Guttenberg hat nicht zum ersten mal hochgestapelt

Von Frontmotor
Im Bundestag unterstellt er seinen Kritikern oft von oben herab, es fehle ihnen an "Kinderstube" oder "Anstand". Eine fragwürdige Rhetorik, die mit Andeutungen auf seine "adlige" (edle) Herkunft spielt und die sachliche Argumentation (also das demokratische Prinzip) mit dem politischen Gegner verweigert. Eine Rhetorik, die suggerieren soll, man müsse sich erst besonders legitimieren, um den Herrn Baron kritisieren zu dürfen. Alle anderen werden von ihm auf ihre Plätze verwiesen. Das erinnert an vordemokratische Zeiten.
Wenn Guttenberg in der Vergangenheit Fehler gemacht hatte, das hieß meistens: Die Unwahrheit gesagt, sich nicht gekümmert oder statt Aufklärungsarbeit nur Talkshows geliefert, dann mussten oft langgediente Dienstgrade dran glauben. Er verbreitete Manageraktionismus für Kamera und Publikum und forderte von seiner Bundeswehr Übermenschliches. Auf die sexistische Gorch-Fock-Affäre forderte er z. B. "Aufklärung über sämtliche, ähnliche Fälle in der Bw bis Anfang Februar." Nach dem Motto: Ich gebe Euch jetzt die Chance und danach will ich davon nichts mehr hören. Rausgekommen ist bis jetzt nichts. Wie meistens. Den Kapitän der Gorch Fock beurlaubte er stattdessen nach Rücksprache mit der Redaktion von Kohl Freund Kai Diekmann, BILD Zeitung. Guttenberg soll vor allem deshalb sauer gewesen sein, weil die Effekte seiner PR Aktion mit Johannes B. Kerner zuvor in Afghanistan mit der Gorch Fock schon wieder zunichte waren.
Guttenberg glaubt, er genieße Sonderrechte. Von Einsparzielen seines Finanzministers glaubt er sich per Erklärung entbinden zu können: "Unrealistisch". Und wer ihn dann kritisiert, siehe oben: "Kinderstube".
Die Popularität Guttenbergs ist eigentlich unerklärlich, denn geleistet hat er bislang weder als Wirtschaftsminister noch als Verteidigungsminister etwas. Außer Besuchen bei der Truppe.
Guttenberg ist ein Hochstapler. Als er Wirtschaftsminister wurde, empfahl er sich als "Kenner der Wirtschaft" mit Verweis auf seine Geschäftsführererfahrung in der Vermögensverwaltung seiner Sippe. Richtig hätte es wohl heißen müssen: mit Verweis auf viele Kontakte mit den Investor Relations Abteilungen der Unternehmen, in denen der das Geld der Familie anlegt. Die Guttenbergs drehen dabei keine kleine Rädern, wie der Börsengang der Rhön-Kliniken 2002 beweist. Nebenbei könnte da man mal fragen, ob da auch die EADS dabei ist, für deren Rüstungsgüter er kurz vor seinem endgültigen Absturz in Indien geworben hatte. Die GmbH jedenfalls, in der er "Wirtschaft" und "Führung" gelernt haben will, hat nur drei Angestellte.
Das unappetliche hingegen an der Tat, bei der Guttenberg jetzt aufgegriffen wurde, sind sein Hochmut und seine Verdummungstaktik, mit der er irrtümlich glaubt, davon zu kommen. Sein Statement, in dem er mit 1300 Fussnoten prahlt und einräumt, dabei könne es Fehler gegeben haben, die er aber in der "nächsten Auflage korrigieren würde", zeugen von beidem: Größenwahn und Fehleinschätzung des Maßstabes, nachdem wir seine Tat bewerten: Die Menge an Fussnoten beeindruckt uns nicht, eine Doktorarbeit muss vor allem eigene, originelle Gedanken vorzeigen. Und Zitatkennzeichnungen, vom Vorwort bis zur letzen Seite -in Summe mittlerweile 80 laut FAZ- "vergisst" man nicht, wenn sie seitenweise wörtlich sind. Die unterschlägt man. Oder: lässt man unterschlagen. Oder: kontrolliert man nicht.
Personen wie Guttenberg überraschen mich übrigens nicht, wenn sie ihre Arbeit nicht selbst schreiben. Mich haben schon ganz andere damit überrascht, dass sie plötzlich einen Doktortitel vorzeigten und dann den Karriereturbo zündeten. Manch eine(r) war mir zuvor nicht gerade durch intellektuelle Brillianz oder wissenschaftliche Genauigkeit aufgefallen. Und im Gegensatz dazu kenne ich leider auch honorige, echte Überzeugungstäter mit und ohne Doktor, denen ihre Qualität nach großen Taten dann eher vorgehalten wurde.
In unserer Gesellschaft braucht es eben beides: Promotion und -engl.- Promotion.
Der Guttenbergsche sieht seine Privilegien davon schwimmen und krallt sich an ihnen fest. Er reagiert schnöselig und zeigt allen nochmal sein wahres Gesicht: Gestern flüchtete er -schuldbewusst- nach Afghanistan. Abends wurde er zur Kanzlerin "zitiert". Heute dann seine Mubarakrede. Mit Allüren, die auch an Mubarak erinnern. BILD schreibt:
Etliche Reporter, die in letzter Sekunde zum Ministerium geeilt waren, standen plötzlich vor verschlossener Tür.
Feldjäger verwährten den Eintritt in Ministerium.

Da muss man fast an die Weimarer Republik denken. Sammelt Guttenberg schon seine Truppen? Was hat außerdem die Bundeswehr mit dem erschlichenen Doktortitel von Guttenberg zu tun? Nichts. Das ist eine Privatangelegenheit. Es geht um seine private Reputation, von der aus er sich für ein Ministeramt beworben hatte. Es ist nicht Sache der Bundeswehr oder des Ministeriumsapparates, für private Erklärungen Guttenbergs rangezogen zu werden. Guttenberg hat sich außerhalb seines Apparates für diesen zu re-legitimieren. Nicht den Apparat für seine Verteidigung zu missbrauchen.
Deutlich wird: Erwartet man von Guttenberg Qualität und Anstand, fühlt er sich provoziert und reagiert gereizt. Dabei vergreift er sich aber in den Mitteln, der Jungspund und "Young Leader" der Atlantikbrücke. Sicher ist, dass Guttenberg jetzt nur noch handverlesene Journalisten zu seinen Pressekonferenzen einlädt. Also die, die in dieser Woche über "Spekulationen" über eine "Schummelei" nicht hinausgekommen sind. Aus Angst vor dem Ausschluss.
Diese Verharmlosung erinnert übrigens an den Fall Klaus Zumwinkel. Damals versuchte dessen Kaste, die schwere des Falles zu relativieren und sozusagen zu popularisieren: "Steuern hinterziehen tun doch alle. Wollen wir das mal tiefer hängen." Welch eine freche Unterstellung, im bürgerlichen Reflex! Nein, ich hinterziehe keine Steuern. Ich bekomme nämlich nicht in den Dimensionen, bei denen sich das lohnen oder auch nur ermöglichen würde. Und ich habe auch bei meiner Diplomarbeit von niemandem abgeschrieben. Und ich habe sie selbst geschrieben. Selbst das ist bei Guttenbergs Dissertation inzwischen in Frage zu stellen. Denn es wurde so plump abgekupfert, als habe entweder jemand den Überblick verloren oder einen Auftragsjob eilig abliefern müssen und keine Zeit für die Qualitätskontrolle gehabt..
Jetzt lässt er seinen Doktortitel "ruhen". Doch wie will er etwas ruhen lassen, was ihm gar nicht zusteht? Ein echter Guttenberg.
Guttenberg ist kein Großer. Er neigt zum vulgären Übermut, ist mit Publicity steuerbar und auch die populistisch-vulgären Agitationshobbies seiner Ehefrau Stephanie Guttenberg zeugen davon, dass beide an sich eher niedrige Ansprüche stellen.
Das unterliegende Prinzip Guttenbergs ist es, keinen Wertbeitrag leisten zu müssen, sondern Auftritt - aber Ansprüche qua seiner Herkunft zu stellen. Und daraus resultiert die Gereiztheit, die er damit provoziert. Er hat heute seine Mubarakrede gehalten. Morgen ist er weg.