Geständnisse einer NK-Beautybloggerin...oder warum ich manchmal Probleme mit Naturkosmetik habe...

Vielleicht habt Ihr Euch ein bisschen gewundert, dass ich die Vivaness damals zwar besucht, aber nicht darüber geschrieben habe. Das lag zum einen daran, dass meine Bloggerkolleginnen da einfach schon viel vorweg genommen haben und ich Doppellungen für unnötig halte, zum anderen aber auch daran, dass die Messe auch eine Art Feuerprobe für mich war.
Ich erwische mich nämlich immer wieder dabei, dass ich mit mir hadere und mich frage, ob ich diesen Naturkosmetik-Ansatz so noch vertreten kann. Ein stück weit liegt das ganz sicher an meinem eigenen Idealismus und meiner Naivität: als ich umstieg, habe ichschlichtweg angenommen, dass in der Welt der Naturkosmetik alles besser ist. 

Hier kommt das Problem der Alltagsheuristiken zum tragen: eine Heuristik ist die Kunst mit begrenzten Informationen zu einem guten Ergebnis zu gelangen. Uns steht i.d.R nie vollständiges Wissen über einen Bereich zur Verfügung, also müssen wir das Beste aus dem machen, das wir haben. Typisch sind hier z.B. Versuch und Irrtum oder das Ausschlussverfahren. Letzterem bedienen sich vor allem Ärzte. Man denke an Symptomewie Schwindel und Kopfschmerz, die für eine Vielzahl von Krankheiten stehen können. Um herauszufinden um welche es sich schlussendlich handelt, werden  häufig sukzessive eben die Krankheiten ausgeschlossen, die es nicht sind, bis man eine Diagnose stellen kann. Eines meiner eigenen Beispiele war damals: "es ist ja auch viel gesünder einen frischgespressten Saft zu trinken als eine künstliche Limonade". Einleuchtend? Ja. Übertragbar? Nicht unbedingt...Denn damals hatte ich noch  gar nicht ausreichend Informationen oder das Wissen darüber, dass die Haut sehr wohl auf ganz "natürliche" Stoffe reagieren kann - und das eben nicht nur positiv. Inzwischen weiß ich, dass meine Haut ätherischen Öle eben nicht so wohlwollend gegenüber steht.

Zudem habe ich angefangen mich weiter mit Inhaltsstoffen auseinanderzusetzen. Kein leichtes Unterfangen, denn leider gibt es kein Buchn "INCIs für Dummies" und ich bin weder Biologin noch Chemikerin. Und auch wenn Google normalerweise mein Freund ist, ist das manchmal eher Fluch denn Segen. Frei zugängliche Studien sind schwer zu finden, häufig muss man sich mit "Sekundärliteratur" begnügen. Eher noch Tertiär- oder n-, denn irgendwo steht etwas dazu, das irgendjemand irgendwie umformuliert hat. Garniert von subjektiver Meinung - entsprechend des Lagers, dem sich der Autor verschrieben hat. Es kostet also viel Zeit und Mühe verlässliche Quellen zu finden. Denn das Schlimme ist ja: Vieles klingt so einleuchtend (siehe mein Saft-Beispiel), dass man gar nicht auf die Idee kommt es zu hinterfragen.


Wusstet Ihr eigentlich, dass das Attribut bei Lebensmitteln "hausgemacht" nichts anderes bedeutet als dass es in einem Haus gemacht/zubereitet wurde? Lebensmittelrechtlich ist der Begriff nämlich nicht definiert. Auch wenn der Verbraucher nicht in die Irre geführt werden darf, können Hersteller oder auch Restaurants Speisen so erst mal deklarieren, ob es sich um eine bewusste Täuschung handelt, muss dann das Gericht entscheiden.

Ähnlich sieht es im Kosmetikbereich aus, z.B. wenn es um hypoallergene Kosmetika geht. Irgendwie 'wissen' wir alle, dass damit gemeint ist, dass ein Produkt idealerweise frei von allergenen Stoffen ist oder diese zumindest nur sehr reduziert enthält. Interessanterweise geht der Begriff allerdings auf eine Kosmetik-Kampagne von 1953 zurück und ist weder rechtlich noch medizinisch definiert (Quelle).
Dass die Werbung, gerade im konventionellen Bereich, sich in Sachen Wort-Neu-Schöpfungen nicht lumpen lässt und mit Wirkungen wirbt, die nach der Anwendung leider nicht feststellbar sind, ist ja nichts Neues. Und ich gebe zu:in meiner Hochphase hatte ich sicher auch jeweils 5-6 verschieden Shampoos und Spülungen im Bad stehen. Mir war einfach nicht klar, dass ein Shampoo zu 70-90% (die Literatur variiert da etwas) aus Tensiden, also waschaktiven Substanzen, besteht. Eigentlich klar; die Hauptaufgabe ist ja, Haare und Kopfhaut zu reinigen. Dennoch sind z.T. Wirkstoffe enthalten, nur sind die zumeist in sehr geringen Mengen enthalten und dann verbleiben nicht lange genug auf der Kopfhaut, um wirklich etwas bewirken zu können.
Geständnisse einer NK-Beautybloggerin...oder warum ich manchmal Probleme mit Naturkosmetik habe...


Ist da Naturkosmetik der verlässlichere und authentischere Markt? 

Nein. Das fängt schon dabei an, dass auch dieser Begriff nicht geschützt ist. Dass viele Marken auf den Zug aufspringen verwundert nicht: Naturkosmetik boomt und verzeichnete  laute GfK im 1.Halbjahr 2013 einen Umsatzzuwachs von 10%.Erwartet wird, dass bald die 1 Mrd. Euro-Umsatz-Grenze, geknackt wird. Ein bisschen grün, ein paar Pflanzen aufgedruckt und im besten Fall noch ein  bisschen Öl oder andere "natürliche Inhaltsstoffe" rein und fertig ist ein Produkt, das Gutes für Haut und Umwelt verspricht. Als NK-Konsumenten sind wir da sicherlich vielfach kritischer, aber irgendwo rührt es ja her, dass herkömmliche Betriebswege eher stagnieren und Verbrauchermärkte den größten Zuwachs verzeichnen. Alverde, Alterra & Co. ermöglichen ein gutes Gewissen zu einem geringen Preis. Mein Freundeskreis ist alles andere als 'naturnah', aber bei den NK-Drogeriemarken wird dann doch ganz gern mal zugegriffen.
Wer ohne Sünde ist,...klar, hin und wieder greife ich auch zu diesen Marken,auch weil teurer nicht immer (wirkungstechnisch) besser ist. 
Mit steigendem Preis, steigen auch die Werbeversprechen und als Konsument vertraue ich dem gern, weil das transportierte Image ja auch so schön heimelig ist. Irgendwie geht doch jede Marke auf einen Gründer zurück, der es entweder schon immer toll fand mit Kräutern herumzuexperimentieren oder selbst von schlechter Haut betroffen war. Natürlich braucht jede Existenzgründung einen Motor und eigene Betroffenheit ist oft ein sehr guter; manchmal wird mir das aber auch einfach zu viel.Apropos Werbeversprechen: emulgatorfreie Pflege bei Produkten, die eine Öl- und Wasserphase haben? Eine Zaubernuss, die man so nirgends abgelichtet sieht oder auch Sonnenschutzpräparate, die nicht den ganzen UV-Strahlungsbereich abdecken? Ja, auch sowas findet man in der Naturkosmetik.

Ich geb's auch gern zu: Ich bin ein Korinthenkacker! Während ich Pleonasmen noch belustigend finde, lassen mich nicht-existente Steigerungen des Superlativs ("einzigste") innerlich erschaudern. Ähnlich ergeht es mir mit den typischen Formulierungen, auf die man im NK-Bereich immer wieder trifft. Mein liebstes Beispiel: "das ist alles natürlich". Gern wird in diesem Zusammenhang dann auch auf die problematischen Abfallprodukte aus der Erdölgewinnung hingewiesen. Für mich hinkt das von vorne bis hinten.

Zunächst besteht Erdöl hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffen (so wie wir Menschen das zu großen Teilen auch tun) und entsteht durch Umwandungsprozesse organischer Stoffe. Ist das nicht natürlich? Zumal das Verfahren der Destillation ja auch zur Gewinnung ätherischer Öle genutzt wird. Viele gehen noch einen Schritt weiter und sagen "Das ist ohne Chemie". Komisch, dass selbst Wasser eine chemische Summenformel (H2O)hat. Und wie schaffen es die Hersteller eigentlich, Wasser und Öl zu mischen - so ganz ohne Chemie?^^ 

Ein gutes Verkaufsargument dabei: Unsicherheit schüren. Auch diesem Mechanismus bedient sich die Naturkosmetik in großem Maße; gute Beispiele sind da Parabene, Aluminiumchlorid, Silikone, Paraffinum Liquidum und Co. Stoffe, die jahrelang untersucht und getestet wurden. Irgendwann kommt dann jemand auf die Idee, dass es einen Zusammenhang zwischen x und y geben könnte. Ein gutes Beispiel ist da Brustkrebs und Aluminiumchlorid in Deos. Gerade die körperliche Nähe, lässt das ganze sehr einleuchtend klingen. Deshalb muss man das auch gar nicht weiter hinterfragen: der Schluss ist gezogen, klingt logisch und die Angst ist da.

Und Angst ist ein hervorragender Motivator. Immer mehr springen auf den Zug auf und schon haben wir ein Paradebeispiel des "Social Proof".Versteht mich nicht falsch; ich kann den "better safe than sorry"-Ansatz nachvollziehen und natürlich sind Studien auch immer mit Vorsicht zu genießen und abhängig vom Auftraggeber, aber viele Reaktionen empfinde ich als irrational. Wenn wir schon bei logischen Schlüssen sind: rund 2% weltweiten Ackerfläche entfallen auf den Baumwollanbau. Darauf entfallen jedoch etwa 20-25% aller eingesetzten Pestizide (Quelle und Literaturtipp: Kirsten Brodde - "Saubere Sachen") Wenn man sich dann noch die Verhältnisse in Produktionsstätten, Sweatshops und Co. anschaut; würde ich mich doch eher fragen, ob nicht mein Azofarben-getränktes 3,99€ T-Shirt eher für Brustkrebs verantwortlich ist als mein Deo (Antitranspirant).

Auch, dass der Faktor Duft noch eine so große Rolle spielt, leuchtet mir nicht ein. Klar, ich mag's auch, wenn mein Duschgel nach Pink Grapefruit duftet und in Sachen Bodylotionen nehme ich es auch nicht immer so genau. Letztlich sollte man sich aber vor Augen halten, dass ätherische Öle durch ihre geringe Molekulargröße ganz vortrefflich in die Haut gelangen - und das innerhalb kürzester Zeit - und sich im gesamten Blutkreis ausbreiten. Schlussendlich auch im Gewebe.Und trotzdem haben wir Angst vor hormonell wirksamen synthetischen Stoffen und Nano-Partikeln. Aber auch hier tritt wieder unsere vermeintliche Logik in den Vordergrund. Ist ja schließlich Tradition; hat man schon immer benutzt, hat schon immer geholfen. 

Wie irrational Produzenten und Konsumenten da sind, wurde mir einmal mehr auf der BioNord am Wochenende klar, als man mir erst erzählte, dass auf Zinkoxid verzichtet wird, weil es sich aufgrund seiner Nanogröße so leicht im Körper anlagert, bei einem anderen Produkt aber die enthaltenen Phytohormone angepriesen worden, hier aber einen absoluten Vorteil bieten, weil sie das eigene Brustgewebe zum Wachstum anregen...während sie sich, genau, anlagern...
Neben der Heuristiken, die ich bereits beschrieb, kommt es häufig zum  psychologischenPhänomen des Social Proofs, der vor allem in unsicheren Situationen auftritt; dann orientieren wir uns nämlich am Verhalten Anderer. Ein super Beispiel ist da die Aluminiumchlorid-Diskussion: "eigentlich weiß ich da gar nicht Bescheid, aber es gibt da so eine Dokumentation und wenn da doch einige darauf verzichten, dann wird da schon etwas dran sein". Wie leicht das funktioniert, könnt Ihr übrigens in einem Experiment selbst herausfinden. Schaut mal in einer Menschenmenge in den Himmel, im Idealfall mit mehreren Freunden, die das gleiche tun, perfekt, wenn auch noch jemand auf einen willkürlichen Punkt zeigt. Und dann schaut mal wie viele fremde Menschen es Euch gleich tun ;).
Menschen sind einfach Herdentiere :D. Das wissen auch die Marketingabteilungen vieler Unternehmen; warum sonst sollte man mit dem "meistverkauften Produkt" werben? Nur, weil 'alle' etwas kaufen, ist das noch kein Garant für dessen Wirksamkeit. In diesem Zusammenhang wollte ich noch auf ein weiteres Phänomen der Kognitionspsychologie zu sprechen kommen. Die Mutter aller Denkfehler, quasi: "Confirmation Bias". 
Wir haben die Neigung uns immer die Informationen herauszupicken, die unserem "Weltbild" entsprechen und blenden dabei die aus, die dieses widerlegen könnten. Auch dieses Problem tritt in der NK m.E relativ häufig auf. Sind wir einmal zu dem Schluss gelangt, dass NK für uns besser ist, werden wir immer nach Anhaltspunkten suchen, die diese Annahme belegen. Deshalb funktionieren ja auch Ansätze wie fettfreie Nachtpflege so gut. Zum einen klingt es einleuchtend: die Haut soll sich selbst regenerieren und dabei nicht von außen beeinflusst werden (was für eine Ironie - denn eigentlich tue ich tagsüber ja nichts Anderes, wenn ich creme und schmiere). Glaube ich aber erst mal daran, werde ich all die Abende ausblenden, an denen meine Haut tatsächlich gespannt hat und sie die Extraportion Pflege gut hätte gebrauchen können. Klammern werde ich mich aber an all jene, an denen sie es eben nicht getan hat. Dass das vielleicht an anderen Faktoren gelegen hat, lasse ich außer Acht (nicht unbedingt willentlich, weil wir tagtäglich so vielen Informationen ausgesetzt sind und in der Wahrnehmung begrenzt) und schreibe das Funktionieren dem Konzept zu. 

Und auch, wenn sich das jetzt wie eine Schmährede gegen Naturkosmetik lesen lässt: ich finde Naturkosmetik noch immer toll! Ich greife noch immer lieber zu ihr als zu konventioneller. Ich möchte nicht, dass Leiden durch meine Liebe zu Beautyprodukten entsteht. Nachhaltigkeit und soziale & ökologische Verantwortung sind mir wichtig. Und ja, ich verzichte nach Möglichkeit auf Paraffinum Liquidum, Silikone und Co., aber nicht weil ich mir weismachen lassen will, dass es die "Hautatmung" beeinträchtigt (denn ich weiß ja, dass ich kein Frosch bin ;)) oder meine Haut verlernt sich selbst zu regenerieren, sondern weil sie schlicht und ergreifend schlecht für die Umwelt sind.

Und ich finde es unsagbar schade, wenn sich NK nur durch "natürlich = gut; synthetisch = schlecht" auf dem Markt positionieren kann. Und man sich durch die Restriktionen der Labels und Annahmen, die Chance auf gut formulierte und wirksame Produkte verbaut!

Diese Überlegungen haben schlussendlich auch dazu geführt, dass ich den Blog in"Washing-Green" umbenannt habe. Green, weil es weiterhin um "grüne Produkte" gehen soll und "washing", weil das sowohl zu Beauty passt aber eben auch zu anderen Bereichen. Das hat NK für mich nämlich auch geschafft: mich auch jenseits von Kosmetik  umzuorientieren; von Kleidung bis hin zum Putzen. Ich setze mich inzwischen viel mehr mit mir und meiner Umwelt auseinander, auch wenn ich sicherlich noch meilenweit von "perfekt" entfernt bin.

Und natürlich ist der neue Name auch eine Anspielung auf "Green Washing".  Damit meine ich allerdings weniger naturnahe Firmen, für die ich durchaus Verständnis habe, denn ich würde mir oftmals NK-Produkte wünschen, die sich guter synthetischer Stoffe bedienen (Stichwort Konservierung z.B.), sondern v.a. auch NK-Firmen, die uns Dinge weismachen, die so gar nicht stimmen. 

Meinen Blog habe ich immer als Einladung gesehen Menschen an meiner Suche und Umstellung teilhaben zu lassen. Unter dieser Prämisse soll er auch weiterhin bestehen, nur das ich eben um ein vielfaches kritischer geworden bin und inzwischen durchaus auch wieder zu konventioneller Kosmetik greife, wenn sie nämlich tatsächlich das tut was sie verspricht und für mich vertretbar ist - und ich keine NK-Alternative finde, was leider noch öfter der Fall ist als mir lieb.

Dabei geht es mir jedoch nicht darum, Euch meine Ansichten oktroyieren (mit derVorsilbe "auf-" ergäbe das übrigens einen tollen Pleonasmus ;)) zu wollen, dennPampering und "Feel Good" der NK mag ich wirklich gern, aber Euch an meinen Erkenntnissen teilhaben zu lassen und vielleicht ein wenig zu "sensibilisieren". ;) 

Wie seht Ihr das? 

Benutzt Ihr ausschließlich Naturkosmetik? Werdet Ihr bei manchen Formulierungen zum Korinthenkacker^^ oder seid Ihr weniger verbissen?
Meine Post ist natürlich nicht abschließend, aber ich wollte Euch mit der Länger auch nicht überstrapazieren; gibt es vielleicht andere Punkte, die Euch genauer interessieren und einen eigenen Post würdig wären?

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