Fünf Tage im Juni – War eine soziale Utopie möglich?

Von Politropolis @sattler59

Die Nachgeborenen wissen es nicht mehr. Im Juni des Jahres 1953 kam es vor allem in Ost-Berlin zu Ausständen und Aufständen der Arbeiter auf dem Bau. Sie brachten damit ihren Unwillen gegen Schwierigkeiten und Widrigkeiten beim Aufbau des Staates DDR zum Ausdruck. Die Arbeitsnormen wurden wiederholt erhöht, die Gehälter blieben die gleichen und für das Geld konnte man, verglichen zu den Konsumgütern, die in West-Berlin zur Verfügung gestellt wurden, nichts kaufen.

Der VEB – “Volks-Eigener-Betrieb”, ein “Markenzeichen” des ehemaligen deutschen Alternativmodells – Foto: © Rolf Jürgens / pixelio.de

Dann, im Juni 1953, lief das Fass über. Aus Streiks wurden Demonstrationen, den Baustellen folgten andere Fabriken und irgendwann wurde von einem Volksaufstand gesprochen. Am 17. Juni schließlich wurde dieser brutal von auffahrenden Panzern niedergeschlagen, unter Beteiligung der sowjetischen Besatzungsmacht. In der benachbarten Bundesrepublik Deutschland wurde beschlossen, den 17. Juni fortan als Tag der deutschen Einheit zu begehen. Dieses wurde bis zum Ende der DDR so gehalten, seitdem wird der 3. Oktober als Tag der Wiedervereinigung ersetzt und der 17. Juni geriet in Vergessenheit.

Die Eigenart, dass sich das damalige Westdeutschland mit Arbeiteraufständen solidarisierte, sei einmal dahin gestellt und nicht die Frage erörtert, ob das heute wohl noch passieren könnte, weil dann schnell deutlich würde, wohin der damals schon aufkeimende Moralismus letztendlich führt. Interessanter scheint die Frage, ob die damals junge DDR das Potenzial zu einem anderen Staat in sich trug, als sie dann schließlich wurde.

Es geht um die Erörterung einer sozialen Utopie. Das Stück war in Deutschland bereits einmal aufgeführt worden und hatte in einem Debakel geendet. Die Novemberrevolution von 1918 war der erste Versuch von Arbeitern und Soldaten auf deutschem Boden, aus dem Sturz bestehender Verhältnisse etwas Neues zu machen. 1918 wurde der Krieg beendet und die Monarchie gestürzt, das Modell der Arbeiterräte setzte sich nicht durch, auch das wurde durch Mord und Totschlag besiegelt, genau wie bei der zeitgleich stattgefundenen Münchner Räterepublik.

Das Potenzial für ein neues Demokratiemodell nicht im Sinne einer westlichen Assimilation hatte aus dem Westen nicht identifiziert werden können. Zu spärlich waren die Informationen und zu zweckorientiert die westliche Propaganda. Stefan Heym, der ostdeutsche Schriftsteller, der sich als Exilant in den USA mit spannenden Romanen über die us-amerikanische Working Class auch im Westen einen Namen gemacht hatte, als Verbindungsoffizier nach Deutschland zurück gekommen und in der DDR geblieben war und irgendwann ein Publikationsverbot am Hals hatte, besagter Stefan Heym hatte drüben, ohne Öffentlichkeit, einen Roman geschrieben, der sich mit dem Gewaltakt gegen die Berliner Arbeiter aus dem Juni 1953 auseinandersetzte. Fünf Tage im Juni hatte er ihn genannt und damit dem Aufblitzen einer Alternative im Weltgeschehen einen zeitlichen Rahmen gegeben. Heyms Roman ist bis und gerade heute eine überaus lehrreiche Lektüre. Zum einen zeigt er, wie schnell sich in der DDR eine Bürokratenkaste etabliert hatte, die so weit entfernt von der proklamierten politischen Programmatik war, dass sie wie eine Karikatur wirkte. Und er zeigt, wie vage und undeutlich die soziale Utopie, die jenseits der realen Machtverhältnisse vielleicht gegeben gewesen wäre, in Deutschlands Köpfen vorhanden ist.

Es ist bedenkenswert, wie wenig die deutsche Mentalität dem Spiel Raum gibt, sich in der Vision zu üben. Die Erdung, der Realismus, die Geschäftsmäßigkeit, die in vielerlei Hinsicht zu einer guten Organisation des Alltags führen, nehmen allerdings auch die Energie weg von der Beschreibung eines Weges, der im Möglichen liegt. Der 17. Juni hatte auch etwas, das es nicht in die Geschichtsbücher geschafft hat. Das war allerdings das Interessanteste.

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