Griechenland 2016 – Vorbereitung (2): Von fragwürdigen Strandklamotten, flotten Friseuren und alkoholischem Mythos

Erstellt am 22. Juli 2016 von Christianhanne

Stehe einen Tag vor Urlaubsbeginn vor unserem Kleiderschrank und überprüfe die Passform meiner Bade- und Strandhosen. Rechne mit dem Schlimmsten, da auch dieses Jahr das Projekt ‚Strandfigur‘ mal wieder spektakulär gescheitert ist. Ursächlich hierfür ist eine ungute Kombination aus mangelhaftem Trainingsfleiß beim Laufen und fehlender Selbstbeherrschung beim Verzehr von Kuchen und Süßigkeiten. Befürchte, ich muss mich erneut unschönen Einkaufssituationen aussetzen, bei denen schlecht sitzende Badehosen und schonungsloses Umkleidekabinenlicht eine große Rolle spielen. Stelle aber gleichermaßen überrascht wie erfreut fest, dass mir alles noch ganz tadellos passt. (Es zahlt sich mal wieder aus, bei der Hosenwahl auf einen belastbaren Stretchbund und einen möglichst hohen Elasthananteil zu achten.)

Gehe zur Frau und teile ihr freudestrahlend mit, dass ich die Urlaubskasse entscheidend entlaste, da ich keine neuen Strandklamotten kaufen müsse, sondern die vom letzten Jahr auftragen könne. Die Frau zuckt nervös mit dem linken Augenlid. Sie deutet an, dass meine Strandshorts bereits im vorigen Sommer keine Augenweide gewesen seien und das sackartige kurze Beinbekleidung auch dieses Jahr nicht angesagt sei. Und nächstes Jahr ebenso nicht. Sehr wahrscheinlich nie.

Strandmode. Zeitlos. Und geschmacklos.

Ein von Familienbetrieb (@betriebsfamilie) gepostetes Foto am 21. Jul 2016 um 23:28 Uhr

Erwidere, ich scherte mich nicht um modische Konventionen. Das Augenlid der Frau zuckt schneller. Sie gibt zu bedenken, dass die Griechen schon so vielen Anfeindungen aus Deutschland ausgesetzt seien, da würden meine Strandensembles möglicherweise als unfreundlicher Akt gewertet und wir müssten frühzeitig wieder abreisen. Erkläre, es müsse reichen, dass wir unsere Euros in Griechenland ließen und außerdem würde ich mit meinem Blog ja auch den örtlichen Tourismus ankurbeln. Da sollten sie froh sein, dass wir überhaupt kämen. Die Griechen. Das Augenlid der Gattin flattert mittlerweile wie der Flügel eines hyperaktiven Kolibris.

Anscheinend gibt sie aber ihren Widerstand auf und bietet sogar an, die Klamotten nochmal gut durchzuwaschen, damit sie für den Strand besonders gut ausschauen. Bin aber misstrauisch und lehne ab. Hege den Verdacht, dass sie alles auf 90 Grad waschen will, damit die Sachen auf XXXS einlaufen und ich sie nur noch dem zweijährigen Torben aus dem 4. Stock schenken kann. Nicht mit mir!

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Etwas später eröffnet mir die Frau, dass wir vor dem Urlaub alle noch einmal zum Friseur gehen sollten. Kürzere Frisuren bedeuteten weniger Sand in den Haaren, was wiederum weniger Shampoo erfordere. Somit könnten wir auch hier die Urlaubskasse schonen.

Ein erfreulich kostenbewusster Ansatz, der jedoch gewisse buchhalterische Mängel aufweist (Stichwort Milchmädchenrechnung). Wende ein, dass uns vier Haarschnitte ungefähr 60 bis 70 Euro kosteten und wovon wir zehn bis fünfzehn Flaschen Shampoo kaufen könnten. Die Frau findet das kleinlich und bemerkt spitz, wir könnten die 60, 70 Euro ja auch in neue Badeklamotten für mich investieren. Ein überzeugendes Argument, dass mich zu der Erkenntnis bringt, dass die Idee des kollektiven familiären Haarekürzens doch ganz hervorragend ist.

Während die Frau mit der Tochter zu ihrer Stammfriseurin loszieht, suche ich den Sohn, um ihm mitzuteilen, dass wir zusammen zum Haareschneiden gehen. Er ist begeistert und findet es gut, dass wir gemeinsam „Männersachen“ machen. Verstehe zwar nicht, was daran besonders maskulin ist, wenn Vater und Sohn die Haare geschnitten bekommen, aber als neunjähriger Junge, dessen Testosteron-Spiegel unterhalb von Normalnull liegt, muss man sich ab und an wohl seiner eigenen Männlichkeit versichern.

Friseur-Besuch. Eine haarige Angelegenheit.

Wir gehen zu dem arabischen Friseur in unserer Straße. Der ist freundlich, schnell und außerdem günstig (Stichwort Urlaubskasse). Sein größter Vorteil: Er spricht kaum Deutsch und textet einen nicht unnötig zu, wenn man in seinem Stuhl sitzt. Sein größter Nachteil: Er spricht kaum Deutsch und versteht nicht immer ganz, wie man die Haare geschnitten bekommen möchte.

Der Sohn ist als erster dran und gibt sehr genaue Anweisungen, dass er die Haare an den Seiten und hinten kurz haben möchte und oben etwas länger, damit er cool Strähnen aus der Stirn pusten kann. (Auch so eine „Männersache“ für ihn.). Der Friseur nickt die ganze Zeit verständig und sagt immer wieder: „Ja, ja.“ Danach bearbeitet er mit seinem Haarschneider in einer für das bloße Auge kaum wahrnehmbaren Geschwindigkeit den Kopf des Sohnes. Fünf Minuten später sind seine Haare raspelkurz und nur vorne ist ein kleines Sträußchen übrig geblieben, das der Friseur kunstvoll mit Haargel stylt. Damit hat der Sohn jetzt die gleiche Frisur wie die arabischen Jungs, die vor dem Laden spielen, und gilt nun als der „weiße Mohammed“ in unserer Straße.

Ursprünglich wollte ich dem des Deutschen nicht mächtigen Figaro eigentlich erklären, dass er mir die Haare genauso wie dem Sohn schneiden solle, aber das erscheint mir inzwischen als wenig ratsam. Also vermittle ich in einer pantomimischen Meisterleistung, für die mir der Marcel-Marceau-Gedächtnispreis gebührt, wie ich meine Haare zu tragen wünsche. („An den Seiten und hinten kurz, aber nicht zu kurz, und oben nur die Spitzen, damit ich weiterhin Scheitel tragen kann.“) Durch originalgetreue Lautmalerei, für die mir wiederum der Michael-Winslow-Gedächtnispreis gebührt, unterstütze ich sicherheitshalber meine Scharade. („Brumm, brumm“ für den Langhaarschneider an den Seiten, und „Schnipp-schnapp“ für die Schere für das Haupthaar).

Der Friseur nickt wieder freundlich und sagt: „Ja, ja.“ Zehn Minuten später sehe ich aus wie der Komparse eines Wehrmachtsfilms. Da begrüßen mich die Griechen morgen sicherlich besonders freundlich.

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Frisch onduliert gehen wir abends alle zusammen zum Griechen, um uns kulinarisch auf den Urlaub einzustimmen. Das gestrige Loblied auf die gesunde griechische Ernährung Lügen strafend essen wir sehr viel Fleisch: Die Frau eine Grillplatte, bei der gedünstete Zwiebeln die Gemüsebeilage darstellen, ich Moussaka mit Aubergine in homöopathischer Zugabe, der Sohn Hackfleischröllchen in Tomatensauce namens Sousoukakia, wobei er bei der Bestellung wegen der Wortendung ‚Kakia‘ nicht aufhören kann zu kichern, und die Tochter isst eher teutonisch, sprich Schnitzel mit Pommes.

Einen mediterranen Erziehungsstil pflegend lassen wir die Kinder nach dem Essen ‚irgendwo‘ in der Straße spielen. Derweil trinken die Frau und ich ‚Mythos‘, ein griechisches Bier, das wir bei unserem letzten Aufenthalt in Psakoudia schätzen gelernt haben. Irgendwann hören wir dann von den Meldungen aus München. Von Schießereien, von Toten und Verletzten, von Panik und Angst. Und auf einmal wirkt der nahende Urlaub ganz unwirklich und ist doch dringender als zuvor. 

An den Nachbartischen beginnen die Diskussionen über die aktuelle Weltlage und es werden unterkomplexe Lösungen für komplexe Probleme präsentiert. Schuld sind wahlweise ‚die da oben‘, die Banken, der Euro, Merkel oder die Flüchtlinge. So viel ‚Mythos‘ kann man gar nicht trinken, um diese Mythen zu ertränken. Wir tun es trotzdem. 

Mythos. Trinken für eine bessere Welt.
Ein von Familienbetrieb (@betriebsfamilie) gepostetes Foto am 22. Jul 2016 um 14:01 Uhr

Vier Ouzos und einer Rechnung in Höhe unserer Haarschnitte später brechen wir auf.

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Vor dem Schlafengehen machen die Frau und ich noch die To-Do-Liste für den morgigen Reisetag. Die Wäsche muss gerichtet, die Koffer gepackt und der Reiseproviant besorgt werden. Und ich muss der Frau irgendwie einen Liter Baldrian einflößen, damit wir beide einen entspannten Flug haben.

Gute Nacht!

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