Günther Jauchs emotionalste Sendung

Erstellt am 21. November 2011 von Newssquared @Oliver_schreibt

Günther Jauchs emotionalste Sendung

Es ist ein ruhiger Sonntagabend in Günther Jauchs Talkrunde. Alles andere wäre auch nicht passend. Im Mittelpunkt der Sendung steht das bewegende Schicksal von Gerhard Bräuer. Er hat Alzheimer im Frühstadium, die Diagnose erhielt er vor 18 Monaten. Er teilt damit das Schicksal von ungefähr 800.000 Bundesbürgern.

1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz, zwei Drittel von ihnen an Alzheimer. 2030 könnten es fast zwei Millionen sein. Für Betroffene und ihre Familien ist es ein jahrelanges persönliches Drama, für Gesundheits- und Sozialpolitiker seit Jahren eine ebenso drängende wie ungelöste Aufgabe bei der Pflegereform. Demenzkranke brauchen über kurz oder lang eine intensive Rundum-Betreuung, bisher tragen die Angehörigen die Hauptlast der Pflege und Kosten.

Günther Jauch hat seine stärksten Momente immer dann, wenn er mit Menschen ins Gespräch kommt. Er senkt die Stimme, lehnt sich vor, ist interessiert – wie einst im Stern-TV-Sessel bei RTL. Es ist Jauchs bislang emotionalste Sendung, seit er den ARD-Sendeplatz am Sonntagabend übernommen hat. Das liegt auch daran, dass politische Themen erst in zweiter Linie diskutiert werden – der Schwerpunkt liegt auf dem Schicksal des Patienten.

Mit eindringlichen Fragen lässt Jauch Alzheimerpatient Bräuer seine Erkrankung schildern. Nach der Diagnose hätte er erst einmal geweint, seinen Beruf als Zahnarzt kann er nicht mehr ausüben, ebenso wenig selbst mit dem Auto fahren. «Wissen Sie, was auf Sie zukommt?», fragt Jauch den mit gefasster Stimme sprechenden Bräuer. Dessen schlagfertige Antwort: «Das will ich doch gar nicht wissen. Ich hoffe einfach, dass es noch ein bisschen geht.»

Lieber ein «Alzi», als eine «Flasche»

Die Hoffnung auf den medizinischen Durchbruch zur Heilung seiner Krankheit hat der Patient noch nicht aufgegeben. Dennoch: Bräuer sieht die Dinge realistisch, er würde auch in ein Heim gehen, wenn er seiner Familie nur noch zur Last fallen würde. Doch die verschwendet (noch) keinen Gedanken daran. Von seinen Kindern wird Bräuer liebevoll-scherzhaft «Alzi» genannt, kombiniert mit einem «Ach, Papa». Auf die Frage, ob sie immer noch glücklich sind, stellt Bräuers  Lebensgefährtin fest: «Auf jeden Fall!»

Gerhard Bräuer hat den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt, weil «man die Dinge dann ansprechen muss, wenn sie da sind.» Angesprochen auf die Selbsttötung von Gunter Sachs, der im Mai dieses Jahres aufgrund einer «ausweglosen Krankheit» seinem Leben ein Ende setzte, antwortet Bräuer: «Er ist eine Flasche! Was soll ich sonst sagen?» Gerhard Bräuer kann nichts anderes sagen, er ist der mutige Patient mit Vorbildfunktion.

Bahr und Schwesig schweigen

Die politische Diskussion bleibt größtenteils außen vor. Es ist auch Jauch, der sie abwürgt: «Der eigentliche Skandal ist vielleicht, dass Demenz bisher nicht in die Pflegebedürftigkeit fällt.» Die Nachfrage, warum sich das erst jetzt ändert, kann der eigeladene Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr nicht ausreichend erklären. «Es dauert seine Zeit», ist seine unbefriedigende Erklärung. Denn Zeit ist gerade das, was Patienten und pflegende Angehörige in diesem Fall nicht haben.

Eine solidarische Bürgerversicherung mit gestaffelten Beiträgen wünscht sich hingegen Manuela Schwesig, Landesministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern. In die «würde ich als Ministerin mehr einzahlen, als meine Sekretärin». Doch mehr als ein Aufruf zum Altern in Würde kommt auch ihr nicht über die Lippen.

Insofern ist es gut, dass sich Jauch auf seine bereits erwähnten Stern-TV-Qualitäten verlassen kann. Ein berührendes Schicksal kann vielleicht mehr bewirken als eine vorweihnachtliche Politikermär.

Bestes Zitat: «Ich weiß noch, wo ich hin muss.» (Alzheimer-Patient Gerhard Bräuer auf die Frage nach seinem Gesundheitszustand.)

Quelle:
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«Alzheimer-Talk» – Günther Jauchs emotionalste Sendung

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