Fragen und Antworten zur Diskussion um die Energiewende mit Claudia Kemfert

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Foto: Sabine Braun, Quelle: DIW

Prof. Dr. Claudia Kemfert, Foto: Sabine Braun, Quelle: DIW

Die Diskussionen um die Förderung der erneuerbaren Energien werden jeden Tag lauter und die Gegner scheinen die Oberhand zu gewinnen. Auch für den Bundesumweltminister geht alles viel zu schnell, er will jetzt auch bremsen. Sind die Berichte in den Medien objektiv und werden alle Seiten beleuchtet? Muss diese Diskussion wirklich so sein und wie sollte sie besser geführt werden?

Ich habe dazu eine Expertin befragen können, eine der wenigen Personen, die sich in den Medien für die Energiewende stark macht und immer wieder darauf hinweist, dass wir erst am Anfang des Marathonlaufs der Energiewende stehen und jetzt nicht schon aufgeben dürfen. Es freut mich sehr, dass Prof. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am DIW, die Fragen für meine Leserinnen und Leser beantwortet hat. Das sind vermutlich die Fragen, die sich angesichts der Diskussion viele Menschen stellen.

1. Es heißt oft, die Erneuerbaren Energien wachsen zu schnell, was ist da dran?

Die erneuerbaren Energien wachsen schnell, aber nicht zu schnell. Denn für die Energiewende haben wir uns vorgenommen den Anteil auf 80 Prozent in den kommenden vier Jahrzehnten zu erhöhen, derzeit sind wir bei 25 %.. Der Ausbau der Photovoltaik ist größer als geplant, bei Windenergie, insbesondere Offshore Windenergie im Norden Deutschlands aber auch onshore Windenergie im Süden Deutschlands hinkt man hinterher. Nicht die erneuerbaren Energien wachsen zu schnell, sondern die Netze wachsen zu langsam. Hätte man in der Vergangenheit für einen ausreichenden Ausbau der Netze gesorgt, müssten heute die erneuerbaren Energien aufgrund der Überlastung der Netze nicht abgeregelt werden. Wir brauchen somit kein Tempolimit für erneuerbare Energien, sondern den Ausbau der Netze, der Stromspeicher und ein kluges Marktdesign, welches Angebot und Nachfrage intelligent steuert.

2. Sind die erneuerbaren Energien wirklich Preistreiber? Gibt es noch weitere Faktoren, die zum Anstieg der Strompreise beitragen?

In der Vergangenheit ist der Strompreis deutlich stärker als die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien gestiegen. Dies liegt zum einen an steigenden Beschaffungskosten durch gestiegene Preise für fossile Energien und zum anderen auch an einem unzureichenden Wettbewerb auf dem deutschen Energiemarkt. Die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien wird voraussichtlich weiter steigen, da immer mehr erneuerbare Energien zugebaut werden, und die Bemessungsgrundlage, nämlich der Strombörsenpreis durch den Zubau erneuerbarer Energien, sinkt. Durch den Zubau der Netze werden die Netzentgelte voraussichtlich steigen- in welcher Höhe dies den erneuerbaren Energien zugeordnet werden kann, ist schwer zu beurteilen, da viele Netze ohnehin ausgebessert und erweitert hätten werden müssen. Auch die vielen Ausnahmen bei der Berechnung der EEG Umlage bewirken, dass der Strompreis für viele Privatkunden steigt. Senkend wirkt hingegen neben dem Börsenpreis auch der zunehmende Wettbewerb, da durch die Energiewende immer mehr Anbieter auf den Markt kommen und somit die Preise nicht künstlich in die Höhe getrieben werden können.

3. Warum steigt die EEG-Umlage, wenn die Großhandelspreise an der Börse sinken?

Die EEG Umlage errechnet sich aus der Differenz zum Börsenpreis. Je niedriger somit der Börsenpreis, desto höher fällt die EEG Umlage aus. Dieser Zirkeleffekt birgt somit doppelte Probleme. Zum einen steigt so die EG Umlage und gefährdet die Akzeptanz und benachteiligt einkommensschwache Haushalte. Zum anderen führt ein gesunkener Börsenpreis dazu, dass sich Investitionen in herkömmliche Kraftwerke nicht mehr lohnen. Gaskraftwerke sind aufgrund ihrer Flexibilität besonders gut geeignet zur Kopplung mit erneuerbaren Energien. Gaskraftwerke rechnen sich aber erst bei einem hohen Börsenpreis und hoher Einsatzzeit. Beides ist durch den Zubau erneuerbarer Energien nicht mehr gegeben. Hier muss man Abhilfe schaffen.

4. Muss das EEG verändert werden? Die Situation der erneuerbaren Energien ist heute anders, als noch vor 12 Jahren, als das EEG in Kraft trat.

Ja durchaus, aber mit Bedacht. Heute sind in der Tat die Bedingungen anders als man das System eingeführt hatte. Die erneuerbaren Energien wachsen und jetzt gilt es sie hinzuführen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit mit der gleichzeitigen Kopplung an das bisherige Marktsystem. Was wir benötigen ist somit ein kluges Marktdesign. Ein neues Marktdesign sollte ausreichend Anreize in die Investition in erneuerbare Energien, Netze, Speicher und Gas-Kraftwärmekopplungsanlagen geben und vor allem auch die Nachfrageseite miteinbeziehen. Energieintensive Unternehmen können sich beispielsweise auch im System durch gezielte Nachfragesteuerung bei Volatilitäten einbringen, wenn es für sie finanziell lohnend ist. All dies sollte man sorgfältig erforschen – es benötigt Zeit- und erst dann das System reformieren.

5. Ist das oft genannte Quotenmodell eine Alternative zum EEG?

Nein, ganz und gar nicht. Der Fall in Großbritannien zeigt dass eine Quote nur große Windparkprojekte hervorbringt, ansonsten aber so gut wie gar nicht in erneuerbare Energien investiert wird. Auch Großbritannien hat nun übrigens ein ähnliches Einspeisesystem verabschiedet, welches genau wie fast alle EU Länder ähnlich wie in Deutschland eingeführt haben. Was wir derzeit benötigen sind verlässliche Rahmenbedingungen, und die sind gefährdet durch die permanenten Forderungen der Abschaffung des EEG. Diese Abschaffungsforderungen führen zu erheblichen Unsicherheiten bei den Investoren. Wir benötigen dringend Kapital, daher sind verlässliche und stabile Rahmenbedingungen elementar. Durch Instrumenten- Hopping und unklare Rahmenbedingungen bringt man die Energiewende in Gefahr.

6. Warum wird das große Potential in der Energieeffizienz nicht genutzt, wenn man sich über hohe Strompreise beschwert?

Die Energieeffizienzverbesserung wäre in der Tat sehr gut geeignet, die höheren Kosten abzumildern und das System zu stabilisieren. Es ist sehr schade, dass die Potentiale verkannt werden und die hohen Kosten eher in Kauf genommen werden. Fossile Energien werden knapper und teurer, dies sind die größten Kostentreiber. Jede Energie, die wir nicht verbrauchen, spart Kosten und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft. Es ist umso unerklärlicher warum diese Chancen so wenig genutzt werden. Leider hat es die Bundesregierung versäumt, Ausnahmeregelungen bei der Ökosteuer an Energieeffizienzverbesserungen zu koppeln. Denn gerade energieintensive Unternehmen könnten in den Genuss der Ausnahmeregelungen bei der Ökosteuer, Erwerb der Emissionszertifikaten oder der EEG Umlage kommen, je energieeffizienter sie werden. Eine solche Regelung würde Anreize geben, sich mehr um das Thema Energiesparen zu kümmern. Schade, dass man eher auf Abschaffungen von Instrumenten schaut anstelle dort anzusetzen, wo große Potentiale zu erschließen wären.


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