Gedanken, die einer hat, bevor er sich im zweiten Stockwerk Geiseln nimmt

In jenem Zimmer, in dem der Geiselnehmer von Ingolstadt neulich sein Tagwerk verrichtete, stand ich vor vielen Jahren, um mich in meiner Ausweglosigkeit beim Bürgermeister zu beklagen. Das städtische Standesamt hatte bei der Bestellung des Aufgebotes meinem Nachnamen Unrecht angetan.
Gedanken, die einer hat, bevor er sich im zweiten Stockwerk Geiseln nimmtEs wollte mir nämlich das De von De Lapuente kastrieren. Lapuente habe mein zukünftiger Familienname zu sein. Denn es handle sich gemäß eines ominösen Paragraphen aus einer dicken Schwarte, um einen so genannten "spanischen Partikel", den man nach deutschen Namensrecht unbedingt schleifen muss, erklärte mir der Standesbeamte. Ich protestierte. Fragte, ob deutsche Von-Namen auch ihren Von weggeben müssen. Nö, die natürlich nicht. Die sind was Besseres. Hat er nicht gesagt. Ich habe es trotzdem herausgehört. Das sei bei deutschen Namen etwas völlig anderes, weil das De in italienischen oder spanischen Nachnamen meist nur eine Ortangabe darstelle. Bei oder von der Brücke, in meinem Falle. Dergleichen gäbe es natürlich im Deutschen eher nicht. Warum Namen keine Ortsherkunft deutlich machen dürfen, hat er mir nicht erzählt.

Der Mann war mir jedoch gewogen. Er gab mir eine Empfehlung. Eigentlich sogar zwei. Die erste servierte er mir, nachdem ich stur verkündete, dass ich weiterhin mit De Lapuente unterschreiben würde: "Lassen Sie sich gesagt sein: Das wäre Urkundenfälschung." Mein Geburtsname eine Fälschung! Nicht übel. Der zweite Ratschlag war praktischer Natur: "Gehen Sie mal rüber ins Ausländeramt. Dort könnten Sie eine Namensänderung beantragen." Dann könnte ich mein De vielleicht behalten, machte er mir Hoffnung. Vielleicht dürfe ich doch weiterhin so heißen, wie ich schon immer hieß. Der Standesbeamte gab mir noch mit auf den Weg, dass der ganze Spaß bis zu 2.000 D-Mark kosten könne. Mit diesem Wissen schlug ich konsterniert im Ausländeramt auf.
Der Typ, der mich dort in sein Büro hieß, war ein ziemlicher Schnösel. Er strich sich dauernd über seinen Schnurbart - wahrscheinlich prüfte er, ob er noch da war. Am Kopf waren sie ihm schon halbwegs flöten gegangen. Ich glaube, so einen Verlust wollte er nicht nochmal unbemerkt erleben müssen. Nach Darlegung meines Anliegens machte der Kerl auf witzig und rezitierte Goethe: Namen seien doch nur Schall und Rauch. Und überhaupt, so schob er nach, sei mein Anliegen nichts im Vergleich zu dem, was er sonst so in seinem Büro erlebe. Richtige Schicksalsschläge. Schlimme Geschichten. Und nun käme ich mit meinem Namensstolz. Ich fragte ihn, wie er eigentlich heiße. Eder hieß er. "Ich verstehe das, wenn ich so heißen würde, wäre mir die ganze Sache auch wurscht", sagte ich. Da warf er mich aus seinem Büro. Sein Humor hatte ganz offenbar doch Grenzen.
Ich ging danach nach Hause. So viel bürokratische Arroganz musste ich erst verarbeiten. Und ich dachte darüber nach, ob ich womöglich doch ein wenig kleinlich gewesen bin. Klar, Eder hatte recht. Es gab viele Dinge, die schlimmer waren. An sich schon die Ehe, die ich seinerzeit gedachte einzugehen und die sich mit diesem Ärger standesgemäß ankündigte. Und von Abschiebeverfahren beim Meister Eder ganz zu schweigen. Aber heißt das, dass ich ab sofort mit Dünnschiss nicht mehr von der Arbeit daheimbleiben sollte, weil es auch Menschen mit Karzinome gibt?
Nach einigen Tagen war ich nicht weniger wütend. Geld für eine Namensänderung zu bezahlen, die gar keine Änderung wäre, sondern lediglich eine "Beibehaltungserlaubnis", diese Aussicht machte mich regelrecht aggressiv. Und so landete ich im Vorzimmer des Bürgermeisters. Sein Helferlein sprach mit mir. Ich musste ihm alles genau erklären. War ja auch kein Alltagsfall. Und er machte auch wirklich große Augen. Vielleicht hatte er aber auch nur eine Wimper im Auge. Körpersprache wird ja meist überbewertet. Damals wertete ich das allerdings als gutes Zeichen. Er bat mich um etwas Zeit und verschwand. Ich ging hin und her, treppauf und treppab. Über eine Stunde lang. Starrte die Büste des ollen Josef Listl an und staunte. Der Bursche war von 1930 bis 1945 und von 1956 bis 1966 Bürgermeister von Ingolstadt. Und er war Mitglied der SA und der NSDAP. Seit 1965 ist er Ehrenbürger dieser Stadt an der Donau. Nun gaffte ich jedenfalls seinen kantigen Steinkopf im Foyer des Alten Rathauses an. Ich fragte mich, ob es das ist, was man unter "gelebte Tradition" versteht?
Nach weit mehr als einer Stunde kam der Mann aus den Amtsräumen seines Chefs. Die Kosten für die Namensänderung, so sagte er mir, würden gering gehalten. Versprochen! Sollte ich mich darüber freuen? In den sauren Apfel beißen und einen Hunderter zahlen, damit ich meinen Namen behalten darf und am Ende auch noch vielen Dank für diese gütige Haltung mir gegenüber sagen?
Dieser behördliche Wahnsinn, diese Arroganz und herablassende Herangehensweise, das alles hat mich in jenen Räumlichkeiten des Rathauses kurz davon träumen lassen, hier ganz groß auf mich aufmerksam zu machen. "Achtung, ich habe Geiseln und nun hört mir mal ganz genau zu, ihr Pisser!" Was man sich halt so denkt, bevor man im zweiten Stockwerk Geiseln nimmt.
Klar, es ging nur um einen Nachnamen. Aber hey, es war und ist mein Nachname. Und diese Willkür, die hat mich in meiner Hilflosigkeit kurz zum Geiselnehmer werden lassen. Sartre behauptete, dass der Mensch das einzige Wesen sei, das sich jederzeit über die Situation hinaus entwerfen könne. Er kann sein, was er sein will. Ich hatte kurz den Entwurf einer solchen Show vor Augen. Auch Geiselnehmer kann man sein.
Was ich sagen will: Uns kann es alle dazu treiben, plötzlich den Tag als Geiselnehmer zu beginnen. Manchmal liegt zwischen dem Impuls zur Aktion und der Zurückhaltung nur eine kleine Hemmschwelle. Meine Schwelle war dann doch zu hoch. Und manchmal braucht es ein großes Unrecht, um eine solch kopflose Tat als letzten Ausweg zu sehen - oder eben nur einen gestohlenen Nachnamen. Oder man kann es so ausdrücken, wie es Tommy Lee Jones in "No Country for Old Men" tat, als er seinem Kollegen die Geschichte eines Paares erzählte, das Menschen folterte, tötete und in Teile schnitt. Sein Kollege fragte etwas ratlos, warum Leute dergleichen machten. Und Jones antwortet: "Vielleicht war ihr Fernsehapparat kaputt."
Manchmal reichen eben banale Gründe aus. Sie werden hernach nur nicht geglaubt und man entwirft eine riesige Geschichte des sich bereits im Vorfeld abzeichnenden Vorfalls. Wenn die Voraussetzungen stimmen, beenden wir den Tag als Geiselnehmer. Wer glaubt denn ernsthaft, dass der Typ, der vor einigen Tagen in Dossenheim ein Blutbad anrichtete, schon am Vorabend wusste, was geschehen wird? Unsere Zeit scheint diese Erkenntnis nur völlig verdrängt zu haben, weswegen sie dauernd idiotische Fragen wie "Warum nur?" oder "Wie konnte das passieren?" heraufbeschwört.
Wie oft wohl da oben im Alten Rathaus zu Ingolstadt Menschen kurz davor standen, brachial auf sich und ihre Geschichte aufmerksam zu machen? Gestern wegen einem Nachnamen und heute, weil man seine Medikation nicht eingehalten hat. Gründe gibt es viele. Wir sind eine pluralistische Gesellschaft.
Ach, bevor man mir Nachfragen schickt: Ich bekam einige Tage später eine Entschuldigung des Standesamtes. Das heißt, klassisch entschuldigt haben sie sich nicht. Man habe nur erkannt, das man falsch interpretiert habe. Ein Missverständnis. Hochachtungsvoll, Ihr Standesamt. Es blieb, wie es war. Ob das spanische Konsulat dahintersteckte, das ich Tage zuvor damals fortschrittlich per e-Mail kontaktierte? Ich habe es nie erfahren.

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