Hallo EVAG…

Hallo EVAG,

tut mir leid, aber für “Sehr geehrte…” reicht es bei dem, was Sie tun leider nicht und “lieb” habe ich Sie auch nicht, deshalb nur das einfache “hallo”. Was übrigens schon ziemlich freundlich ist, wenn man bedenkt, was Sie da zusammenschustern.
Zuerst einmal (und ich hoffe, Sie verzeihen mir das): EVAG steht für Erfurter Verkehrbetriebe AG. Das eigentlich nur für meine unbeteiligten Leser, doch wenn ich mir Ihren Saftladen da angucke, kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Sie selbst wissen, für was die EVAG steht, dass Sie selbst jemals mit einem Ihrer Busse gefahren sind.

Am nächsten Sonntag, dem 31.Oktober 2010, werden wieder einmal die EVAG-Fahrpläne umgestellt. Dieses Mal wurden nicht nur einige Abfahrtszeiten geändert, nein, diesmal fallen komplette Buslinien weg und alles andere wird auch komprimiert. Eine meiner Freundinnen beispielsweise wohnt ein kleines Stück außerhalb Erfurts, vielleicht 20 Minuten mit dem Auto. Ab nächste Woche fahren für sie 5 Busse täglich in die Stadt und fünf zurück, der letzte schon 17.02. Das heißt, sie muss sich mehrmals pro Woche was überlegen, wie sie nach Hause kommt und das nicht mal, weil sie gerne feiern gehen würde, sondern weil sie zur Schule muss und die in unserem Alter länger als bis 17 uhr geht! Heißt das, Ihnen von der EVAG ist die Bildung junger Menschen egal? Offensichtlich ist es Ihnen zumindest egal, wie wir zur Schule kommen sollen. Aber es geht noch weiter, es wird sogar besser, denn Samstag und Sonntag fährt für meine Freundin und alle anderen aus ihrer Gegend kein einziger Bus.
Und das ist bei weitem kein Einzelfall, glauben Sie mir! Lesern meines Blogs wird Lena bekannt sein, die schon bei Ihrem Praktikum eindeutig in den sauren Apfel gebissen hatte. Bis jetzt oder besser bis nächste Woche fährt für sie immerhin jeden Abend ein letzter Bus nach 23 Uhr. Der allerdings wird abgeschafft. Mit der offiziellen Begründung, der Bus sei nun mal niemals voll besetzt. Ja, es fahren auch niemals nach 23 Uhr 30 Leute mit dem Bus, aber aus eigener Erfahrung fahren auch zu anderen Zeiten und auch tagsüber nur selten voll besetzte Busse durch die Gegend. Wird es demnächst so sein, dass die EVAG alle Busse abschafft?

Aber gut, lassen wir die Vorwürfe. Immerhin macht die EVAG auch gaaanz tolle Sachen. Ab nächster Woche wird es einen Shuttle geben, der feierlustige Partygäste bis nachts um 3 zum angesagten Club 1 bringt. Und wieder abholt. Dazu fahren die Stadtbahnen die ganze Nacht durch. Klar, die Linie 2 zum Beispiel, die zwischen Messe und Ringelberg pendelt, die pausiert zwischen 1 und 5 Uhr, aber da fahren ja auch keine voll besetzten Bahnen, denn wer will schon nachts zur Messe?! Und sind wir mal ehrlich, die Leute, die noch weiter weg wohnen, die haben’s doch sowieso versaut! Sie sind es zudem schon mehr als gewohnt, außerhalb zu wohnen und wenn ich mal wieder aus eigener Erfahrung sprechen darf, nach einiger Zeit macht es nicht mal mehr Angst, nachts eine unbeleuchtete Straße entlang zu laufen. Ja, es nervt, im Winter mit schönen Sachen und unbequem hohen Schuhen stundenlang durch den Schnee zu stapfen, aber offensichtlich muss das nur eine Minderheit machen, also denken wir mal ökonomisch, was soll’s!
Und was soll’s, wenn ich nicht mal 23 Uhr noch einfach mit meiner suuuper günstigen Monatskarte nach Hause komme, wenn ich dafür nachts um halb 3 ins C1 kann, wo ich sowieso soo gerne abhänge! Wie ich danach nach Hause komme?! Ist doch egal, ich kann mir ja vorher hemmungslos die Birne wegsaufen!! Wen stört da der Weg nach Hause?! Wen stört es, dass Eltern wach bleiben müssen, weil sie ihren Kindern was bieten wollen, sie auch mal feiern und den Alltag vergessen lassen wollen? Danke liebe EVAG, dass Sie diesen Eltern ein wenig Action ins Leben bringen, dass Sie aus uns allen Sportskanonen machen und jedem einzelnen die Angst im Dunkeln nehmen. Danke EVAG, dass ich von nun an Schwierigkeiten haben werde, meine Freunde am Wochenende zu sehen, denn wenn ich ehrlich bin; diese Schwierigkeiten machen mein Leben doch erst so richtig aufregend!

Und zu guter Letzt: Erzählen Sie mir noch einmal, das müsste so sein, weil das Geld zu mehr fehlen würde! Das Geld fehlt für ausreichend Busse, aber nicht für eine überflüssige Möglichkeit zur Disco zu kommen, nicht für Kontrolleure in Bussen, in denen so oder so jeder Fahrgast beim Einstieg seine Karte dem Fahrer zeigen muss.

Ich weiß, dass da sicher noch andere Faktoren eine Rolle spielen, dass ich nie und nimmer alles darüber wissen kann und das vielleicht auch gar nicht will. Ich weiß, dass dieser Text wahrscheinlich niemals von Ihnen gelesen werden wird, so wie auch der Leserbrief zum Thema von einer meiner Freundinnen niemals von der ansässigen Zeitung abgedruckt wurde.
Aber bitte lehnen Sie sich einmal zurück, denken Sie an Ihre eigene Jugend zurück  und daran, wie gerne Sie gefeiert haben und wie schwer es war, Ihre Eltern davon zu überzeugen. Und auch wenn sie jetzt in einer schicken Wohnung mitten in der Stadt wohnen, überlegen Sie einmal, wie es sein könnte, wenn man nicht so zentral, sondern ein wenig außerhalb lebt. Und wenn man nicht das Geld hat, um sich bequem einige Male pro Woche von einem Taxi nach Hause kutschieren zu lassen.
Denken Sie darüber nach und verändern Sie ihre Fahrpläne vielleicht das nächste Mal ein wenig nach diesen Gesichtspunkten und nicht nur danach, dass eine gewisse Gruppe von Leuten es noch einfacher im Leben hat und Sie dadurch noch mehr Geld verdienen.

 


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