Geständnis: “Ich habe Reiche noch etwas reicher gemacht!”

Schon länger gibt es die Diskussion, dass in Deutschland die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht. Etwas, das ich lange nicht glauben wollte. Ich selbst (mittleres Alter, verheiratet, zwei schulpflichtige Kinder) fühlte mich als Teil der Mittelschicht, die es in der eigenen Hand hat, etwas aus ihrem Leben zu machen – zumindest bis 2012.

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“Voll im Anlagetrend” – Das Vermögen ist weg, die Schulden bleiben – Finanzdienstleister abgetaucht – Foto: © Martin Ciupek / politropolis.de

Mit meiner Frau hatten wir 2001 entschieden, Hausbesitzer zu werden und unser Geld nicht an einen Vermieter abzugeben. Weil wir nicht genug Eigenkapital hatten, brauchten wir einen Finanzdienstleister, der uns einen Kredit bzw. mehrere Kredite vermittelte. Wenn ich heute Tipps lese, dass bei den Niedrigzinsen auch ein „Hauskauf ohne eigenes Geld“ möglich ist, denke ich an die vergangenen Jahre zurück. Im Jahr 2007 erbte ich ausreichen Geld, um meine Schulden abzubezahlen und wollte dies auch tun.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf
Zunächst suggerierte mir mein Berater, dass dies mit der Zahlung einer Vorfälligkeitsentschädigung möglich sei. Als ich das Geld verfügbar hatte, war die vorzeitige Ablösung aber für die Bank doch kein Thema. Weil ich nicht mit anderen Banken über Zinserträge pokern wollte, bat ich den Berater das Geld so sicher anzulegen wie Festgeld und verwies auf mein Ziel „Schuldenfreiheit“.

Mir wurde daraufhin ein Fonds empfohlen, der von Gerichten als „mündelsicher“ eingestuft worden war. Zudem pflegte mein Dienstleister gute Kontakte zu hochrangigen Politikern. Also fühlte ich mich dort seiner Zeit besser aufgehoben als bei einer Bank.
Während und nach der Finanzkrise fragte ich meinen Berater mehrfach, ob ich mir Sorgen machen müsse, meine Darlehen 2012 nicht mit dem Vermögen zurückzahlen zu können. Das wurde stets verneint. Auch eine Anfrage bei der Fondsgesellschaft liess mich keinen Hinweis auf derartige Risiken erkennen.

Der Schock kam Anfang 2012.

Da hieß es plötzlich, der Fonds geht in die Abwicklung und das Geld für das Darlehen steht nicht mehr zur Verfügung. Ich war irritiert, weil sowohl Darlehn als auch Kapitalanlage über einen Berater und eine Bank liefen.
Zunächst bat mich mein Berater ihm Unterlagen zu unserem Haus zusammenzustellen, damit er uns ein neues günstiges Darlehen bei einer anderen Bank beschaffen könne. Als ich das ablehnte und auf mein „Vermögen“ als Sicherheit verwies, bat er mir seine persönliche finanzielle Unterstützung an.
Gleichzeitig machte er deutlich, dass er „dicht machen“ werde, wenn ich ihn verklage. Etwas später viel er aus „gesundheitlichen Gründen“ viele Monate aus und hat sich bis heute nicht mehr bei mir gemeldet.

Das Top-Management meines Beraters ließ mich auf Nachfrage wissen, dass die Probleme meiner Geldanlage für das Unternehmen nicht erkennbar gewesen seien und, dass man mir etwas vermittelt hatte, mit dem ich „voll im Anlegertrend“ lag. Von individueller Beratung aus einer Hand, mit der das Unternehmen gerne wirbt, war da plötzlich nichts mehr zu lesen. Als einzige Lösung wurde mir ein neues Darlehen angeboten.
Weil ich auf Dienstleistung aus einer Hand auch deshalb gesetzt hatte, damit ich nie gegen meine Dienstleister klagen muss, wollte ich die Sache eigentlich vergessen – wie so viele Finanzmarktkunden die ihr Geld in undurchsichtigen Anlagen verloren haben oder noch verlieren.

Prominente Glückwünsche und Rückzugsgefechte

Doch dann bekam ich anlässlich des Geburtstags des Gründers meines Dienstleisters 2013 Post. Darin gratulierten Persönlichkeiten wie Michael Schumacher, Helmut Kohl und Angela Merkel dem Finanzprofi. Die Bundeskanzlerin attestierte:

“Sie und Ihre Familie haben ein gutes Stück der Geschichte der sozialen Marktwirtschaft mitgestaltet, denn Sie haben das Angebot von Allfinanzleistungen populär gemacht, Sicherung aus einer Hand, weil es um den Menschen geht und nicht um das Produkt.”

Etwa im gleichen Zeitraum hatte sich Frau Merkel anlässlich eines Besuches bei Papst Franziskus für eine stärkere Regulierung der Finanzbranche ausgesprochen. Das war ein klarer Widerspruch, der nicht zu meinen persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen passte. Deshalb schrieb ich die Bundeskanzlerin an. Eine Frau aus dem Kanzleramt teilte mir darauf hin mit, dass die Bundeskanzlerin dafür nicht zuständig sei, sondern das Finanzministerium. Das wunderte mich, schließlich hatte sich Frau Merkel ja persönlich von meinem Dienstleister zitieren lassen. Das Bundesfinanzministerium erklärte mir schließlich, dass Gerichte über meinen Fall entscheiden müssten.
Auch einen Ministerpräsidenten hatte ich angeschrieben, der den Gründer meines Dienstleisters mit einem Verdienstkreuz seines Bundeslandes ausgezeichnet hatte. Der hochrangige Politiker empfahl mir, mich an die Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin) zu wenden. Da hatte ich allerdings schon nachgefragt und mitgeteilt bekommen, dass die BaFin nicht für meinen Dienstleister zuständig sei, sondern das Ordnungsamt der Stadt Frankfurt.

Ahnungslosigkeit hochrangiger Volksvertreter?

An der Stelle wurde mir klar, dass nicht nur ich schlecht über meinen Dienstleister informiert war, sondern auch Politiker denen ich vertraut hatte. Ich konnte mir bis dahin nicht vorstellen, dass sich die Geschichte Maschmeyer (AWD) und Schröder (Ex-Bundeskanzler, SPD) auf diese Weise nach so wenigen Jahren wiederholen könnte. Jetzt steckte ich mitten drin.
Parallel dazu hatte ich den Eindruck gewonnen, dass mein Berater genauso schlecht informiert war wie ich und der Ministerpräsident. Inzwischen habe ich einige Berater kennengelernt, die mir das bestätigt haben und mir noch weitere Details vermittelten.

Auch Journalisten hatte ich mit meinen Recherchen konfrontiert.

Lediglich eine Journalistin von der Financial Times Deutschland (FTD) und ein Journalist vom WDR-Fernsehen zeigten Interesse an meinem Finanzdienstleister. Die FTD wurde allerdings wenig später eingestellt. Im WDR wurde ein Beitrag gesendet. In den anderen Medien habe ich stattdessen zwischenzeitlich eher positive oder neutrale Nachrichten über meinen Finanzdienstleister gelesen.
Weil ich meine Darlehen bis heute nicht abbezahlen konnte, habe ich zunächst meine Lebens- und Rentenversicherungen beitragsfrei gestellt, die mir im Zusammenhang mit meiner Erbschaft und dem plötzlichen „Vermögen“ vermittelt wurden. Das Vermögenskonzept meines Beraters war ja hinfällig geworden, nachdem meine Darlehen weiterliefen und die Ausschüttungen aus den Fonds nicht wie geplant erfolgten. Später habe ich die Versicherungen gekündigt, weil mein primäres Ziel nach der Erbschaft ja stets die Schuldenfreiheit war. Doch noch immer bin ich nicht schuldenfrei.

Vor allem begann ich aber daran zu zweifeln, dass ich wirklich von den Versicherungen profitieren werde:
Nach fünf Jahren Beitragszahlung in die Versicherungen hatte ich Verluste gemacht, die sich noch vergrößerten, weil ich die staatlichen Zuschüsse für Riester und Co. wegen „schädlicher Verwendung“ natürlich nicht behalten durfte. Profitiert haben dabei also nur meine Dienstleister durch Prämien und Gebühren. Darüber hinaus stellte ich fest, dass manche Versicherungsverträge meines Versicherers, auch die Fonds beinhalteten, mit denen ich nun Probleme hatte. Mir wurden also mehrfach dieselben Produkte vermittelt, nur in unterschiedlicher Verpackung.

Weil die Fondsverwaltung zwischenzeitlich auf eine andere Gesellschaft übertragen wurde, habe ich dort nun noch einen geringen Anteil, der nicht (wie von mir mit der involvierten Bank direkt ausgehandelt) auf ein kostenloses Depot übertragen wurde. Die Ausschüttungen im einstelligen Eurobereich, behält sich die Depotbank nun direkt als Gebühr ein. Bei mir kommt davon nichts mehr an. Weil ich bei einem weiteren Depot ebenfalls nicht an das Geld komme und mein Freistellungsauftrag nicht ausreicht, zahle ich dort für jede Ausschüttung jetzt Kapitalertragssteuer.

Kurz gesagt, während ich Geld verliere verdienen andere also weiterhin an mir.

Mein Dienstleister – der mit dem Allfinanzkonzept „alles aus einer Hand“ - ist inzwischen außen vor. Die Unterlagen zu meinen Finanzprodukten bekomme ich inzwischen direkt von den Partnern meines Dienstleisters zugeschickt.
Statt mir mein Leben mit der Rückzahlung der Darlehen einfacher zu machen, ist es in dem Bereich Finanzen für mich nun noch unübersichtlicher geworden. Statt mich zu unterstützen, zwingen mich meine „Dienstleister“ dazu, mich nun noch stärker damit zu beschäftigen, oder weitere Dienstleister (wie Steuerberater) zu beauftragen. Wer hier wem einen Dienst erwiesen hat, ist die Frage.
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Eine Journalistin, die über Schiffsfonds berichtet hatte, empfahl mir vor einiger Zeit schnell gegen meinen Dienstleister zu klagen. Denn die Ausschüttungen erfolgten nach der Reihenfolge der Anspruchsteller. Wer zu spät dran ist, für den bleibe dann möglicherweise nichts mehr übrig.
Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich im Falle einer Klage nicht anders verhalten würde, als meine Finanzdienstleister. Ich würde mir einen persönlichen finanziellen Vorteil zu Lasten derjenigen verschaffen, die ihren Finanzberatern noch vertrauen und noch daran glauben, dass mit ihren Fonds und Versicherungen alles in Ordnung sei. Das kam für mich nicht in Frage, zumal Einigungen in juristischen Auseinandersetzungen meist mit einer Verschwiegenheitsklausel verbunden sind.

Da es scheinbar wenige Menschen in dem Bereich gibt, denen es nachweislich (erzählt wird vieles) um Aufklärung und Transparenz in der Finanzbranche geht, möchte ich gerne meinen Beitrag dazu leisten. Gerne setze ich mich dazu auch mit Politikern und den Top-Managern der Finanzbranche an einen Tisch. Einige haben mein Angebot bereits vorliegen.

Als positiv denkender Mensch möchte ich gerne zum Kulturwandel in der Finanzbranche beitragen, sofern es diejenigen, die das nach der Finanzkrise versprochen haben, ernst damit meinen. Keine Antwort ist für mich dabei auch eine Antwort. Das hatte ich auch dem Gründer meines Finanzdienstleisters geschrieben. Er hat diese Möglichkeit verstreichen lassen. Er ist in diesem Jahr verstorben.

Nachwort

Mir ist bewusst, dass manchen Menschen meine Einstellung naiv erscheint. Das ist für mich kein Problem.
Mir ist auch bewusst, dass die Gewinner bei meinen Dienstleistern die Verlierer dieses Systems gerne als „neidisch“ und „nicht ehrgeizig“ genug bezeichnen. Für mich kann ich sagen, dass ich jedem den Erfolg gönne, der hart dafür gearbeitet hat. Ich sehe allerdings ein Unterschied darin, ob der Erfolg z.B. durch handwerkliches Geschick erarbeitet wurde, oder dadurch, anderen etwas wegzunehmen – auch wenn das legal passiert. Denn meine Dienstleister sind keine Diebe. Sie haben lediglich die Risiken ihrer Geschäfte durch umfangreiche und schwer verständliche Verträge auf ihre Kunden sowie ihre Vertriebsmitarbeiter übertragen.
Ob das noch sozial (gesellschaftlich/gemeinnützig) ist oder als Teil einer „sozialen Marktwirtschaft“ gesehen werden kann, mag jeder für sich entscheiden.
Dass führende aktuelle Politiker diese Strukturen loben, ist für mich allerdings alarmierend.

ein Beitrag von unserem Leser M. Ciupek alias vfalle

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Quellen – weiterführende Links

“Zum Haare-Raufen” – Foto: © Martin Ciupek / politropolis.de
Video: ARD-Fernsehbeitrag “Wenn der Vermögensberater klingelt” über DVAG, Deutsche Vermögensberatung, gefunden auf youtube.de – uploader Quasimodo, gesendet von EinsFestival
Mehr Info: Geprellte Vermögensberater – “Ein reicher Mann hinterlässt arme Berater”
Ein Blick auf die Opfer (Privatkunden, Handelsvertreter und Politiker) aus Anwaltssicht
http://www.kanzleikompa.de/2014/06/14/die-opfer-des-prof-dr-reinfried-pohl/

 


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