„Grenzen überschreiten“ – Autorin Amy Reed über ihre Arbeit

Erstellt am 6. März 2016 von Maxmustermann


Ihr frühes Leben war von häufigen Umzügen geprägt. Hat sich diese Rastlosigkeit auch auf Ihre Charaktere übertragen?

All meine Protagonisten sind auf die ein oder andere Art Außenseiter, was ich sehr gut verstehen kann, da ich selbst sehr oft das neue Kind an der Schule war. Ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht richtig dazuzugehören, etwas zu haben, was dich davon abhält, voll in die Mainstream-Kultur eines Ortes integriert zu werden. Das ist ein Gefühl der Verlorenheit, ein verzweifelter Wunsch, gefunden zu werden, welches all meine Charaktere antreibt.

Sie haben einen Abschluss an einer Filmschule, haben sich aber für den Weg der Buchautorin entschieden. Welche Vorzüge haben Bücher gegenüber Filmen?

Letztendlich denke ich, weil ich Wörter mehr liebe als jedes andere expressive Medium. Ich war auch für lange Zeit Sängerin und Songschreiberin, aber auch darüber hat das Schreiben gewonnen. Ich denke, ich liebe auch den Aspekt der Einsamkeit beim Schreiben. Ich liebe es, in meinen eigenen Kopf zu gehen.

Der Film ist eine sehr gemeinschaftliche Kunst und wahrscheinlich bin ich zu introvertiert und ein zu großer Kontrollfreak, um mich dort kreativ wohl zu fühlen. Ich bin auch ein bisschen Technikfeind, sodass die Technologie im Film/Video-Bereich befremdlich auf mich wirkte. Ich liebe die Einfachheit und die einsame Natur des Schreibens. Ich liebe es, allein verantwortlich dafür zu sein, eine Geschichte und Stimme zu finden. Ich liebe es, dass es meins ist.

Angehenden Autoren raten Sie, auch Bücher außerhalb ihrer Komfortzone zu lesen. Warum ist das so wichtig?

Schreiben ist eine meist einsame Tätigkeit, aber wir müssen immer im Austausch mit anderen Autoren sein. Wenn wir wirklich in unserem Handwerk wachsen wollen, können wir uns in dem, was wir lesen, nicht beschränken. Als Autorin will ich Grenzen überschreiten und in Frage stellen, was von mir erwartet wird und ich denke, das ist ein Bestreben der meisten Künstler. Ich muss weitläufig lesen, damit ich sehen kann, welche anderen Wege möglich wären. Ich bin bescheiden genug (zu wissen), dass ich mir nicht all die guten Ideen allein ausdenken kann. Ich möchte nicht das gleiche Buch wieder und wieder lesen, und ich will es sicherlich nicht schreiben.

Welchen Buchtitel können Sie zurzeit empfehlen?

Ich habe ein paar bevorzugte Autoren düsterer, literarischer, herausfordernder Bücher über Jugendliche. Nova Ren Suma schreibt wunderschöne, bewegend-gespenstische Prosa, die paranormale Aspekte in origineller Art verwendet. Ihr letztes Buch, The Walls Around Us ist fantastisch. Stephanie Kuehns Bücher tauchen tief in dunkle psychologische Orte ein und ihr neuestes Buch, Delicate Monsters, ist sowohl verstörend als auch fesselnd. Beide Frauen überschreiten die Grenzen von Jugendliteratur in ungewöhnlicher Weise, die sehr aufregend für mich ist.

Was unterscheidet das Jugendbuch von Erwachsenenliteratur? Ziehen Sie da überhaupt eine Grenze?

Der Hauptunterschied, auf den sich die meisten Leute einigen können, ist, dass Jugendbücher aus der Perspektive von Teenagern geschrieben sind. Da endet die Übereinstimmung jedoch. Manche sagen, dass Jugendbücher eine moralische Botschaft oder ein Happy End haben müssen, dass darin gar nicht genug R-rated (Anm.: Restricted, US-amerikanische Altersgrenze für Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren) Dinge darin sein können, oder dass sie auf einer weniger anspruchsvollen Ebene als Erwachsenenliteratur geschrieben sein sollten. Dem stimme ich nicht zu. Ich denke, dass jugendliche Leser sehr viel anspruchsvoller sind, als viele Erwachsene es ihnen zutrauen. Sie können mit großen Problemen und moralischer Mehrdeutigkeit umgehen und gehen auch damit um. Der Punkt bei Jugendliteratur ist meiner Meinung nach, Jugendbücher anzubieten, die ihre Erfahrungen und ihre Sichtweise respektieren, ohne verurteilend von oben auf sie herabzublicken.

In Ihrem neuen Roman „Abschied für immer und nie“ muss sich die Heldin Evie einer schweren Krankheit stellen. Kann die Heilung einer solchen Krankheit auch Nachteile haben und wenn ja welche?

Der einzige Nachteil bestünde darin, wie die Genesung von den beteiligten Personen gehandhabt wird. In Evies Fall hatte sie das Gefühl, nicht vollständig gesehen oder gehört zu werden. Um ihren emotionalen Schmerz wurde sich nicht gekümmert, also lag es an ihr, einen Weg zu finden, den Schmerz zu stoppen. Es gibt da eine ganze Welt aus Trauer und Anpassung, die das Überleben mit sich bringt und in Evie’s Fall eine Menge Trauma und Schuld. Der Kampf eines Überlebenden ist nach dem Happy End nicht vorbei. Heilung braucht eine sehr lange Zeit.

Bildquelle: Amy Erika Hart

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