Grenzenlose Freiheit

Von Turnfieber

Ich stehe am Meer, lasse meinen Blick über die Wellen schweifen. Ich hänge meinen Gedanken nach und genieße das Gefühl der unendlichen Weite, der grenzenlosen Freiheit. Ein unfassbar schönes Gefühl, das mich immer wieder erdet. Ich mag dieses Gefühl, klein zu sein in dieser Welt und doch irgendwie groß im Hier und Jetzt. In dem  Moment, an dem ich am Meer sitze, die Ruhe und Weite genieße.

Rebellion eines Vierjährigen

Nicht nur ich, sondern auch unser Sohn sehnt sich nach grenzenloser Freiheit. Das bekommen wir derzeit fast täglich zu spüren. Aber dieser Schrei nach Grenzenlosigkeit ist nicht schön. Er ist nicht beruhigend, er erdet mich nicht. Ich verzweifle daran. Unser Sohn sagt während seiner Wutausbrüche ganz klar, dass er unsere Grenzen nicht akzeptiert. Er möchte eigene Regeln aufstellen. Er möchte bestimmen. Er möchte lenken. Er rebelliert gegen die Grenzen, die wir Eltern gesetzt haben, und versucht sie laut, wirklich sehr laut, in Grund und Boden zu brüllen.

Unberechenbare Wut

Wir kennen diese Wutphasen durchaus. Wir haben auch gedacht, wir wären geübt im Umgang. Wir waren überzeugt davon, wir hätten gelernt, mit der Wut umzugehen, unseren Sohn zu beruhigen und vor allem in den Eskalationsphasen selbst ruhig zu bleiben. Es fällt schwer. Verdammt schwer. Wenn nachts um drei Uhr aus heiterem Himmel unser Sohn in seinem Bett liegt und brüllt, einer solle kommen, er müsse aufs  Klo.  Klar, kein Problem, wir helfen ihm. Aber das passt ihm nicht. Was ihm nicht passt, weiß keiner, er am wenigsten. Tatsache ist, es passt ihm nicht, der Grund ist egal, er sucht ein Ventil, um seinem Unmut Luft zu machen. Und deswegen brüllt er. Vergangene Nacht über eine Stunde. Bevor er dann schluchzend und ermattend in unseren Armen liegt und sich ganz fest vornimmt, dass er nicht mehr streiten möchte. Weil es ihn so traurig macht, wenn er so brüllt. Nur um am nächsten Morgen motzend und fluchend aufzuwachen und kurz bevor wir uns beim Kindergarten verabschieden, wieder die Nähe zu suchen, zu versprechen, dass er den ganzen Tag über gute Laune haben wird und wir uns doch bitte einen schönen Nachmittag machen wollen.

Halt und Sicherheit geben

Wir wissen, dass er im letzten halben Jahr viel durchgemacht hat. Angefangen von unserem Umzug, über ein paar Monate allein mit mir zu Hause bis hin zu einem doppelten Kindergartenwechsel. Es ist klar, dass er einiges zu verarbeiten hat. Dass er seinen Platz in der neuen Kindergartengruppe finden muss. Sich in die bestehende Gruppe integrieren und neue Freundschaften knüpfen muss. Wir haben wirklich viel Verständnis, wollen ihn auffangen, ihn unterstützen, ihm die Konstante sein, die er in der Zeit des Umbruchs braucht.

Ruhe bewahren

Aber manchmal wissen wir nicht wie. Wenn jede Situation droht, zu eskalieren. Wenn der Kopf vor lauter Geschrei platzt. Wenn man die eigene Wut über die Ohnmacht nicht mehr im Griff hat und mitbrüllt, obwohl man sich ganz fest vorgenommen hat, es nicht zu tun, weil es sowieso nichts bringt.  Ganz im Gegenteil. Wir wissen, es ist eine Phase. Unser Sohn neigt zu heftigen Wutanfällen, gerade in Zeiten des Umbruchs, in denen er sich entwickelt. Aber es ist schwer, damit umzugehen. Besonders, wenn wir von allen Seiten hören, was für ein zufriedenes und ausgeglichenes Kind unser Sohn ist. Im Kindergarten könnte es nicht besser laufen. Er ist stets gut gelaunt, hält sich an die Regeln und knüpft Freundschaften. Wenn die Großeltern mal mit unserem Sohn alleine unterwegs sind, berichten sie von einem Strahlemann, der mit jedem Vorschlag einverstanden ist. Und bei uns? Egal, was wir vorschlagen, es ist doof.  Es ist falsch. Unser Sohn weiß es besser. Und deswegen zeigt er uns, wo es lang geht. Zumindest wenn es nach ihm ginge. Aber das wird nicht passieren. Wir werden versuchen, mit so viel Ruhe wie wir nur aufbringen können, diese Phase zu überstehen. Und wenn die Ohnmacht uns überkommt, die Wut uns überrollt, dann denken wir ans Meer. An das Rauschen der Wellen, die Weite des Meeres und die unendliche Ruhe der Natur.