumpenmenschen, die bald die Bühne aufsuchen, und unsere Welt nach einem absoluten Supergau präsentieren, blitzt doch mit dieser kleinen Feuersequenz so etwas wie Humor auf. Schon nach wenigen Minuten hat man sich gedanklich eingenistet in ein zeitkritisches Thema, in welchem es um den Verlust und die Zerstörung unserer Umwelt geht und damit einhergehend dem Verlust der menschlichen Beziehungen überhaupt, da wechselt die Szenerie.
Hauptakteur nun ist ein in vielen Grauabstufungen gemaltes Bild, das sich thematisch zwischen konkreter Kunst und Futurismus bewegt. Und so, als benötige es noch eine farbliche Ergänzung, einen Kontrapunkt, ragen an seinen Seiten immer wieder Arme und Beine hervor, mal mit gelben Socken, dann wieder mit roten Ärmeln. Die Musik, anfänglich noch ganz dem aktuellen Zeitgeist geschuldet, wechselt. Ausgerechnet in diesen Momenten, da der Tanz auf der Bühne reduziert erscheint, trumpft sie intellektuell nicht auf, sondern generiert zu einer easy-listening Untermalung. Und spätestens ab jetzt ist es klar: Endzeitstimmung war einmal, das, was hier gezeigt wird, basiert nicht auf einer Idee, die sich aus sozialkritisch-moralinsaurem Besserwissertum speist. Hier drängt sich etwas auf die Bühne, was dort bislang wenig verloren hatte. Bilder auf Leinwand, für gewöhnlich an Museums-, Galerien- oder Atelierwänden hängend. Sie spielen hier die Hauptrolle.
Bald wird die Bühne von einer großen Bilderzahl bevölkert, die nicht sich selbst, sondern vielmehr die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts feiert. Was gibt es da nicht alles wiederzuentdecken: Fernand Léger und Wassily Kandinsky, George Braque und Henri Matisse, Egon Schiele und Kasimir Malewitsch; sie alle und noch mehr treten in Roland Rauschmeiers Kunstgeschichte-Recycling auf. Ganz entrissen ihrem ursprünglichem Kontext, bereichern sie nun, durch die Tänzerinnen und Tänzer meist versteckt getragen, das Bühnengeschehen. Eine ganze Serie von bunten Gemälden mit weißen Schlieren – Marc Tobey hätte seine Freude daran – formiert sich zu einem wahren Bilderballett. Steht in Reih und Glied, wie bei einer ersten Stellprobe in einer Galerie, dreht sich im Reigen, präsentiert sich wie in einer Modeschau. Während im Hintergrund die Musik wieder an Dichte und Spannung zu nimmt, bis sich die Choreografin auf das besinnt, was die beiden Sparten Bildende Kunst und Ballett schon einmal vor nun schon 89 Jahren verband: Das triadische Ballett von Oskar Schlemmer. Kreiert 1922, beschäftigte sich Schlemmer darin vornehmlich mit dem Raum und der darin agierenden Figur. Die ausgefallenen Kostüme gingen, stärker als der Tanz selbst, als Ikonen in die Kunstgeschichte ein.
Anne Juren denkt Figur und Raum Schlemmers auf witzige Art weiter und setzt ihr neues, triadisches Ballett in einen jener Konsumtempel, der heute für die Erschaffung von Raum im wörtlichen Sinne zuständig ist: einen Baumarkt. In dem nun auf große, weiße Leinwände projizierten Film hüpfen und laufen, drehen und bücken sich die Akteurinnen und Akteure in Kostümen, die direkt aus den Regalen um sie herum entnommen zu sein scheinen. Lampenschirme, Spannteppiche, Bürostuhlrollen und Eimer – es gibt offenbar nichts, was nicht als Maskerade dienlich sein kann. Johannes Maria Staud lieferte zu dieser Sequenz eine witzige, ja slapstickhafte Musikuntermalung. So köstlich erheiternd gerade dieser Teil ist, so ist er dennoch mit einem doppelten, ja sogar dreifachen Boden ausgestattet. Was so locker flockig unterhaltend wirkt, beherbergt nicht nur die schon eben angesprochenen Schlemmer-Zitate, sondern auch noch eine gehörige Portion Konsumkritik. Wer sie sehen will, kann sie sehen, wer nicht, eben nicht. Darin stimmt die Idee des Stückes ganz mit anderen zeitgenössischen Kunstproduktionen überein, die sich desselben Kunstgriffes bedienen. Erwin Wurm, um nur einen repräsentativen Künstler hierfür zu nennen, arbeitet mit dem gleichen Prinzip. Vom Kindergartenkind bis zum Philosophieprofessor befriedigt er mit seinen Plastiken jeden Geschmack und fegt damit mit einem scheinbar mühelosen Handstreich jede Schwelle zu einem elitären Kunstzugang fort.
Am Ende der Tableaux vivants darf Pinocchio – der zuvor noch auf einer Leinwand in Acryl verewigt über die Bühne getragen wurde – nun leibhaftig noch ein Bravourstück vollführen. Während der letzten Staud´schen Musiksequenz läuft und läuft und läuft er beständig im Kreise. Wie einst das „Duracell-Häschen“ aus der Fernsehwerbung, das so die Langlebigkeit der gleichnamigen Batterie veranschaulichen sollte. Doch auch Pinocchios Marathonlauf erscheint auf den zweiten Blick wie ein postmoderner Fingerzeig auf ein längst vergangenes „must“ im Tanz: Freute man sich vor Dezennien im klassischen Tanz doch noch über jeden weiten Sprung, jede gelungene Hebefigur oder perfekt getanzte Entrechats, ohne die einem Ballettabend kein Erfolg beschert war. Ganz nach dem Motto: Kunst muss schweißtreibend sein, sonst ist es ja keine Kunst! Da hat es unser Pinocchio heute auch nicht viel einfacher. Er ist dazu verdammt, in einem schier endlos währenden Lauf, dem Camus´schen Sisyphos gleich, nicht nur hörbar ihm selbst, sondern auch dem Publikum den Atem zu rauben.
JurenRauschmeierStaud = Gesamtkunstwerk. Oder doch etwas ganz anderes?



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