Frankreich grüßt noch einmal – oder: Ein Abend mit Jean Louis

Schon seit einiger Zeit bemerkte ich, dass sich meine Haarpracht stärker entfaltete, als mir recht war und dass es mir zunehmend schwerer fällt, beim Blick nach vorne etwas Vernünftiges außer Stirnfransen zu erkennen.

Das Problem ließ sich nicht länger wegleugnen… Nur hege ich eine generelle Antipathie gegen die Zunft der Haarabschneider und wusste, dass ich unter Umständen eine richtig dämliche Frisur bekommen könnte.

Eines schönen Tages (aus einem mir unerklärlichen Grund sind in Frankreich alle Tage schön) schlenderte ich die Hauptstraße Vesouls entlang und erblickte einen Choiffeur.

Dann kam das Flashback:

Vor Monaten (als ich noch einen einigermaßen vernünftigen Haarschnitt hatte) saß ich im Zug nach Wien mit einer älteren Dame im Coupé. Die Konversation zeigte sich von einer anregenden Seite und irgendwann kamen wir auf den Beruf des jeweils Anderen zu sprechen. Es stellte sich zu meinem Schrecken heraus, dass ich einer Frisöse gegenübersaß. Meine Ehrlichkeit konnte ich noch nie unterdrücken und ich gestand ihr, dass ich ein generelles Problem mit Frisören hätte und begann, von meinem Märtyrium zu erzählen nur sehr selten über jemanden zu verfügen, der aus meinem Kopf das Beste herausholt.

Sie hörte mir aufmerksam zu und erwähnte den Mann mit den drei Vornamen, der mein Leben verändern sollte.

Nur hab ich es nicht so mit dem Vornamenmerken und da dieser Herr augenscheinlich über gleich drei davon verfügte war das Unterfangen sofort zum Scheitern verurteilt. Das einzige, woran ich mich erinnere, war, dass der letzte Name irgendwie jüdisch klang.

Dieser Scherengott lebt angeblich auch in Udine irgendwo am Hauptplatz neben der Uni und jeder kennt ihn.

Ich bedankte mich herzlich und wir konnten uns wieder uninteressanteren Themen als meiner Frisur zuwenden.

Die Reise nach Udine wollte ich an einem der kommenden Wochenenden durchführen – nur machten mir entweder die Arbeit, das Wetter oder eine Tanzparty mit meinen Liebsten einen Strich durch die Rechnung. Wie der Meister, der meiner Existenz einen komplett neuen Inhalt geben sollte hieß, wusste allerdings auch Google Maps nicht. Oder fand es zumindest nicht notwendig, am Hauptplatz den wohl wichtigsten Frisörsalon meines Lebens auszuschreiben.

Und plötzlich! Vor mir war eine Filiale von Jean Louis David.

Die Glastüre schien mir die Pforte ins Elysium zu sein. Da drinnen wurde Geschichte geschrieben, das ist der Ort, den ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte.

Schritt für Schritt setzte ich hinein und stand vor einer mich seltsam ansehenden Frau, der ich auf der Stelle sagte, dass ich ein Rendezvous möchte.

Sie entgegnete irgendwas auf Französisch und mir wurde klar, dass mein Französisch wirklich so mies war, dass ich gerade einmal wusste, dass „Rendezvous“ „Termin“ bedeutete und sonst keine Ahnung hatte, was sie von sich gab.

DAS sollte mich aber nicht daran hindern, zu bekommen, was ich verdiente. Ein kurzer Griff in meine Tasche genügte, um einen alten Zettel herauszufischen und darauf ein Datum zu schmieren.

Sie konterte mit einer Absage!

Ich mit einer neuen Zeit.

Wieder Absage!

Keine Chance – aber so leicht gab ich nicht auf. Nein! Ich habe noch viel mehr Termine übrig – auch, wenn ich nur einen Vornamen habe! Jean Louis David wird mir die Haare schneiden!

Tatsächlich bekam ich den letzten freien Zeitpunkt vor dem Abreisetag und das war gut so.

Donnerstags marschierte ich nach bekannter Tradition in den Frisörsalon ein und verlautbarte jetzt da zu sein. Ich bin der Mario, der einen Termin hatte (auch, wenn man mich fälschlicherweise als „Mariot“ vermerkt hatte).

Und da stand er: Ein Klischee von einem Frisör. Das ganze Personal war weiblich – außer er. Alle trugen weiß. Er schwarz. Und das Beste: Er konnte wirklich nur Französisch.

Letzteres hatte ich erwartet, beide anderen Indizien sprachen dafür, dass es sich wirklich um Jean Louis David handeln musste (weswegen ich ihn hier auch so bezeichnen werde).

Ich hatte aus meinem Fehler, mich mit Franzosen in irgendeiner anderen Sprache als ihrer Muttersprache unterhalten zu wollen gelernt und beauftragte zuvor einen Kollegen damit, mir drei Sätze aufzuschreiben:

Wer kein Französisch kann sollte zumindest gute Ideen haben

Wer kein Französisch kann sollte zumindest gute Ideen haben

„Ich trage meine Haare gerne lang.”

“Beim Rest machen Sie, was Sie für richtig halten“

„Waschen Sie ruhig, wenn Sie meinen“

Mit einem siegessicheren Grinser auf den Lippen überreichte ich ihm den Zettel und fand, als ich mich im Spiegel wiedererkannte, dass ich trotz – oder genau wegen der viel zu langen Haare so richtig cool aussah und dachte ernsthaft darüber nach, jetzt zu gehen. Dann aber, wäre das Warten umsonst gewesen.

Eigentlich schade – solange die 60er nicht anrufen, um ihre Frisur zurückzubekommen, behalt ich sie

Eigentlich schade – solange die 60er nicht anrufen, um ihre Frisur zurückzubekommen, behalt ich sie

Jean Louis las sich den Wisch kurz durch und überreichte mir einen Katalog, aus dem ich scheinbar meine neue Mähne bestellen sollte. Bis auf einen seltsamen Herrn am Ende des Hochglanzmagazins erschien mir nichts als wirklich zielführend und entschied mich dafür, so aussehen zu wollen wie er.

Jean Louis sagte noch etwas und ich bekam eine weiße Robe, die mich bis zum Ende des Besuchs als Messias des guten Haarschnitts deklarieren sollte. Eine der frankophonen Assistentinnen geleitete mich zu den Haarwaschbecken und verpasste mir eine Haarwäsche.

Hört hört! Der Messias der guten Frisur ist hier! Aber bitte nicht gleich von den Hippies zu Tode fixen lassen...

Hört hört! Der Messias der guten Frisur ist hier! Aber bitte nicht gleich von den Hippies zu Tode fixen lassen…

Die nächsten Schritte in meinem neuen Leben machte ich in Richtung des Sessels, auf dem ich neu gekrönt werden sollte.

Maestro legte los und rasierte einmal fleißig. Hier ein bisschen, da ein bisschen. Manchmal etwas ungenau, aber insgesamt eher spontan. Hier war ein Profi am Werk, der keinen Plan benötigte – das war gleich ersichtlich. Auch keine Schere – so etwas schien er nicht einmal zu besitzen. Sein Rasierapparat war seine verlängerte Hand.

Irgendwann fragte er mich etwas. Ich hielt ihm wieder einmal mein Wörterbuch hin, er blätterte herum, fand jedoch nicht, was er begehrte und machte ein paar Bewegungen mit seiner Hand und ich stimmte einmal zu. Er hatte immerhin drei Vornamen. Er wusste schon, was er tat.

Nur fühlte ich mich etwas unbehaglich, als er plötzlich anfing meine Haare mit einer seltsamen Bürste ultrahochzuerhitzen. Mir schwante Übles. Er wollte glätten!

Das konnte ich nicht zulassen, war mir aber auch nicht ganz sicher, da ich in der Regel nicht glätte und somit keine Ahnung hatte, was er da eigentlich genau tat, aber es war sicher nichts Gutes.

Unter „glätten“ führte der Übersetzungsbehelf null Einträge. Unter „glatt“ war zumindest vermerkt, was „glatt (rutschig)“ und „das ist noch einmal g. gelaufen“ bedeuteten. „Glätteisen“ fand sich nicht im Büchlein und Synonyme dafür nicht in meiner Fantasie.

Es ging weiter. Meine Locken leisteten erbitterten Widerstand. Recht so, da oben! Haltet die Stellung, ich suche hier unten weiter!

Tatsächlich fand ich noch eine weitere Übersetzung für „glatt“, die zutreffen konnte, blätterte weiter und fand das Wort „schlecht“.

„Momento!“ rief ich und hielt ihm das Büchlein vor die Nase mit meinem Zeigefinger auf „glatt“ gerichtet. Er nickte.

Nach kurzem Weiterblättern hatte er das französische Wort für „schlecht“ im Visier und begann zu verstehen, dass mir sein Tun missfiel.

Von da an ging es ohne Komplikationen weiter.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich das Resultat sah. Dem Typen im Buch sah ich nicht im entferntesten Ähnlich und warum er jetzt soooo viel besser war als meine Hausfrisörin verstand ich nicht wirklich.

Naja… Meine Begeisterung hielt sich doch sehr in Grenzen, auch, wenn er mir den Spiegel hintenrum in Winkel positionierte, die bis dato noch keiner meiner Choiffeur für angebracht hielt und auch total neue Distanzen ausprobierte wollte sich bei mir keine Begeisterung einstellen.

Ich und Jean Louis David

Ich und Jean Louis David

„Bon, merci, super“ brachte ich eher heraus, als eine genaue Beschreibung meiner Kritik und warum ich nicht zu 100% zufrieden war, zahlte 22 Euro und dachte darüber nach, warum genau dieser Herr überall in der Welt Filialen aufbaut.

Bei genauerer Betrachtung allerdings stellte ich fest, dass ich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem deutschen Filmstar hatte, der einer der berühmtesten seines Genres ist. Dabei handelte es sich jedoch leider nicht um meinen fast-Namesvettern Til Schweiger, sondern um Atze Schröder…

Frankreich grüßt noch einmal – oder: Ein Abend mit Jean Louis


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