Frankreich: Gefängniswärter streiken, während in Deutschland weiterhin die Stalingrad-Mentalität herrscht


Während sich die Einsatz- und Sicherheitskräfte in Deutschland, wie beispielsweise am Wochenende in Regensburg erst wieder geschehen, noch immer ohne nennenswerte Gegenwehr am Nasenring durch die Manege führen und sich als Kanonenfutter hoffnungslos verheizen lassen, beginnen ihre französischen Kollegen so langsam mit der Gegenwehr.
Das masochistische Verhalten der Deutschen scheint ihrer Stalingrad-Mentalität geschuldet zu sein, was nicht nur mich wütend, enttäuscht und traurig zugleich macht. Eine Mentalität, die weder tugendhaft erscheint, noch dass sie einem in irgendeiner Weise Respekt abverlangen könnte. Der selbstmörderische Kadavergehorsam einer sadistischen, eigensüchtigen und mörderischen Elite gegenüber ist mit nichts zu entschulden.
Wir Nachgeborenen haben jedoch eine andere Sicht auf Stalingrad, da wir den Ausgang der Geschichte kennen und uns ihr weiterer Verlauf gegenwärtig ist. Aus heutiger Sicht lässt es sich gut reden. Doch lässt sich heute getrost fragen, warum es in Stalingrad nicht mehr Deserteure gegeben hat oder warum die Soldaten nicht allesamt die Waffen niedergelegt haben bzw. in Streik getreten sind, sondern ihren unausweichlichen kollektiven Untergang so hingenommen haben, wie sie es nun einmal getan haben? Soldateneid hin oder her, meines Erachtens ist ein Soldat von seinem Eid entbunden, sobald er den Eidesbruch der Führung bemerkt. Wobei die Soldaten in Stalingrad keinen Artikel 20 Grundgesetz hatten.
Das deutsche Volk hat nicht verdient zu überleben.
Adolf Hitler (1889-1945)
Wenn ich den Soldaten der 6. Armee gegenüber Respekt zolle, dann gewiss nicht dafür, dass sie sich von einer hochkriminellen Bande sinnlos verheizen lassen haben, sondern dafür, was diese armseligen Gestalten so alles durchmachen sollten und was sie im Stande waren zu erleiden.
Ich hatte das Glück, mich mit Soldaten der Stalingrad-Armee unterhalten zu dürfen.
In bester Erinnerung ist mir dabei ein 8 Stunden andauerndes Unter-vier-Augen-Gespräch mit meinem ehemaligen Lehrer Günter Schubert. Wir Kinder nannten Herrn Schubert spöttisch Holzbein-Tarzan, er hatte in Stalingrad sein Bein verloren, was zweifellos unserer Unwissenheit geschuldet war. Nach dem Gespräch schämte ich mich zutiefst darüber. Es sollte niemals wieder vorkommen, dass ich diesen Mann verspottete. Wer ihn weiter so nannte, konnte sich meiner Verachtung sicher sein.
Schon als Kind war ich geschichtsinteressiert, doch was mir Herr Schubert mitzuteilen hatte, gab es in keinem Geschichtsbuch der ach so antifaschistischen DDR nachzulesen. Jener DDR, in der das führerhörige und verantwortungslose Arschloch von Paulus, der trotz nie eingehaltener Versprechen seitens des größten Feldherrn aller Zeiten (den Namen GröFaZ erhielt Hitler von den Soldaten in Stalingrad) und trotz der Aussichtslosigkeit der Lage bereit war, dem Wahn eine ganze Armee restlos zu opfern. Paulus blieb übrigens in der DDR vollkommen unbescholten und durfte als vom SED-Regime geehrter Dozent an der Militärakademie in Dresden lehren. Die wenigen überlebenden Soldaten der Paulus-Armee hingegen hielten in der Öffentlichkeit lieber ihre Klappe, zu groß war die Furcht vor Repressalien der Elite im Arbeiter- und Bauernparadies.
Kommen wir kurz auf das Gespräch mit Herrn Schubert zurück. In lebhafter Erinnerung sind mir Sätze wie der folgende: "So [Herr Schubert machte den Hitlergruß] bin ich als 17jähriger an die Ostfront gezogen und heute vermag ich nicht einmal mehr den Anblick einer Postuniform zu ertragen." Herr Schubert erzählte mir von glücklichen Übernachtungen inmitten eines Misthaufens. Seine Augen strahlten immer noch vor Freude über das einstige Glück nicht erfrieren zu müssen. Und das, obwohl man sich danach nicht waschen konnte. Erstunken ist bekanntlich noch niemand, erfroren schon viele.
Er pochte auf sein Holzbein und sagte voller Stolz und Glück: "Ich habe nur mein Bein dort gelassen. Meine Kameraden sind gleich gänzlich dort geblieben".
Manch ein Kamerad fasste sich ans Ohr und hielt es danach in seiner Hand. Es war schlichtweg abgefroren und zerbrach bei der eisigen Kälte.
Er erzählte mir von den vielen fetten Ratten, die es in Stalingrad gegeben hat, weil "überall Leichen herumgelegen haben". Die Ratten bildeten zeitweise die einzige Nahrungsquelle, doch sie mussten roh verspeist werden, weil "offenes Feuer verboten" und lebensgefährlich war. Der Russe saß im Häuserkampf "gleich nebenan" und man wollte nicht zur freizügigen Zielscheibe werden, während Paulus und Konsorten in ihrem Bunker saßen und bestens mit Krimsekt und allerhand Gaumenfreuden versorgt waren.
Schade, dass dieses Gespräch mit Herrn Schubert nicht aufgezeichnet wurde. Heldentum stellt man sich jedenfalls anders vor und Herr Schubert bestätigte selbiges ungeniert. Auch er sah nichts Heldenhaftes im von Hitler, Göring & Co. organisierten und kollektiven Massenkrepieren in Stalingrad.
Doch kommen wir von der Stalingrad-Mentalität zurück zum aufkeimenden Widerstand der französischen Gefängniswärter. Für viele mag der Zusammenhang mit dem offensichtlichen Versagen der Führungskader des bundesdeutschen Sicherheitsapparates nicht auf den ersten Blick erkennbar sein. Das heißt aber nicht, dass es ihn nicht gibt. Vera Lengsfeld hat diesen Zusammenhang erkannt und ihn in einem lesenswerten Artikel als Fazit zusammengefasst:
Die eigentliche Lehre von Stalingrad, nie wieder einer selbsternannten Elite zu gestatten, unhinterfragt Entscheidungen zu treffen, denen alle zu gehorchen hätten, auch wenn sie ins Verderben führen, wird heute längst wieder in Frage gestellt. Wer selbst denkt, eigenständig Verantwortung übernehmen will, entsprechend seiner eigenen Erkenntnisse, wird zwar heute nicht erschossen, aber ins gesellschaftliche Abseits gestellt. Wer der Meinung ist, dass nie wieder die Illusionen von Einzelnen über das Schicksal aller entscheiden dürfen, wird ins gesellschaftliche Abseits gestellt.
Stalingrad mahnt, aber wir müssen die Botschaft hören und verbreiten.

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