Gibt es einen "Bildungswahn"?

Von Stefan Sasse
Im Zusammenhang mit Schavans Plagiatsaffäre wurde auch, wenngleich häufig im Schavan-Skandal-Wirrwarr untergehend, das Hochschul- und Bildungssystem als Ganzes kritisiert. Einer der schärfsten Vorwürfe in diese Richtung war in der Welt erschienen, wo Schavan als "aus einfachen Verhältnissen kommend, promovieren will um jeden Preis, hauptsächlich aber ohne vernünftig studiert zu haben" beschrieben wurde und ihr unangemessener Ehrgeiz auf die Verfehlungen sozialdemokratischer Hochschulpolitik geschoben wurde, die suggerierte, jeder könnte es schaffen. Konsequent wendet sich der Autor des Artikels (natürlich weiß, männlich) daher gegen den "Bildungswahn": "Der Ausverkauf von Bildung, der naive Glaube, jeder könne ein Intellektueller sein und der Aufstieg ins Bildungsbürgertum lasse sich in zwei, drei Jahren bewältigen – all diese törichten Illusionen sind auf sozialdemokratischem Mist gewachsen." Aber gibt es diesen Bildungswahn wirklich? 
Die Formulierungen des Autors - Tilman Krause - sind entlarvend: aus einfachen Verhältnissen kommt Schavan, da kann sie das ja schon mal gar nicht schaffen. Der Tonfall ist reichlich herablassend gegenüber dem, was man als niedere Schichten empfindet. Aber das braucht hier gar nicht das Thema zu sein. Interessant ist die Frage: Gibt es einen "Bildungswahn", also die Idee, dass jeder ein Intellektueller werden könnte? Die Fragestellung enthält eine interessante Beobachtung, nämlich die, dass Intellektuelle praktisch immer aus der entsprechenden, bildungsbürgerlichen Schicht stammen. Die Rolle des Elternhauses auf die Zukunftschancen ist damit einmal mehr bestätigt.  Die Frage, die sich damit unmittelbar aufdrängt, ist: Wie schafft man den Aufstieg überhaupt? Klar ist, dass eine entsprechende elterliche Prägung quasi Grundvoraussetzung ist. Aber wenn es ein Riesenpfui ist, sich eine entsprechende Bildung an der Universität verschaffen zu wollen, woher soll es dann kommen? 
Die Grundidee als solche ist nachvollziehbar: Wer die Prägung nicht mitbringt, kann auf dem Niveau von Leuten, die sie haben, an der Universität nicht arbeiten. Er oder sie muss ja erst einmal alles von der Pike auf lernen. Da er oder sie aber meistens (Elternhaus in einfachen Verhältnissen, wir erinnern uns) nicht die finanziellen Mittel hat, mal eben einige Jahre in das Erlernen und dann in das Studieren zu investieren, bleibt zwangsläufig nur ein Studium à la Schavan. Was für Sprösslinge aus "einfachen Verhältnissen" übrigens bereits eine große Leistung ist. 
Nun könnte man natürlich argumentieren, dass es dafür ein stärker aufgespaltetes System braucht, in dem die einfachen Verhältnisse eine kürzere, weniger theorielastige und praxisnahe Ausbildung erhalten, um möglichst schnell produktive Mitglieder der Gesellschaft zu werden (das intellektuelle Produktivsein ist ihnen durch die einfachen Verhältnisse ja genommen). Möglicherweise hat man dann mittlere Verhältnisse, die den Eintritt in ein "echtes" Studium möglich machen, vielleicht aber auch nicht. Dem Chauvinismus sind wenige Grenzen gesetzt. 
Genug der Polemik. Ich sehe das Problem durchaus. Wir haben an den Gymnasien ja die gleiche Problematik: Als in den 1960er Jahren rund 5% eines Jahrgangs das Gymnasium besuchten, waren die Anforderungen natürlich höher als heute, wo es 50% sind, Tendenz steigend. Völlig klar, dass Platon im altgriechischen Original da schwerer zu vermitteln ist. Nur fürchte ich, dass es keine Alternative gibt. Wenn wir die Basis einer intellektuellen Elite verbreitern wollen, müssen wir eben erst einmal die Zugangshürden senken, sonst wird sich da nie etwas bewegen. Und die nächste Generation, die dann bereits aus nicht mehr ganz so einfachen Verhältnissen kommt, wird es schon leichter haben und entsprechend auch akademisch anders auftreten können. Kurzum, Schavan einen Vorwurf zu machen, mehr aus ihrem Leben gemacht zu haben als ihre Eltern ist absurd. Es ist reiner Chauvinismus, blanke Arroganz, und es wird auch bei der Beseitigung der Probleme nicht helfen. Eine umfassendere und tiefgehendere Bildung als früher ist eine notwendige Folge der Deindustrialisierung. Sie ist begrüßenswert, und sie sollte gefördert werden.

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