Geplante Obsoleszenz – Produktion für die Müllkippe

Erstellt am 19. Juli 2011 von Guido Strunck

Nicht alles im Mittelalter war schlecht und grausam. So gab es z.B. Gesetze, wonach die Produzenten bewusst verschlechterter Güter in Ketten gelegt, an den Pranger gestellt werden und ggf. schmerzhafter Züchtigung unterzogen werden konnten (noch härtere Bestrafungen im Wiederholungsfall durchaus möglich).

Eine Rechtspraxis, die ich mir zurückwünsche, wenn ich Artikel wie „Die Technikmafia“ von Marcus Rohwetter auf zeit.de lese. In ihm erklärt er eine zunehmende Praxis von Unternehmen, durch bewusste Verschlechterung von Produkten, durch den Einbau sog. „Antifeatures“ (gebrauchswertmindernde Produkteigenschaften) sowie durch das Vorsehen vorzeitiger Alterung bereits beim Produktentwurf Zusatzprofite durch raschere Abnutzung und Ersatzkauf zu ergaunern. Von „erwirtschaften“ will ich aus Respekt von ehrbaren Kaufleuten und Unternehmern dabei bewusst nicht sprechen.

Ein klarer Fall von „defective by design“ (Kaputt von Anfang an – nicht umsonst auch der Name einer Kampagne gegen DRM-Systeme), also des bewussten Produzierens von Ausschussware für die Müllkippe, die aber vor der Entsorgung bitte noch verkauft und bezahlt werden soll. Und ein klares Signal für mich, dass die Produkthaftungsgesetze und Qualitätsauflagen durchaus noch nachgeschärft werden können, auch wenn Wirtschaftslobbyisten dann wieder über Bürokratie und Kosten klagen dürften. Selbst verschuldet – Dummheit und dumme Gier sollten hart bestraft werden.

Eine Vorgehensweise, für die der Begriff der geplanten Obsoleszenz (künstliche Veralterung oder Verschlechterung) geprägt wurde.

Schon aus Gründen der Ressourceneffizienz sollten solche auf Verschwendung und Betrug basierende Geschäftskonzepte sanktioniert werden. Zunächst über die Kosten des Ressourcenverbrauchs. Und dann über den Boykott der Kunden, sobald bekannt wird, welche Unternehmen (gerade im Bereich der Hard- und Softwareentwicklung, des Elektroniksektors oder in der Automobilindustrie) so arbeiten. Wofür entsprechende Kampagnenwebsites im Internet sorgen könnten. Und nicht zuletzt auch über gesetzliche Auflagen und persönliche Haftungen der zuständigen Entscheidungsträger auch ins Privatvermögen.

Was aber haben Antifeatures, Obsoleszenz und „defective by design“ mit Softwarequalität zu tun?

Ganz einfach: Die meisten Antifeatures sind überhaupt nur mit Hilfe von Software möglich. Da wird ein Chip schneller, wenn man gegen Aufpreis einen Softwarepatch einspielt (ist an sich gegen jede informationstechnische Logik). Ein gekauftes Produkt kann erst gegen erneut zu zahlende Preisaufschläge überhaupt in Betrieb genommen werden. Für Downloadmusik ist ein Aufpreis zu zahlen, damit sie in gebräuchlichen, DRM-freien Datenformaten ausgeliefert wird. Digitalkameras und Fotohandys verschlechtern das aufgenommene Bild künstlich oder entladen eingesetzte Akkus schneller, wenn diese nicht vom Hersteller stammen. Und Drucker erkennen Tonerpatronen anderer Marken und drucken damit nur in schlechterer Auflösung.

Was im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) schlicht als Mangel bzgl. Leistungsstörung bezeichnet wird und nach Mängelrüge und Nachbesserungsversuch letztlich zur Rückabwicklung des Kaufvertrags berechtigt, hat sich zwischenzeitlich zum Geschäftsmodell entwickelt. Denn Käufer bekommen es oftmals gar nicht sofort mit, dass man sie abgezockt hat. Denn zunächst funktioniert das Produkt ja (halbwegs) und die Mängelbeseitigung wird als „Upgrade“ oder „Freischaltung besserer Leistung“ verkauft.

Rohwetter bringt es auf den Punkt:
„Dem Irrsinn liegt ein völlig neues Wachstumsverständnis zugrunde. Bekamen wir Kunden für mehr Geld früher bessere Leistungen, bezahlen wir heute zunehmend für den Abbau von zuvor künstlich errichteten Hindernissen. Womöglich wenden die Konzerne einen großen Teil der Innovationskraft ihrer Forschungsabteilungen längst nicht mehr für die Optimierung von Produkten auf, sondern für die Verfeinerung von Verschlechterungssystemen.“

Es ist daher an der Zeit, der Wirtschaft schmerzhaft in die Weichteile zu treten. Sehr wirksam geht das in der ubiquitären Öffentlichkeit des Social Web. Aber auch über Kampagnenwebsites wie www.defectivebydesign.org (Software), www.abgespeist.de (Lebensmittel) oder den Verbraucherschutz. Imagekampagnen kosten richtig viel Geld und bringen oftmals wenig bis nichts. Für Unternehmen ist es daher sehr schmerzhaft, wenn man ihren Namen mit Schrottprodukten, minderwertiger Ware und betrügerischen Geschäftspraktiken in Verbindung bringt. Gehen dann erstmal Umsätze zurück und Aktienkurse in den Keller, während sich Verbands- und Sammelklagen in mehreren Ländern häufen und entsprechende Rückstellungen die Bilanzen belasten, ist auch mit angenehmen Boni für die Vorstandschaft bald Schluss.

Es muss klar werden, dass die Bevölkerung (und dann entsprechend angeschoben die Politik) den Unternehmen auf Betrug und Minderleistung basierende Geschäftsmodelle auf Dauer nicht durchgehen lassen. Unternehmen die so arbeiten sind überflüssig, werden zu Ballastexistenzen der Volkswirtschaft und sollten daher rasch in die Insolvenz getrieben und abgewickelt werden.