Frauenboxen bizarr

Von Betker

Photo:KW Designs

Im Profiboxen der Männer ist die Situation schon beschämend genug. Mittlerweile werden vier verschiedene konkurrierende Weltverbände allgemein anerkannt. Dadurch werden munter 68 Weltmeister-Gürtel in 17 Gewichtsklassen verteilt, wobei hier die so genannten Super-Champions der WBA noch nicht mit eingerechnet sind.
Im Frauenboxen sieht die Situation noch viel schlimmer aus. Hier leistet sich jeder der vier großen Weltverbände eine Frauenabteilung. Hinzu kommen aber noch andere Verbände, die Titel an boxende Frauen verteilen können, wie die WIBF, die Women`s International Boxing Federation und die GBC, die Global Boxing Union, wobei sich die WIBF ausschließlich um Frauenboxen kümmert, was ich persönlich durchaus für sehr lobenswert halte. Die WIBF war schließlich eine der Vorkämpferinnen des Frauenboxens. Im Frauenboxen gibt es also zurzeit mindestens sechs Weltverbände.
Ein sehr erhellendes Schlaglicht auf die bizarre Situation im Frauenboxen wirft die Vergabe des Titels „WIBF Boxerin des Jahres 2010“ an Elina Tissen. Tissen (13 Kämpfe, 11 Siege, 5 durch KO, 2 Niederlagen), deren Geburtsort ich nicht kenne, hat einen nicht gerade beeindruckenden Kampfrekord. Sieht man einmal von ihrem letzten Kampf ab und betrachtet ihre ersten 12 Kämpfe näher, dann gibt es da schon einiges zu entdecken. Die Hälfte dieser Kämpfe bestritt sie gegen Boxerinnen, die gegen sie ihr Debüt gaben. Vier von ihnen (Britta Amann, 18.02.2006, Sabrina Buttendorf, 06.05.2006, Daniela Hechter, 12.01.2008, und Mirabel Bouns, 19.09.2009) boxten danach nie wieder. Immerhin boxte und verlor Alexandra Chirila (28.06.2009) weiter. Auch Nadia Raoui (11.11.2006) bestritt gegen sie ihren ersten Profikampf – und sie gewann.
Tissen unterlag auch in ihrem ersten Versuch, einen WM-Titel (26.04.2008) zu erringen. Esther Phiri aus Sambia sicherte sich den vakanten Titel der Global Boxing Councils im Super Federgewicht. Einen Kampf später (21.06.2008) holte Tissen sich den Titel eine Gewichtsklasse tiefer, im Federgewicht. Die Bedeutung dieses WM-Gürtels und dieses Weltverbandes kann man unschwer an der Gegnerin ablesen. Es handelte sich um Daniela Elena Dirma aus Rumänien, und sie qualifizierte sich für den WM-Kampf beim GBC dadurch, dass sie alle ihre 4 Profikämpfe vorher verloren hatte!
In ihrem nächsten Kampf (24.01.2009) holte sich Frau Tissen auch noch den Titel im Super Bantamgewicht. Immerhin hatte ihre Gegnerin Benedetta Kaloki (6 Kämpfe, 3 Siege, 3 Niederlagen, 1 durch KO) einen ausgeglichenen Kampfrekord. Es war wieder ein GBC-Titel.
In ihrem bisher letzten Kampf (09.10.2010), dem einzigen im Jahr 2010, traf Frau Tissen nach einer längeren krankheitsbedingten Pause auf die starke Stacey Reile, die sie dann in einen guten Kampf tatsächlich nach Punkten besiegte. Durch diesen Sieg wurde sie Weltmeisterin im Federgewicht von dem Verband Global Boxing Union.
Und jetzt erhält sie vom Verband WIBF die Auszeichnung als „WIBF Boxerin des Jahres 2010“. Nun frage ich mich aber doch, wie ein Weltverband allen Ernstes eine Frau zur Boxerin des Jahres küren kann, die in diesem Jahr nur einen einzigen Kampf bestritten hat? Auch wenn man über solche „Kleinigkeiten“ hinwegsehen möchte, wundere ich mich auch, wieso dieser Verband überhaupt eine Boxerin auszeichnen kann, die für diesen Verband noch keinen einzigen Titelkampf bestritten hat? Für mich würde es das ähnlich viel Sinn machen, wenn Opel den Mitarbeiter des Jahres küren würde und die Auszeichnung ginge an einen Arbeiter von Toyota.
Hinter dieser, in meinen Augen, vollkommen abstrusen Vergabe der Auszeichnung steckt jedoch eine gewisse Logik. Der Präsidentin des WIBF ist Barbara Buttrick aus den USA und der Vizepräsident ist Jürgen Lutz aus Karlsruhe/Deutschland. Bei der GBU heißt der Präsident Jürgen Lutz und die Vizepräsidentin Barbara Buttrick. Auch bei den anderen Mitgliedern der Präsidien gibt es ein hohes Maß an personeller Übereinstimmung. Das sieht für mich doch so aus, als würde es sich gar nicht um zwei unabhängige Verbände handeln, sondern um eine Einheit. Wenn nun aber schon die Protagonisten der Verbände die eigenen Verbände kaum auseinander halten können oder wollen, wieso sollte dann irgendjemand anderes diesen Verbänden dann überhaupt Aufmerksamkeit widmen.
© Uwe Betker