Genussradeln an Diemel und Weser

Genussradeln an Diemel und Weser

Zeit. Ein kostbares Gut. In der heute hektischen und von Terminen beherrschenden Welt ist die Möglichkeit „Zeit" für sich zu haben sehr wertvoll. Und so sind die Menschen oft getrieben viel zu viel in ihrer knapp zur Verfügung stehenden Zeit zu schaffen oder zu erledigen. Und ehe sie sich versehen, ist wieder Montag Morgen und sie müssen am Fließband, im Büro oder sonst wo parat stehen um die Welt am Laufen zu halten. Ein Gefühl wie im Hamsterrad.

Damit man nicht in den Fängen dieser Krake namens „Alltag" gelangt, gibt es eine hervorragende Tätigkeit um wieder ganz geerdet und entspannt eine ganz andere Sicht auf die Dinge zu bekommen. Welche Tätigkeit ich meine? Natürlich das Radfahren! Einfach, simpel und direkt vor der Haustür startend sofort umsetzbar.

Genieße deine Zeit, denn du lebst nur jetzt und heute. Morgen kannst du gestern nicht nachholen und später kommt früher als du denkst. Albert Einstein

Ich bin gerne sportlich mit dem Fahrrad unterwegs. Manchmal rasant und oft gerne mich auspowernd. Ich habe da Freude dran. Aber es geht auch anders und ich genieße jede einzelne Pedalumdrehung und erfreue mich an den wunderbaren Kleinigkeiten wie eine Pusteblume am Wegesrand. Daher war meine Radtour von Bestwig im Sauerland bis nach Holzminden an der Weser im südlichen Niedersachsen diesmal als Genussradeln konzipiert.

Das Gestein des nördlichen Sauerlands ist fast 400 Millionen Jahre alt und lag zu der Zeit noch am Äquator und unter tropischem Meer! Das rheinische Schiefergebirge, zu der das Sauerland gehört, ist ein transkontinentaler Gebirgszug, der, lies und staune, von Polen über Belgien bis Südirland und weiter sogar bis zur nordamerikanischen Ostküste reicht!

Mit dem fast leeren Zug ging es problemlos vom Ruhrgebiet bis nach Bestwig, einer leicht verschlafenen kleine Stadt am Rande des Arnsberger Waldes. Auftakt zu einem wunderschönen Radtag. Vorweg: die rund 160 Kilometer lassen sich hervorragend in zwei Tagen fahren, wenn die Hotels wieder aufhaben und der Corona-Virus eingedämmt ist. Machbar aber auch an einem Tag. Wie ich es tat.

Viel Anlauf um die Beine wachzurütteln hatte ich nicht. Nach wenigen Metern, wie es so ist im Sauerland, kam direkt mal eine steile Rampe. Als ich oben angekommen war, waren meine Beine dann bereits schon vor dem was die nächsten Kilometer folgen sollte gewarnt. Sobald ich aus dem Ort heraus war, wurde es einsam und mir erschlossenen sich die schönsten Aussichten.

Es war allerdings kalt, fast frostig. Vereinzelte Wolken waren am Himmel. Die Sonne blinzelte noch etwas schwach. Zum Glück hatte ich eine lange Radhose und eine warme Radjacke an. Doch die Füße brauchten ewig lange, bis sie nur ansatzweise warm wurden. Die Wege waren einsam, kein Verkehr störte die Tour. Auf den Höhenzügen hatte ich tolle Ausblicke und hielt deshalb am Anfang oft am Wegesrand an um die Aussicht zu genießen. Und um zwischendurch mal Luft zu holen.

Im Ruhrgebiet hat man nicht oft die Möglichkeit solche Höhenaussichten zu genießen, oftmals geht das nur auf den Halden im Pott. Hier sah ich nun kleine verträumte Dörfer und Bauernhöfe, die sich an die Hänge zwischen den Feldern und grünen Wäldern schmiegten. Eine Idylle.

Mein Ziel war es zunächst, den Diemelsee zu erreichen, um dort auf den gleichnamigen Radweg zu gelangen. Über gut asphaltierte Straßen gelangte ich auf die Alte Heeresstraße bei Altenbüren. Herrlich zu fahren, mit leichtem, aber schönen Anstieg. Die Aussicht: unbezahlbar! Das Einzige, das auffiel auf diesem Höhenkamm, waren die vielen Windparks nah und fern, die heute unverzichtbar geworden sind, aber das Landschaftsbild doch immer ein wenig trüben.

Ich erreichte Brilon, die größte Stadt im Umkreis. Erwähnt erstmals im Jahre 973. Am Ortseingang blieb ich kurz stehen um ein Foto am „Derker Tor" zu machen, das einst zur alten Stadtbefestigung gehörte. Mehr erkundete ich in der Stadt nicht, was man aber durchaus auf einer Radtour in Betracht ziehen könnte. Stattdessen fuhr ich weiter über gut zu fahrende Wege, einer perfekt neu asphaltierten Straße und leicht kräftezehrenden Anstieg in Richtung Diemelsee.

Die gleichnamige Straße bot mir bald darauf eine tolle Abfahrt hinunter nach Helminghausen. Dem Ort, der direkt vor dem Stausee liegt. Ein kleines Stückchen musste ich die Hauptstraße wieder hinauf um auf die Staumauer zu gelangen und den Blick auf den Stausee schweifen zu lassen. Wegen der Corona-Krise war hier nichts los. Die schönen Holzbänke hatte ich in der nun wärmenden Sonne ganz alleine für mich. Ein prima Ort für eine kleine Pause und um meine immer noch kalten Füße auf Temperatur zu bekommen.

Nun folgte ich endlich der Diemel und dem Radweg. Ich hatte gelesen, dass er mit 4 Sternen vom ADFC ausgezeichnet worden war. Prädestiniert zum Genussradeln also. Schon nach wenigen Metern wusste ich wieso. Die Diemel schlängelte sich herrlich zwischen blühenden Wiesen sanft talabwärts. Der Radweg folgte ihr mal näher, mal weiter entfernt. Zumeist an den Hängen entlang. Eine so friedliche Landschaft mit dem Rad zu befahren lässt einen das Herz aufgehen. Ich bekam das Gefühl, ganz weit weg zu sein. Der vermeintliche Urlaubsmodus schaltete sich bei mir ein. Das ist der Punkt, an dem ich weiß, dass ich gerade richtig entspannen kann.

Ich fuhr durch schöne Wälder, denen aber die Holzindustrie auch oft anzusehen war. Trotzdem waren die Stimmen der Vögel oben in den Ästen über mir ein Genuss. Das Rad glitt nur so dahin. Doch wo es im Sauerland abwärts geht, geht es auch wieder hinauf. Padberg ist so ein Ort, wo man sich den Weg hinauf erarbeiten muss. Die Pfarrkirche St. Maria Magdalena von 1912 ist das auffälligste Bauwerk, doch die Kirche St. Peter ist wesentlich älter, denn sie stammt von 1075! Zudem gibt es in diesem kleinen Ort noch eine unscheinbare Synagoge von 1751 im Fachwerkhausstil und sogar ein Schloss nennt der Ort sein Eigen.

Der Weg bis Marsberg war eine einzige idyllische Landschaft. Welliges Terrain mit saftigen Wiesen und schönen Wäldern wechselten sich weiterhin ab. Die frische Luft gelangte in meine Lunge und der Geruch der Kiefernwälder fand den Weg in meine Nase. Und meine Füße wurden jetzt endlich langsam wärmer. Das war der einzige Teil meines Körpers auf der Tour, mit dem ich kämpfen musste.

Bei Westheim fuhr ich vorbei an den fischreichen Gewässern des Baggersees und musste dann ein Stück auf der Hauptstraße nach Wrexen entlang. Das Stück Straße war einer der ganz wenigen Abschnitte, die nicht so schön waren. LKWs fuhren hier teilweise sehr knapp an einem vorbei und trieben mir die Zornesröte ins Gesicht. Trotzdem sollte das mir meinen Radtag nicht verderben.

Hinter Scherfede passierte ich das kleine, alte E-Werk. Die Landschaft bot ab hier erneut einsame Wege und herrliche Fernsichten. Jetzt war es nicht mehr weit bis zur Hansestadt Warburg und seiner sehr sehenswerten Altstadt. Erwähnt wurde sie erstmals im Jahre 1010 und mit der Größe wuchs auch der Einfluss. Im 17. Jahrhundert war die Stadt sehr reich und bekam sogar das Recht eingeräumt eigene Münzen zu prägen. Heute ist das natürlich nicht mehr möglich.

Leider waren wegen der Corona-Pandemie auch die Cafés und Restaurants geschlossen und daher war die schöne Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten wie Altstadtkirche oder das syrisch-orthodoxe Kloster leer von Menschen. Hier wäre aber ansonsten der ideale Ort für einen Zwischenstopp bei der Variante des zweitägigen Genussradeln! Es lohnt sich dort ein wenig zu verweilen und Zeit in den urigen Cafés zu verbringen.

Kurz nach Warburg, von einem sehr schönen Höhenzug aus, konnte ich in der Ferne, auf der anderen Seite der Diemel, die eindrucksvolle Burgruine Desenberg erkennen. Auf einer in der Landschaft deutlich hervorstechenden Basaltkuppe, die auf Vulkanismus zurückzuführen ist, liegt diese Ruine, von der man eine tolle Aussicht auf die Stadt und die Umgebung hat.

Durch das Diemel-Tal bei Liebenau, zwischen Feldern gelblich blühenden Raps und kleinen Wäldern liess es sich aushalten. Schöne Bänke luden ein zur Rast. Ich rollte weiter. Die Landschaft war bereits deutlich flacher und weitläufiger geworden. Bei Eberschütz ging es durch die wunderbare Feldmark. Mit leichten Beinen und einer gewissen Fröhlichkeit im Gemüt.

Der schon von weitem zu sehende Turm der Trendelburg auf den Bergrücken aus Sandstein in der gleichnamigen Ortschaft stammt von 1300. So konnte die Diemel-Furt, wo einst zwei wichtige Handelswege verliefen, gut überwacht werden. Doch der Turm erlangte noch eine ganz andere Berühmtheit. Er ist nämlich aus dem Märchen Rapunzel der Gebrüder Grimm bekannt. Ein Teil der Deutschen Märchenstraße führt hier entlang.

Auf alter Bahntrasse der Carlsbahn, die schon 1966 stillgelegt wurde, aber immer noch der Diemel entlang, gelangte ich nun zum Carlsbahn-Tunnel, der am Wegesrand lag. Der Radweg, der dort auch dem hessischen Fernradweg R4 folgt, sollte mich dort hindurchführen. Doch ein Schild am Eingang des 1847 erbauten Tunnels raubte mich meiner Illusion. Auch er war wegen des Corona-Virus geschlossen. So musste ich dem Weg am Ufer der Diemel weiter folgen und den Bergrücken ein kleines Stück umfahren.

Ich gelangte schnell wieder auf die Bahntrasse, die einst die Barockstadt Bad Karlshafen und Hümme verband, am anderen Ende des Tunnels. Sie ließ sich äußerst gut befahren auf dem nicht asphaltierten Boden. Im guten Zustand machte es richtig Spaß mit dem Fahrrad darüber zu rollen. Die Äste der Bäume bogen sich hoch über meinen Kopf über mir. Die frische Luft saugte ich gierig auf. Es war herrlich. Kleine Relikte wie zum Beispiel Kilometersteine konnte ich am Wegesrand finden. Zu meiner Linken, etwas unterhalb des Radweges, floss die Diemel lieblich dahin.

Jetzt war es nicht mehr weit bis nach Bad Karlshafen, wo die Diemel mit Schwung in den breiten Strom der Weser mündet. Normalerweise voll von Touristen war die Kurstadt ziemlich leer. An der Mündung hatte ich den Platz für mich alleine. Am angrenzenden Spielplatz wurden die Spielgeräte gerade frisch angestrichen in der Hoffnung, dass die Besucher bald wieder kommen dürfen.

Die Gebäude der Stadt, wie das Alte Rathaus von 1715, einst ein Lager- bzw. Packhaus gewesen, oder das Invalidenhaus sahen mit ihrem weißen Anstrich prächtig aus. Letzteres wurde von 1704 bis 1710 erbaut. Die Soldaten des hessischen Heeres fanden hier ihren Altersruhesitz. Ein Besuch lohnt sich auch im Thermalbad, wo das heilende Wasser mit hohem Salzgehalt aus weit über 1000 Metern aus der Tiefe heraufgeholt wird. Genussradeln as it's best also!

Von nun an befuhr ich den Weserradweg gen Norden. Breit, stolz und mit Kraft floss der Strom nun als mein ständiger Begleiter neben mir. Die sogenannten Hannoverschen Klippen zu meiner Rechten. Bei Lauenförde wollte ich eigentlich über die Brücke und die Weser, um auf der anderen Seite bei Beverungen dem Weserradweg zu folgen. Doch die Brücke war einen Tag vorher wegen Bauarbeiten geschlossen worden, wie mir ein Spaziergänger verriet. Und weit und breit keine Alternative um überzusetzen.

Ich besorgte mir an einem kleinen Geschäft erst einmal neue Getränke, denn meine waren ziemlich aufgebraucht und ich hatte ordentlich Durst. Ein, zwei Schokoriegel mussten auch noch mit. Ein älterer Herr erzählte mir, das es höchstens noch ein Stück weiter eine kleine Fähre gäbe, die aber wahrscheinlich momentan ebenfalls nicht fahren würde. So musste ich auf der angeblich nicht so schönen, rechten Uferseite weiterfahren.

Doch bis auf ein ganz kurzes Stück war dieser Weg gar nicht so übel. Auch hier gab es schöne Aussicht in die liebliche Landschaft. Die Eisenbahnbrücke der Sollingbahn war ein markanter Punkt. Bei Wehrder sollte die kleine Fähre sein, die aber tatsächlich nicht in Betrieb war. Über Fürstenberg und Boffzen gelangte ich dann nach Höxter und konnte endlich über eine Brücke auf die andere Seite gelangen.

In Höxter liegt das von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnete Kloster Corvey. Es wurde im Jahre 822 als Benediktinerabtei gegründet und war in damaligen Zeiten nicht mehr als eines der bedeutendsten Klöster in ganz Europa! Im Spätmittelalter verlor es allerdings wieder wesentlich an Einfluss und Bedeutung. Der Bau mit seinen mächtigen Mauern wirkt sehr imposant, gerade auch mit der Stiftskirche. Leider konnte ich auch hier ohne Berechtigung nicht ins Hofinnere gelangen. Es gibt sonst ein Museum und verschiedene kulturelle Veranstaltungen sind zu besuchen. Hoffen wir, das die Corona-Pandemie bald eingedämmt ist.

Jetzt fuhr ich mit dem Fahrrad die letzten, wenigen Kilometer in Richtung Holzminden, meiner Endstation. Was war das für ein entspannter Radtag in einer wunderbaren Landschaft. Von den Höhenzügen des Sauerlands bis in die Niederungen der Weser. Auf tollen Radwegen und durch verträumten Dörfern. Von Fachwerkhäuschen bis zum Barockstil war alles dabei. Als ständigen Begleiter das Wasser der sympathischen Diemel und die kraftvolle Weser. Genussradeln ist genau das richtige Wort dafür. Eine Radtour zum Entspannen, Staunen und Abschalten vom Alltag. Herz, was willst du mehr?

Infos zum Genussradeln an Diemel und Weser

Der Diemel-Radweg ist mit 4 Sternen des ADFC ausgezeichnet. Er hat eine Länge von 110 Kilometern. Er beginnt direkt an der Quelle bei Ussel, Teil der Gemeinde Willingen und ist noch ein echter Geheim- und Genuss-Tipp!

    Infos zum Diemel-Radweg findet ihr HIER unter diesem Link!

Der Weser-Radweg hat eine Gesamtlänge von 520 Rad-Kilometern und beginnt beim Zusammenfluss von Werra und Fulda bei Hannoversch Münden. Enden tut er in der Nordsee bei Bremerhaven. Er ist 2019 zum beliebtesten Fernradweg Deutschlands gewählt worden!

Meine weiteren Radtouren-Berichte findet ihr über diesen Link!

Viel Spaß!


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