Gute Fette – Böse Fette: Was weiß man sicher?

Von Guenterschuette

Viele meiner Patienten sind davon überzeugt: Ein hohes Cholesterin im Blut lässt sich durch Diät wirkungsvoll senken. Stimmt das? Viele Ärzte empfehlen ihren Patienten, weniger tierisches und mehr pflanzliches Fett zu essen, um länger zu leben. Ist das bewiesen?

Das Arzneimitteltelegramm, eine Fachzeitschrift für Ärzte und Apotheker, hat alle verfügbaren Studien einer kritischen Analyse unterzogen. Das Resultat ist recht ernüchternd. Ich versuche die umfangreiche Analyse des Fachblatts in den wesentlichen Punkten zusammenzufassen.

1.) Durch strenge Diät mit wenig tierischem und mehr pflanzlichem Fett ließ sich der Cholesterinwert um 11 bis 14 % senken. Dies ist nicht viel, wenn man sehr hohe Cholesterinwerte hat. Bei einem Wert von 300 sinkt das Cholesterin auf rund 260 bis 270 – auf jeden Fall ist das immer noch zu hoch. Darüber hinaus zweifelt das Arzneitelegramm den Wert der Studien an: Sie sind oft Jahrzehnte alt, wurden zum Teil in Heimen durchgeführt. Man darf bezweifeln, ob sich die Ergebnisse auf den heutigen Alltag übertragen lassen.

2.) Es ist bislang nicht erwiesen, dass sich das Leben verlängert durch weniger (tierisches) Fett in der Nahrung. Die größte Studie zum Thema Fett war die Untersuchung der WHI (Women’s Health Initiative). Immerhin 48.835 Frauen wurden in dieser Diätstudie im Durchschnitt 8,1 Jahre lang beobachtet. Die WHI-Studie konnte weder Lebensverlängerung noch Schutz vor Herzinfarkt durch Fettverzicht nachweisen.

3.) Auch der Wert von Fischölkapseln ist nicht belegt.

4.) Schon seit langem ist bekannt, dass die Einwohner von Kreta länger leben und weniger Herzinfarkte erleiden als die finnischen Staatsbürger. Auch die anderen Anwohner des Mittelmeers scheinen vor Herzinfarkten besser geschützt zu sein als die Nordeuropäer. Was liegt näher, als die Ernährung dafür verantwortlich zu machen? Olivenöl gegen Schweinefleisch, das wurde die neue Devise der Gesundheit. Die Mittelmeerdiät als Garant für ein langes Leben? Leider fehlen bis heute die wissenschaftlichen Belege für diese Vermutung, sagt das Arzneitelegramm.

5.) Sogenannte „Transfettsäuren“ entstehen, wenn Fette hoch erhitzt werden. Auch bei der industriellen Verarbeitung von Backwaren über die Tiefkühlpizza bis zur Margarineherstellung steigt der Gehalt von Transfettsäuren. Naturbelassene Fette enthalten fast nie oder nur wenig Transfettsäuren. Auch hier ist die Beweißlage dürftig, da aber alle Studien in die gleiche (negative) Richtung weisen, empfehlen die Autoren des Fachblatts (vorsorglich) so weit wie möglich Transfettsäuren zu vermeiden. Also: Weniger Pommes, weniger Fertiggerichte, Fette nicht überhitzen.

Vergessen Sie bei aller Unsicherheit aber nicht, dass zuviel Fleisch und Fett auch aus anderen Gründen nicht gesund sind. Die Nebenwirkungen reichen von Übergewicht über Gicht bis zum Dickdarmkrebs.

Und mehr Gemüse und mehr Fisch hat auch noch andere Vorteile: Weniger Schilddrüsenerkrankungen, mehr Vitamine, bessere Verdauung und vieles mehr.

Dennoch, ich war mal wieder erstaunt. Erstaunt darüber, wie schnell Experten uns Diäten empfehlen, ohne daß irgendwelche Beweise vorliegen.

Übrigens: Ziemlich eindeutig und unbestitten ist der Zusammenhang zwischen erhöhtem Cholesterin und erhöhtem Herzinfarktrisiko. Auch ließ sich zweielsfrei beweisen, dass Cholesterinsenker-Tabletten einen Schutz vor dem zweiten Herzinfarkt bieten bzw. einen Bypass oder eine aufgedehntes Herzkranzgefäss länger offen halten.

Quellen

arznei-telegramm 2/10, 12. Febraur 2010, Seite 19 – 23

Bild: Rainer Sturm auf Pixelio.de