für dich.

eine hügelige landschaft erscheint in weiter ferne, in den feldern blüht der mais. es riecht nach frischgemähtem gras und regen. die sonne geht so langsam unter und eine lauwarme brise durchweht mein haar. in wenigen augenblicken bin ich bei dir. ich muss nur noch den steinigen weg meistern, dann sehe ich dich vor meinem geistigen auge. du stehst da, unter dem großen baum im hof, winkst uns zu dir. ich steige aus dem wagen, werfe mich in deine arme und du wirbelst mich umher. ein gefühl von bedingungsloser liebe schwirrt in der luft, ich kann dein lachen hören.

du nimmst mich an der hand und führst mich durch den garten, zeigst mir die himbeeren und erdbeeren und trägst mich über den bach. die dunkelheit bricht langsam herein, doch ich fürchte mich nicht. ich weiß, dass ich bei dir in sicherheit bin. du hebst mich auf den arm und wir laufen durch die felder. so lange, bis meine augenlider immer schwerer werden und ich mit dem kopf auf deiner schulter einschlafe.

vögel zwitschern, der hahn kräht – es muss morgen sein. vorsichtig öffne ich meine augen. wie lange habe ich geschlafen? du sitzt da, wartest darauf, dass ich was sage. dein liebevoller blick verrät: du bist bereit, mir die welt zu zeigen.

ich folge dir blind. wir laufen über wiesen und brücken und berge, bis mich die krähen sanft aus meinen tagträumen reißen. du stehst vor mir, suchst mich. ich rufe deinen namen, doch vergeblich. mit jedem schrei verblasst dein bild etwas mehr. ich bin weder dort, wo ich früher so gerne war, noch bist du bei mir. du bist weg.

mein kopf schwirrt. ich ziehe die kapuze etwas tiefer. nasser wind peitscht in mein gesicht. es ist ein kalter novembertag und ich sitze vor deinem grab. wie lange sitze ich hier schon? eine stunde? zwei stunden? ich weiß es nicht. um mich herum sind nur blumen und gräber – so weit das auge reicht. friedhöfe sind seltsame orte, nicht wahr?

von weitem höre ich schritte. zwei frauen laufen den weg entlang, stützen sich gegenseitig. ihr schluchzen durchbricht die stille. sie nähern sich einem grab, legen blumen nieder und weinen bitterlichweißt du noch, wie du mir das laufen beigebracht hast? ich erinnere mich leider nicht mehr, ich war noch ganz klein, aber wenn ich diese geschichte höre, wird mir warm ums herz. du hast mich bei meinen ersten schritten begleitet und ich dich bei deinen letzten. wir haben den kreislauf geschlossen und wieder ins gleichgewicht gebracht.

ich bin unendlich dankbar für jeden einzelnen tag, an dem ich dich noch sehen und erleben durfte, und bitte entschuldige, wenn ich mich manchmal darüber geärgert habe, dass du mir schon zum dritten mal dieselbe frage stellst. wenn ich gewusst hätte, dass diese eine frage die letzte sein wird, dann hätte ich für immer weitererzählt.

du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du uns fehlst. manchmal sitzen wir alle zusammen im wohnzimmer und ich ertappe uns dabei, wie wir darauf warten, deine leisen schritte im flur zu hören. wir horchen alle der stille, starren gebannt zur tür, doch du kommst nicht. du schaust nicht um die ecke und du sagst auch nicht, wie schön es ist, ein volles haus zu haben. leider ist das haus nicht mehr voll. seitdem du weg bist, war das haus nie wieder voll, egal wie viele menschen anwesend waren.

(2018) 

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