"Fluch der Karibik 3 - Am Ende der Welt" / "Pirates of the Caribbean: At World's End" [USA 2007]

Erstellt am 21. Juni 2012 von Timo K.

Ambitioniert und gemessen am ermüdenden Blockbuster-Autopiloten offen gesagt erstaunlich gerissen, erfand sich "Fluch der Karibik" mit den besten Absichten jedes Mal neu, unabhängig davon, ob eine Absicht das Versprechen qualitativer Befriedigung einlöst: Unter allen Möglichkeiten allgemeiner Termini hausierte der erste "Fluch der Karibik" schlicht und ergreifend unter der der ironischen Persiflage. Der zweite "Fluch der Karibik" hingegen unter der der sprunghaften Slapstickschau, rein humoristisch mehr ein-, statt doppelbödig, rein strukturell gleichwohl um Komplexität denn Stringenz bemüht, in dem auf den ersten Blick nichts aneinander gepresst und stattdessen alles durcheinander erzählt wird. Der dritte "Fluch der Karibik" schließlich, der gräbt die Selbstreflexivität des ersten Teils und die Vertracktheit des zweiten Teils in fast doppelter Dosierung aus dem Sand, um diese exklusiv mit zwei anderen Motiven zu vermengen: Kompromisslosigkeit, Surrealismus. "Fluch der Karibik 3 – Am Ende der Welt" ist keine Kinderunterhaltung mehr, diesmal wird gekämpft bis zum blutigen Kopfschuss. Oder Galgen. In diese Richtung geht es, und das ist gut, verdeutlicht es doch die seltene Vorsilbe "Anti". 
Für Disney-Verhältnisse ist "Fluch der Karibik 3 – Am Ende der Welt" also nichts weniger als erwachsener Mainstream, so ein kleines bisschen Anti-Disney eben. Gore Verbinski instrumentalisiert bereits die eigentümliche Exposition von Massenhinrichtungen und schubkarrenweise Leichen sowie jenem darauf folgenden Singapur-Ausflug samt Mord und Totschlag  für die neu angepeilte Maxime: "Fluch der Karibik" soll düsterer werden, entschieden düsterer. Insgesamt geht es dann um Mythen, Geister, um das Jenseits, um die blutige Ausrottung an Piraten, um die dunkle Seele von Sündern, die geläutert werden wollen, um Verrat der Liebe willen, um kapitalistisches Handeln und um einen Krieg. Das ist überaus angenehm, unverbraucht, weil es die geleckten Abenteuer aus den Vorgängern ad absurdum führt. Als wäre das nicht genug des Antis, erlauben es sich die beiden Drehbuchautoren (Ted Elliott, Terry Rossio) auf unverschämt-wahnwitzige Weise, weiteres nie gesehenes Seemannsgarn zu spinnen – sie radieren unseren wohlbehüteten Helden, unseren tuntig-draufgängerischen Captain Jack Sparrow (nuancierteres Overacting als zuvor: Johnny Depp), durch den wir überhaupt diese Filme gucken, einfach aus (einfach aus!), um ihn erst nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde ins Schiff zu holen.

Derweil kämpft Sparrow mit seinem inneren Stimmenhaushalt, der einer Entrümpelung sicher nicht abgeneigt wäre. Die tranceähnlichen Bewusstseinszustände, in denen Sparrow im Delirium allerlei seltsamen Gestalten begegnet, in dieser transzendenten Vorhölle zur Hölle, gehören zu den stärksten Momenten des Films. Einen Wellengang Metaphysik, eingefangen in irrationalen Bildkompositionen; das erste Bild Sparrows ist seine Nasenspitze. Wie gesagt: Für Mainstream ist das mutig und gebärt angesichts von Vielfalt keine Langweile, wie sie den Blockbustern von heute in aller Regel durch Einfalt gespritzt wird. Sobald Sparrow seiner Crew auf der wuchtigen Black Pearl wiederbegegnet – die, so ganz nebenbei, augenzwinkernde Umkehrung dessen, was wir bei seiner Figureneinführung im ersten Teil erlebten durften: dort war es ein unerwartetes Schiffchen, jetzt ist es das erhoffte Schiff; die Kameraeinstellungen sind in etwa gleich, die Erkennungsmelodie auch – lässt Verbinski die Leinen los. Das Erzählen in Häppchen geht in die Verlängerung, plausible Linien sind nicht zu erkennen, was zählt, sind die wild zusammengepanschten Anekdoten für ein dramaturgisch halbwegs zufriedenstellendes Ganzes, dort eine Geschichte (East India vs. Pirates), da ein Handlungsfaden (die Verbannung Calypsos in ein Menschenwesen), die allesamt einen ganzen Film allein stemmen könnten. Wieder einmal zerstreut Verbinski damit Einbildungen einer geschlossenen Handlung ohne Staffage, und schmeichelt dem erzählerischen Größenwahn.
Aber: Obgleich zuweilen überfrachtet, unterhält auch "Fluch der Karibik 3 – Am Ende der Welt" auf eine sehr, sehr direkte, unprätentiöse Art, auf die zugleich schönste aller Unterhaltungsformen. Der Humor ist trotz der anfangs störenden Pintel- und Ragetti-Fokussierung lakonisch und subtiler, die Parallelen zum originalen "Fluch der Karibik" codierter und gewitzter (das Ende des dritten Teils ist gleichzeitig die kaum veränderte Auferstehung Jack Sparrows aus dem ersten), der Kühlschrank epochaler Special-Effects prall gefüllt, die Landschaften lebendiger, die Montagen ausgeklügelter (die improvisierte Hochzeit in der finalen Schlacht, dazu der entfesselte Schnitt), die popkulturellen Einschläge zerstörerischer denn je. So werden aus drei Glorreichen Halunken sechs Glorreiche Halunken, der eine versucht den anderen mit einer List auf seine Seite zu bekehren, Zweierpaarungen verbreitern sich zu Dreierpaarungen, die wiederum in ihre Einzelteile zerfließen. Jeder hat ein Ziel, den maximalen Profit aus minimalster Arbeit. Jeder wird mal böse, mal gut, den Umständen entsprechend. Und während auf einer Sandbank darüber munter debattiert wird, als wäre dies eine Stuttgart-21-Diskussion, huldigt Hans Zimmer in einem seiner facettenreicheren Musikbaukasten Ennio Morricone. Es ist eigentlich ein Showdown, Aug' in Aug', Partei gegen Partei, konservativ gegen anarchisch, nachempfunden dem Friedhofsshowdown der Glorreichen Halunken, um ihnen herum wartet der Tod, um ihnen herum war der Tod. Natürlich wird gekämpft. Nimm', was du kriegen kannst! Und gib' nichts wieder her! Auf in die Schlacht!
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