Friedhelm Filter oder warum ich mich manchmal nach Hamburg sehne

Friedhelm Filter oder warum ich mich manchmal nach Hamburg sehneJeden Tag begegnen uns Menschen ganz unterschiedlicher Art. Der eine hat einen runden Bauch und freundliche Augen. Ein anderer erscheint uns arrogant und selbstverliebt. In dieser Selbstbeweihräucherung ist er erstaunlich kommunikationsträchtig mitunter sogar sehr freundlich. Unseren Weg kreuzen Leute, die wir von Anfang an mögen, in unser Herz schließen. Das berühmte Vertrauen und Verständnis auf den ersten Blick. Diese Menschen müssen uns schon recht übel mitspielen, dass wir sie aus unserem Kopf und dem Herzen verbannen. Bei anderen dauert das Kennenlernen und Mögen länger. Ungleich schwerer fällt es diesen Menschen unsere Zuneigung, Gunst oder gar das Vertrauen zu erlangen. Und dann treffen wir hin und wieder auf diese Vertreter der Gattung Mensch, die uns vom ersten Augenblick an Kopfschmerzen bereiten und Magengrummeln. Bezeichnender ausgedrückt treffen diese Menschen wohl eher uns. So Menschen die zu allem und jedem etwas sagen müssen, für jedes Problem eine Lösung bereithalten ( vom Nutzen selbiger sprechen wir nicht) und uns weismachen wollen, dass sie die Weisheit für sich als Alleinmonopol beanspruchen. Menschen die gerne den Druck, welcher ihnen von irgendwoher angereicht wird, weitergeben, um sich für einen kurzen Moment über uns erhaben zu fühlen. Menschen mit einer falschen Zunge, dem zweiten Gesicht- kurz unangenehme Zeitgenossen. Einer von diesen ist Friedhelm Filter.

Mein Leben auf dieser Insel verläuft friedlich. Ich genieße die Tage, Wochen, Jahre, fernab der Grossstadt, bar jeglichen Stresses. Vorbei die Zeiten der Hetzerei, des Termindrucks und der Maskerade. Endlich in meinem Leben angekommen inhaliere ich das sanfte Morgenlicht, lausche dem Meer und dem Wind, feiere die Stille und liebe die Einfachheit. Jeden Tag freue ich mich ein bisschen mee(h)r darüber. Ich bin glücklich und zufrieden. Mit Nichts auf dieser Welt würde ich noch einmal tauschen wollen.

Bis auf zweimal zwei Wochen im Jahr. Zweimal im Jahr gehen meine Chefin und Ihr Mann in den wohlverdienten Jahresurlaub. Zurück lassen sie uns nicht nur mit ‘Wir schicken Euch auch eine Postkarte.’ und Anweisungen wie Paul und ich ihre Sonnenblumen und Tomaten auf dem Balkon zu verköstigen haben, sondern auch mit der anstrengendsten aller Vertretungen überhaupt.

Eher unscheinbar und weniger Furcht einflößend, äußerlich betrachtet der Nachbar von gegenüber, welcher gerne seine Gartenzwerge putzt und unsere Pakete annimmt,  entpuppt sich dieser Typ binnen kürzester Zeit als Wolf im Schafspelz und sorgt für regelrechte Magenkrämpfe. Obwohl ihm ein düsterer Ruf vorauseilt, bemühen wir uns jedes Mal um Neutralität und Diplomatie. Es ist ja nicht immer einfach eine Vertretung rechts neben den Leuchtturm zu locken. Schließlich sind wir Insel mitten im Meer, da kann ein Vertretungsaufenthalt ja nur mit unbezwingbaren Strapazen verbunden sein. Das Hotelzimmer fernab jeglicher Zivilisation. Haben die dort überhaupt Hotels? Wird das Zimmer mit Frühstück angeboten? Das ist doch eine Ferieninsel, bestimmt gibt es zuhauf unbeheizte Herbergen.

‚Einmal in meinem letzten Spanienurlaub auf einer dieser Inseln, herrschte ein furchtbares Unwetter und der Kamin der Finca war verstopft. Ich kann Ihnen sagen, das war ein Urlaub mit Schnupfen und klammen , kalten Fingern, alles roch modrig. Schön ist was anderes.

Wir fühlen uns immer sehr geschmeichelt, wenn unser plattes Inselchen mit den Schönheiten im Mittelmeer in einen Topf geschmissen wird. Gemein haben wir mit ihnen lediglich das viele Wasser zu allen Seiten. Vertretungswürdige Kollegen schieben viele Argumente vor, um nicht zu uns auf die Insel, rechts neben dem Leuchtturm, zu müssen. Das Wort Insel ist mit Unannehmlichkeiten verbunden. Es birgt die Assoziation ‚Arsch der Welt und zurückgebliebene Ureinwohner.

Sport kann man nicht machen. Ein Fitnessstudio haben die da bestimmt noch nicht. Bei Dauerregen und Sturm kann einem doch nicht zugemutet werden joggen zu gehen. Also das wäre der Erhaltung meiner Arbeitskraft und Gesundheit nicht zuträglich. Das können Sie nicht wollen, dass ich krank wieder hier hinter dem Schreibtisch lande. Suchen Sie sich jemand anderen. Überhaupt immer dieser Sturm, ständig ist die Brücke gesperrt- Flexibilität gleich null. Entweder man kommt nicht vorwärts wegen dem Wind oder es schneit. Ständig zerrt und rüttelt das Wetter am Haus, brüllt seine Kraft hinaus in die Welt, so sehr das es sich für immer im Kopf einbrennt. Nein! Vergessen Sie es. Ich gehe auf keine Insel und schon gar nicht zwei Wochen. Was? Sie sagen ich wäre im Sommer dort? Hmmm- nein! Auf keinen Fall. Nicht nur das der Klimawandel dort alles für Tage unter Wasser setzt. Wie soll ich mich gegen die Millionen von Touristen wehren. Das können Sie ja auch gar nicht wollen, dass ich im Sommer dort hingehe. Also jetzt hören Sie mal! Die Zimmerpreise sind doch völlig überzogen während der Hauptsaison. Das wäre auf keinen Fall wirtschaftlich für Sie und die Firma. Und bedenken Sie. Jeden Tag komme ich zu spät auf die Arbeit, weil die Schlange am ohnehin sehr mickrigen Frühstücksbuffett kein Ende nehmen will. Vergessen Sie es. Ich gehe nicht. Haben Sie überhaupt daran gedacht mir eine Spezialausrüstung zu stellen? Ich brauche ja Gummistiefel und klimafeste Wetterjacken, so Seglerhosen und so und für den Winter Schneeketten und das Überlebenspaket, sollte ich irgendwo steckenbleiben. Nein, nein, nein vergessen Sie es. Fragen Sie jemand anderen- aber nicht mich! Nicht im Sommer und auch nicht im Winter und versuchen Sie bitte nicht den Herbst und den Frühling anzufragen. Da habe ich bestimmt wichtige familiäre Verpflichtungen. Beim besten Willen diese unplanbaren Zustände sind mit Geld nicht aufzuwiegen. Ich verstehe ja auch gar nicht deren Sprache dort. Die Einsamkeit hat denen da oben im Norden doch sicherlich einen merkwürdigen Dialekt beschert. Und wenn ich niemanden dort verstehen kann, wie soll ich dann arbeiten können. So arbeiten das sie zufrieden mit mir sind. Nein! Das können Sie nicht wirklich wollen.’

So oder so ähnlich argumentieren die Kollegen in der großen Stadt oder irgendwo auf dem Festland, wenn Ihnen eine Vertretung auf diesem bezaubernden Eiland im Meer, meiner Insel, angetragen wird und verzichten auf die finanziellen Vorzüge einer Vertretung.

Nur einer bildet da eine Ausnahme.  Ein Kollege wagt zweimal im Jahr freiwillig für zwei Wochen den Weg über die Brücke. Friedhelm Filter- seines Zeichens Oberhaupt von zehn, wie er sagt unmotivierten, immer unzuverlässigeren, schwierigen Mitarbeitern. Friedhelm Filter meldet sich freiwillig schon sechs Monate im Voraus an. Er erfragt ganz genau wann unsere Chefin sich in den Urlaub verabschiedet, mietet sich eine Ferienresidenz für sich und seine Familie, wird ja schließlich alles bezahlt und ob er alleine dort in der Villa mit Whirlpool und Sauna wohnt interessiert die Rechnungsabteilung eh nicht. Hat er halt nichts anderes gefunden, wird er argumentieren, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass er gefragt würde warum dieses Haus und nicht die einfache Frühstückspension nebenan. Friedhelm Filter  bezeichnet diese Wochen als Erholung von seinem anstrengenden Job als Chef seiner so  haltlosen Truppe Unwissender. Schenkt man seinen Ausführungen Glauben ist es furchtbar anstrengend diese Horde im Zaum zu halten. Jeder macht was er will. Ständig ist er gezwungen alles zu kontrollieren und nachzuarbeiten. Auf niemanden ist Verlass. Ob die überhaupt ohne ihn klarkommen die zwei Wochen, das wagt er zu bezweifeln. Aber schließlich müsse sich ja jemand ‚opfern’ und den armen Insulanern unter die Arme greifen. Selbstgefällig reist Friedhelm Filter samt der Seinen also an.

Und ich sehne mich zweimal zwei Wochen im Jahr vollen Ernstes in meinen ehemaligen Großstadtbunker von Großraumbüro zurück. Für Zweimal Zwei Wochen im Jahr wächst in mir das Verlangen nach dem Quietschen der UBahn, wenn sie in die Kurve vor den Landungsbrücken einfährt, dem Ausblick auf tänzelnde Elbkähne unten auf dem großen Fluss, dem Hupen und metallischen Rasseln und Quietschen aus dem Hafen, wenn die Ozeanriesen gelöscht und wieder bestückt werden. Zweimal Zwei Wochen im Jahr würde es mich nicht stören durch muffige Bahnstationen, an zur Arbeit eilenden Menschen vorbei, den Kaffee im Pappbecher und ein trockenes Franzbrötchen hinter die Kiemen schiebend, wieder auf den letzten Drücker in den Aufzug zu hüpfen.  Selbst der Blick von Frau Krause, der immer perfekt durchgestylten Bürovorsteherin, ob meiner eher an Freizeit, als an ernsthafte Arbeit erinnernden Klamotten, würde mich nicht ärgern. Auch das Sie mich mit langweiligen Vorgängen plagt, mir diese immer und immer wieder aufgrund ‚gravierender Formfehler’ vorlegt, würde mich nicht stören. Von mir aus soll Sie mich Kaffee kochen schicken

‚Ach könnten Sie uns bitte mal eben zwei Latte zaubern?’

Alles erscheint mir zweimal im Jahr netter als Filter und sein nervender Anhang. Zweimal zwei Wochen im Jahr…ich könnte shoppen gehen, mit den Mädels an der Alster abends einen Weißwein oder zwei schlürfen, Sushi essen bis mir schlecht ist, in der Strandperle grillen oder ins Theater, die Oper….

Friedhelm Filter reist an. Während der Kollege mit seinem halben Hausstand rechts neben dem Leuchtturm einzuziehen beginnt, gebietet Paul mir mit stummen Blick die Klappe zu halten und keine spitzen Fragen über die Größe seines Bootstrailers zu stellen, den Filter just schnaufend versucht die Einfahrt hochzuziehen. Wie immer  befindet sich Friedhelm  in Begleitung seiner vollbusigen, sorgfältig die Falten weggeschminkten, in sanftes Rosa mit passendem TäschChen, Halstuch und winzigen Schühchen gehüllter Frau, dem echten deutschen Schäferhund und dem verwöhnten Sohnemann.

‚Friedhelm? Flötet die Herzallerliebste schon beim Betreten des Vorhofs. ‚Wie lange dauert das denn hier noch. Es ist so heiß und ich muss mich dringend umziehen. In einer Stunde haben wir den Termin zum Tennis. Friedhelm ich muss aufs Klo. Friedhelm ich habe Hunger. Friedhelm das geht jetzt aber zu weit das mich die Leute hier in der Küche auf dich warten lassen.’

Die drei postieren sich in der Toreinfahrt , während Papa den Trailer versucht an Ort und Stelle zu bewegen.  Als endgültigen Stellplatz hat er sich den von uns so liebevoll angelegten Vorgarten auserkoren. Für den betörenden Duft der Rosen, das intensiv leuchtende Lila des Lavendels und die Üppigkeit unserer Malven hat Friedhelm kein Auge und auch keine Nase. Geräuschvoll arbeiten sich die Gummireifen und das Metall in Richtung ihres Bestimmungsortes. Paul und ich bilden wie immer , wegen der Diplomatie, das Empfangskomitee. Mein Privatheld bemerkt meine wachsende Unruhe ob des grotesken Szenarios mit dem Bootstrailer und schickt mich einer geflüsterten Mahnung ins Labor.

‚Komm! Reg Dich nicht auf. Die Blumen erholen sich rasch und schon bevor der Filter richtig angekommen ist Alarm zu schlagen, ist unklug. Sonst enden die zwei Wochen mit Bauchschmerzen, mein Herz, wie letztes Jahr.’

Mein kluger Paul. Er hat recht. Kurz bevor ich mich aber abwende, kann ich es nicht lassen den Friedhelm nach den technischen Details seines Luxustrailers in unserem Vorgarten zu fragen.

Nur für den Fall das einer der Passanten, die hier ja immer vorbeispazieren, wissen möchte, was für ein imposantes Exponat hier zur Schau steht…’ frage ich den Friedhelm nach seinem Trailer. Dann lasse mir eine Viertelstunde die Vorzüge der Hydraulik erklären. Endlich den Erklärungen entronnen beuge ich mich später tief durchatmend und einen Hauch erleichtert über die Luft- und Niederschlagsproben. Gerade rechtzeitig konnte Paul noch verhindern, das ich den Filter mit dahingehend interviewe, warum sein Luxusgefährt, bei all dieser Technik, so schwer mit Manneskraft zu bewegen ist. Die komplizierte Arbeit mit den Kolben und  wassergefüllten Pipetten ist für mich heute wahre Meditation.  Paul bleibt währenddessen in der Tür stehen. Entgegen seiner sonst so hilfsbereiten Art, breitbeinig und mit den Händen in der Hosentasche den Junior und die Ehefrau unterhaltend. Ab und an sehe ich, wie  er den Kopf des reinrassigen Rüden namens, wie kann es auch anders sein, Rex, tätschelt. ‚Deutsche Wertarbeit’ schnauft Friedhelm als er endlich den Trailer unübersehbar platziert hat. Muss man doch zeigen, was Vater Staat jemandem ermöglicht, der 10 Hansel versucht zu bändigen. Dickbäuchig, kurzatmig, mit wächsener Haut und dunklen Ringen unter den Augen betritt der Herr nun unsere lieblichen Hallen. Im Gepäck hat er natürlich den vorgefertigten Dienstplan. Mit einer imposanten, jovialen Geste landet dieser in Paul seiner Hand. Frei dem Motto:

‚Hier Kumpel, weißt schon was damit anzustellen ist.’

Dabei zwinkert er Paul aufmunternd zu.  Der vorgefertigte Dienstplan gehört bei Friedhelm zum Standartrepertoire schließlich ist er hier, um sich zu erholen und dazu gehören weder Zwölfstundenschichten noch irgendwelche Zusatzarbeiten.

Paul legt den Zeigefinger auf die Lippen, als er mir das Papier in die Hand drückt, damit ich die Kollegen über ihren geänderten Dienstablauf in den kommenden Tagen informieren kann. All dieses wird klaglos hergenommen. Denn Filter ist immerhin besser als irgendein Inselphobist, welcher 12 Stunden vor Dienstantritt seinen Ängsten erliegt und sich vom Arzt eine berauschende Ausrede auf einem gelben Zettel quittieren lässt, um nicht über die Brücke auf dieses verfluchte Eiland im Meer zu müssen.  Zweimal zwei Wochen im Jahr entfliehen ist mein Gedanke während Friedhelm  Kurs auf das Büro der Chefin und ihren Schreibtisch nimmt. Schwungvoll schmeißt er seine hundert Plus Kilos in den Sessel. Paul und ich tauschen einen verstohlenen amüsierten Blick. In weiser Voraussicht haben wir den bequemen, allerdings altersschwachen Chefsessel, gegen das Hightech und rückenschonende Modell, welches seit seiner Ankunft bei uns in der Ecke das Dasein fristet, ausgetauscht. Erfolgreich haben wir verhindert, das Friedhelm nicht auf dem Allerwertesten landet und sich, wie vor zwei Jahren das Steissbein prellt.

Die gesamte Erholung wäre ihm damals flöten gegangen. Ganz zu schweigen von den immensen Kosten, die er den inselansässigen Quacksalbern in den Rachen werfen musste.

Nun thront er also vor uns der Friedhelm und nimmt Besitz von dem ihm nicht zustehenden Arbeitsplatz. Fast lautlos stöhne ich auf.

‚Nicht schon wieder diese „Ich bin der Boss, was kostet die Welt Show“ bitte nicht noch einmal.’

Friedhelms breite Pranken wühlen sich über den Schreibtisch, er sagt ‚hmmm’ und ‚AchJa’, fummelt an den Kugelschreibern und Bleistiften herum, rückt die Radiergummis und das Telefon von rechts nach links, grummelt ein wenig und bewegt seine dicken Finger an den PC. Der springt mit leisem Surren in den Dienstbetrieb und  erfreut mit einem fröhlich blinkenden Kästchen unsere Augen ‚Enter your Password’ steht dort. Paul und ich ringen innerlich um Fassung. Das Amüsement beginnt.

Friedhelm hebt seinen Blick in unsere Richtung, fragend wird die Augenbraue hochgezogen. ‚Jaaaa?! Und?’  Unsere Augen fragen zurück. Paul springt dienstbeflissen hinter Friedhelm und schaut über dessen Schulter. ‚Oh. Ein Passwort. Hmmm. Das ist ja…Tja also, was die Chefin sich da wohl gedacht hat. Hmm- mal sehen.’ Dreimal gibt Paul irgendeine Zahlenkombination ein, dreimal antwortet der Computer: ‚Zugriff verweigert’ und schließlich ‚Sie haben das Passwort dreimal falsch eingegeben, Ihr Zugang wird vorübergehend gesperrt. Bitte wenden Sie sich an den Systemadministrator.’

An mich gewendet hebt Friedhelm zur Aufgabenverteilung an. Ach wissen Sie, wie wäre es….’ Mitten im Satz hält Filter inne. Der Blick, mein Blick kreuzt seinen und lässt Erinnerungen in ihm hochsteigen.  Es war sein Auftritt hier, nachdem ich meinen Dienst angetreten hatte. Wie jetzt hantierte er am Schreibtisch meiner Chefin herum, ein Platz der ihm nicht zusteht, wühlte in den Ordnern auf der Suche nach irgendwas, mit dem er sich wichtig machen konnte. Während er so suchte, kramte und wichtig tat murmelte er in meine Richtung: ‚Ach wissen Sie Frau…wie war nochmal Ihr Name?…es ist doch schon früher Nachmittag, wie wäre es , wenn Sie uns ein Käffchen bereiten würden.’ Dabei zielte sein wurstiger Zeigefinger in Pauls Richtung und auf sich, was soviel bedeutete, das ich in seinen Augen gefälligst das Weite zu suchen hatte. ‚Vielleicht finden Sie ja noch den einen oder anderen Keks der uns das Koffein versüssen kann.’  Schickte er hinterher. Von meiner damaligen Reaktion waren selbst Paul und ich überrascht. Gerade aus den Fängen der biestigen Frau Krause entschlüpft, hatte ich mir mit dem Betreten der Insel geschworen, das mich niemals wieder  irgendein Boss zum Kaffee kochen schicken würde, der nur, glaubt sich gut zu fühlen, wenn er austeilen und treten kann. Friedhelm Filter bekam meine ungebremste Wut an den Hals geknallt. ‚Nur weil Sie, Herr Filter, zehn Mitarbeiter ihr Eigen nennen, müssen Sie von mir nicht erwarten das ich Ihnen den Kaffee koche oder ihre Sekretärin spiele. Sie sind hier um uns unter die Arme zu greifen und dafür zu sorgen dass unsere Überstunden sich in Grenzen halten, der Betrieb hier weiterläuft. Dazu gehören weder Starallüren noch das Herumschnüffeln in Abteilungsinternen Akten. Wenn Sie sich jetzt an Ihre Arbeit begeben würden, damit ich meine machen kann, wäre das einem raschen und frühen Feierabend heute extrem zuträglich.’

Damals konnte Filter nur mehr nach Luft schnappen. Wiederworte kennt er nicht und das eine ungezogene Neue ihn in die Schranken weisen will, das geht überhaupt nicht. Mein Glück das Paul damals am Start war. So zog er den Kopf zwischen seine Schultern, schüttelte selbigen ungläubig und grummelte im Gehen, dass er sich einen solchen Ton nicht bieten lassen müsse. Und ich könne froh sein das mein Kollege soviel von mir hält, sonst hätte ich ein unangenehmes Nachspiel zu erwarten.

Also wenn Sie bei mir arbeiten würden, dann duldete ich solche Worte überhaupt nicht.’

Ich verbot mir damals mein ‚Ich arbeite aber nicht bei Ihnen’ nur, weil Paul mich unsanft in den Allerwertesten kniff.

Friedhelm sitzt nun also vor dem PC welcher ihn auffordert, den Administrator anzurufen. Dieses hätte zur Folge dass der Administrator die berechtigte Frage stellen würde was er denn an einem fremden Computer zu suchen hat.

Die Show geht weiter. Friedhelm schiebt nun seinen Bauch nach vorne, schürzt die Lippen: ‚Tja also…hmmmja- also wenn ich hier nicht ins System komme, dann kann ich auch nicht bleiben. Arbeiten muss ich schließlich können. Uschi? Franzel? Kommt wir reisen ab!’ Pfeift er nach seiner Familie. Die rosafarbene kommt sogleich angetänzelt. Aber Schatzi warum das denn? Was wird denn dann aus unserem schönen Urlaub? Wir wollten doch mit dem Boot fahren und uns ganz ungezwungen dem Nichtstun hingeben.’

Obwohl wir mit mehr Widerstand seitens Filter gerechnet hätten, grinsen wir verstohlen. Paul nickt mir zu. Der Aufführung zweiter Teil!

‚Kommen Sie Herr Filter. Ich rufe mal bei der Chefin an, was das mit dem Passwort auf sich hat. Derweil können Sie ja oben im Turm an den Computer gehen. Dort haben wir alles für Sie vorbereitet. Sie haben Zugriff auf alle Laufwerke haben, die sie zum Ausführen Ihres Dienstes hier auf der Insel so dringend benötigen. Sogar das Radarbild wird analysiert und in eine Entwicklungsprognose gewandelt. Alles vom Feinsten. Das Einzige was dort oben nicht funktioniert ist der Zugriff auf die Personalakten und aktuellen Geschäftsvorgänge. Aber damit müssen Sie sich ja auch nicht belasten hier auf der Insel. Sie sind doch sicherlich froh mal für zwei Wochen keine Verantwortung tragen zu müssen. Oder?’ Textet Paul den konsternierten Friedhelm zu.

‚Ja- nehme ich das Wort an mich und ihre reizende Ehefrau wird, während sie sich da oben mit ihrem Job vertraut machen, einem köstlichen Kräutereistee sicherlich nicht abgeneigt sein. Wir haben auch selbstgebackenes Brot und eine wunderbare Sauerkirschkonfitüre im Kühlschrank. Ein Leckerbissen. Alles aus eigener Küche.’  Friedhelm ist hin-und hergerissen zwischen Wut, dem Verlangen den Chef zu mimen und der Erkenntnis das wir ihn ausgebremst haben ohne das er uns dafür zur Rechenschaft ziehen kann. Ganz geschlagen gibt er sich aber noch nicht der Friedhelm. ‚Naja so ein Käffchen könnte ich auch vertragen.’ ‚Tee’erwidere ich. Wir haben heute nur Tee. Aber der Tee wird Ihnen sehr gut bekommen. Melisse zur Beruhigung, Lavendel für die Harmonie und Gundermann für den würzigen Geschmack. Kommen Sie!’

Während Paul sich Beschäftigung simulierend und angeblich die Chefin versuchend, ans Telefon zu bekommen verdrückt, höre ich mir bei Eistee und Konfitürenbrot an, wie schwer der arme Friedhelm es hat. Schenkte man seinen Geschichten Glauben, würde mir fast das Mitleid ausbrechen. Soviel Stress hat er bei sich. All diese Zusatzaufgaben, welche ihm die Zentrale auf’s Auge drückt. Das nimmt kein Ende und denkt er er wäre fertig, beginnt alles von vorne. Und dann wollen Sie ihm noch Stunden streichen und er soll noch schneller mit seiner Arbeit fertig werden. ‚Nicht machbar, fast nicht machbar mit der Manpower die ich da bei mir habe. Alles Luschen. Das können Sie mir glauben Fräulein.’  Seufzt Friedhelm. ‚Mein Gott sie Armer. Unvorstellbar, wenn da einer einen Fehler macht. Dann müssen sie ja extra auf Arbeit fahren und alles wieder ins Lot bringen. Also wirklich, die in der Zentrale müssen sich doch mal Gedanken über Ihre Gesundheit machen.’ Ich kann selbst kaum glauben, welchen Müll ich schaffe über meine Lippen zu bringen, nur um des lieben Friedens Willen. Die Taktik zeigt Wirkung. Ein Funke Hoffnung, eine Prise Erstaunen, ein Hauch Zuversicht sind im grimmigen Blick von Filter zu erkennen.

’ Ist das möglich das die Pomeranze mir auf den Leim geht?’ Ich kann seine Gedanken lesen.

‚ Ja immer muss ich auf dem Sprung sein’ fährt Friedhelm nun fort. ‚Kein Tag an dem mich nicht einer dieser unfähigen Trottel zu Hause anruft, weil schon wieder ein Computer nicht geht. Sie werden sehen Fräulein…wie war ihr Name nochmal? Das dauert keine zwei Stunden, dann rufen die hier an und jammern mir die Ohren voll. Aber reden wir nicht von diesen unschönen Dingen. Ich habe unten Ihr Fahrrad gesehen. Immer schön fit was? Wie weit haben sie es denn?’

Ob der Typ irgendwann mal mit diesem Froillein? Aufhört? Frage ich mich und höre mich gelassen antworten:

‚Fünfzehn Kilometer eine Tour, das ist super zum Wachwerden morgens und abends entspannt es mich.’

‚ Ja fünfzehn Kilometer ist ja nicht so schlimm hier auf der Insel. Ihr habt ja keine Berge. Also ich, ich fahre fünf Kilometer und davon zwei richtig lange Anstiege. Das ist Sport sage ich Ihnen.’

‚Wow! Respekt Herr Filter, das hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Sie sind ja ein kleiner unentdeckter Olympionik.’

‚Na übertreiben Sie mal nicht Mädchen’ geniert der Filter sich.

‚Ihr Tee schmeckt köstlich’ fährt der kleine Mann fort.

‚Danke ein einfaches Rezept und alle Kräuter sind aus dem Vorgarten. Wir fanden den gelblichen Rasen ein bisschen fad und haben Schönes versucht mit Nützlichem zu verbinden.’ In Gedanken ergänze ich ‚Genau da wo sich jetzt Dein Trailer ausruht.  Unter dessen dicken Gummireifen kämpfen Lavendel und Co gerade ums Überleben Du Sack! ’ Gedanken sind frei;-)

Filter wehrt sich derweil erfolgreich gegen die Erkenntnis dass der Nachschub für leckeren Tee die kommenden Tage gekappt ist. Galant umschifft er das Fettnäpfchen. ‚Ach und das Brot hier. Sehr schmackhaft. Selbstgebacken? Ja das ist nicht so schwer. Wir machen immer Sauerteig und backen daraus Brot wenn wir mit dem Boot unterwegs sind. Ein Freund von mir ist Bäckermeister und hat mir da so einige Tricks verraten. Ganz einfach das mit dem Brot. Roggenmehl zum Beispiel kann nicht mit Hefe verarbeitet werden. Dinkel ist sehr bekömmlich und Sauerteig erst. Aber Sauerteig ist ein Prozedur sage ich Ihnen. Wie ein Kleinkind muss es jeden Tag unterhalten werden und kontrolliert natürlich.’

‚Genau Dein Ding Friedhelm unken meine Gedanken!’

 Je schwerer das Mehl, desto hochwertiger. Ihres ist sehr lecker. Verraten Sie mir doch das Rezept.’

‚Naja- ich nehme 200 Gramm Dinkelmehl, 300 Gramm Roggenmehl, setze alles mit etwas lauwarmen Wasser, einem Würfel Hefe und Honig an. Dann die übliche Tour, gehenlassen, kneten, Wasser und Salz dazu, noch mehr gehen lassen, ein paar Nüsse dazu und ab in den Ofen. Komisch das mein Rezept mit dem Roggen funktioniert. Ich muss dringend auf die Tüte schauen, ob ich nicht doch ein anderes Mehl benutze. Wo der Bäckermeister doch sagt, das Hefe und Roggen so gar nicht miteinander… aber vielleicht hebt der Dinkel auch die Wirkung auf.’

Friedhelm muss nicht antworten. Paul steckt seinen Kopf in die Küche. Er lächelt sein charmantes Lächeln, zwinkert fast unmerklich mit den Augen und setzt betroffen an zu reden. ‚ Tja die Chefin ist wohl schon in Südfrankreich. Handy ist aus. Können wir wohl nichts machen. Aber den PC unten brauchen Sie ja eigentlich auch nicht. Oben mit dem können Sie ja wunderbar alles Tagesaktuelle abarbeiten. Und jetzt schlage ich vor, sie machen sich einen schönen Nachmittag mit der werten Gattin. Die Anreise heute war sicherlich sehr anstrengend und morgen ist ja auch noch ein Tag zum Arbeiten.’

Ich verdrehe innerlich die Augen. Mein Gott jetzt reicht’s aber langsam mit der Schleimerei. Es übersteigt meine Grenzen des Zumutbaren, jemandem Honig ums Maul zu schmieren dem ich nicht für einen Cent über den Weg trau.

Ja! Ich finde Paul hat Recht. Genießen Sie den Sonnenschein und erholen Sie sich. Wer weiß wann der nächste Regen unsere Insel für drei Tage in trübes Licht hüllt.’ Artig gebe ich Händchen und entschwinde erleichtert in Richtung Labor. Paul komplimentiert Familie Filter hinaus und schlingt wenig später seine Arme um mich.

‚Herrlich meine Schöne hast Du gespielt. Absolut herrlich. Obwohl ich beim Brotbackgespräch schon fürchtete Du würdest ihm mitteilen das Du die Zutaten der Backmischung studiert hast und sehr wohl Roggen und Hefe harmonieren können.’

‚Ich gebe zu, die Versuchung war da. Soweit kommt das noch, das ich dem Friedhelm mein selbstgebackenes Brot vor die Nase setze, ganz zu schweigen von der Kräuterlimonade. Für Filter reichen der Tetrapack und die Brotbacktüte. Schlimm genug dass ich den Strom bemühen musste für’s Backen. Und jetzt komm, mein Schatz. Lass uns den Kram hier zu Ende bringen und ein Picknick am Strand machen.  Wir müssen schließlich noch auf unsere ungefilterte Show anstossen.’

Später faulenzen wir am Strand, haben die Decke mit den Köstlichkeiten aus dem Picknickkorb gedeckt, der Weißwein funkelt klar und kühl in der Abendsonne. Auf uns stossen wir an.  ‚Auf uns, auf Dich mein Held und darauf das kein Filter dieser Welt mich dazu bringt diese Insel gegen irgendwas eintauschen zu wollen.’

 

Friedhelm verbrachte zwei friedliche und mit unserer Hilfe sehr erholsame Wochen auf der Insel. Bei der Abreise überlegte er laut, ob er nicht jemanden aus seiner  missratenen Truppe mal zu uns schickte, damit selbiger wahre Kollegialität kennenlernte. Wir beglückwünschten Friedhelm zu seinem Gedanken die Mitarbeiter auch in Sachen Flexibilität fördern zu wollen und winkten seinem Japaner ( natürlich 4×4) und dem Luxustrailer samt rostigem Boot obendrauf länger  als nötig nach.

 

 



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