Filmkritik zu ‘The Artist’ von Michel Hazanavicius

Filmkritik zu ‘The Artist’ von Michel Hazanavicius

Das Medium Film unterzieht sich einer ständigen Weiterentwicklung. Einen großen Sprung haben wir alle erlebt, als James Cameron mit ‚Avatar – Aufbruch nach Pandora‘ die 3D-Technik massentauglich gemacht hat. Die Folge: Inzwischen ist es schwieriger einen Film in 2D zu sehen, als auf die nächste 3D-Vorstellung zu stoßen. Das Naserümpfen über diese Veränderung in der Filmwelt ist gleichzusetzen mit dem der Hauptfigur in ‚The Artist‘ von Regisseur Michel Hazanavicius. Hier ist es der Stummfilm-Schauspieler George Valentin – dargestellt von dem französischen Komödianten Jean Dujardin – der sich in einer Konfrontation mit dem Tonfilm wiederfindet. Hazanavicius inszeniert seinen Film mit schwarz/weißen Bildern, als Stummfilm und als Liebeserklärung an seine Leidenschaft, ganz gleich mit welchen Mitteln diese auf die Leinwand gebannt wird.

Dort sieht sich der Superstar George Valentin in den 20er Jahren: Auf den großen Leinwänden des Hollywood-Kinos. Dem unvergleichlichen Charmeur und Draufgänger fliegen die Herzen des Publikums zu. Er genießt und zelebriert seinen Ruhm und entdeckt im Vorbeigehen das Talent der jungen Statistin Peppy Miller. Doch mit dem Wendepunkt vom Stummfilm zum Tonfilm stehen die beiden Schauspieler plötzlich zwischen Ruhm und Untergang. Valentin will nicht wahr haben, dass der Tonfilm seine Karriere zu überrollen droht. Für Peppy Miller aber bedeutet die neue Technik den Durchbruch. Das Sternchen wird zum gefeierten Kinostar.

Filmkritik zu ‘The Artist’ von Michel Hazanavicius

Jean Dujardin als George Valentin

Mit ‚The Artist‘ hat Michel Hazanavicius der Welt einen Film geschenkt, der viele Jahrzehnte nach der Stummfilmzeit einen leidenschaftlichen Blick zurück wirft, eine Hommage an das Medium Film ist und beweist, dass mit bereits veraltet geglaubten Mitteln das Geschichtenerzählen trotzdem noch möglich ist. Wortlos durchlaufen wir gemeinsam mit den beiden Hauptakteuren Jean Dujardin und Bérénice Béjo die farblosen Bilder, die von der Musik von Komponist Ludovic Bource durch komische und dramatische Momente getragen werden. Dabei spielt der Film selbst mit seinem stummen Dasein. So werfen wir in der Einstiegssequenz einen Blick in einen Film von dem großen George Valentin, in dem er sich gerade gegen russische Agenten zur Wehr setzen muss, die ihn zum reden bringen wollen. Er weigert sich standhaft, bleibt sich treu: „Ich werde nicht sprechen“. Wenige Minuten später sehen wir den Schauspieler hinter der Leinwand hergehen, im Hintergrund ein Schild welches besagt, dass man hinter den Kulissen doch bitte ruhig sein soll.

An solchen Momenten wird der Zuschauer erkennen, dass in diesem Film mehr Liebe drinsteckt als in manch einer Fließbandproduktion. Für das wachsame und aufmerksame Auge finden sich in vielen Szenen fiktive Poster von Filmproduktionen wieder, in denen Valentin oder Peppy Miller zu sehen sind. Die Titel dieser Filme beziehen sich derweil oftmals auf die Szene, auf den Gemütszustand, in dem sich die Hauptfiguren gerade befinden: Ein Liebesfilm in dem Moment, in dem sich Peppy in Valentins Umkleide verirrt und ihm mit Lippenstift ein „Dankeschön“ an den Spiegel schreibt, ein tränenreiches Drama über einen einsamen Liebenden, nach einem Streit über die neue Richtung, in die sich der Film bewegt. Dieser technische wie auch personelle Alptraum von George Valentin manifestiert sich in ‚The Artist‘ in einer grandiosen Traumsequenz, in der sämtliche Musik erlischt und Jean Dujardin stumm durch seine von Geräuschen durchflutete Umwelt taumelt. Auf einmal gibt das Glas einen Ton von sich, wenn es auf den Tisch gestellt wird, Georges kleiner Hund Jack kläfft ihn an und draußen kichern eine Reihe von Tänzerinnen, dann gleitet langsam eine Feder zu Boden und reißt George Valentin mit einem ohrenbetäubenden Gong aus seinem schweißtreibenden Alptraum über den Tonfilm.

Filmkritik zu ‘The Artist’ von Michel Hazanavicius

Jack Russell Terrier Uggie mit Bérénice Béjo als Jack & Peppy Miller

Der kleine Hund, gespielt von Uggie, ist der Wegbegleiter von George Valentin und folgt ihm auf Schritt und Tritt. Der Jack Russell Terrier, der bereits in ‚Wasser für die Elefanten‘ zu sehen war, erhielt bei den Filmfestspielen von Cannes den Palm Dog Award und hat auf Facebook und Twitter eine ‚Consider Uggie‘-Kampagne losgetreten, die sich dafür einsetzt, dass bei der Oscar-Verleihung nicht nur menschliche Schauspieler und Schauspielerinnen beachtet werden, sondern eben auch Hunde wie Uggie. So amüsant es klingt, ist es nachvollziehbar, nachdem man seine Performance in ‚The Artist‘ gesehen hat. Allein sein gemeinsamer Auftritt mit Jean Dujardin am Küchentisch verleiht dem Film eine zusätzliche Ebene der Komik.

Aber auch die menschlichen Darsteller sind die Lobeshymnen Wert, die ihnen auf Filmfestspielen auf der ganzen Welt folgen. Sowohl Hauptdarsteller Jean Dujardin, den man hierzulande aus französischen Filmen wie ‚39,90‘ oder ‚Kleine wahre Lügen‘ kennen könnte, als auch Bérénice Béjo, die Gattin des Regisseurs, haben sich der ästhetischen Schauspielkraft der Stummfilmzeit bemächtigt. Mit überzogener Mimik und Körpersprache bleiben sie wortlos überzeugend bis zum Ende. Auch wenn uns diese Form des Schauspiels fremd wirken mag, wirkt sie dennoch ebenso in den dramatischen, emotional berührenden Szenen wie in den Momenten, wo der ein oder andere Lacher produziert werden soll. Die Unterstützung durch bekannte Gesichter wie Malcolm McDowell (‚Uhrwerk Orange‘), James Cromwell (‚The Green Mile‘) und John Goodman (‚Oh Brother, Where Are Thou?‘) wäre nicht nötig gewesen, erfüllt den Schauspielern aber sicherlich den Herzenswunsch, einmal in einem Film mitzuwirken, der aussieht, als sei er weit vor ihrer Zeit entstanden. Ansonsten sind es eher kurze Hingucker, die sich dem Hauptdarsteller-Paar bewusst unterzuordnen haben.

‚The Artist‘ bietet Filmliebhabern die Möglichkeit, ihr liebstes Hobby auf der Leinwand zu zelebrieren und genießen. Michel Hazanavicius nutzt gut ausgewählte, talentierte Darsteller mit einer Kombination aus Bild und Ton, welche in der heutigen Zeit seinesgleichen sucht. Am Ende muss man unweigerlich doch noch einmal darüber nachdenken, ob man dem momentanen 3D-Hype nicht doch etwas zu negativ gegenüber steht. Denn auch George Valentin hat hier den tiefen Sturz erlebt, den ihm sein Stolz eingebracht hat, weil er sich dem Fortschritt verwehren wollte. Dennoch wird den Zuschauern hier der nostalgische Blick zurück gewährt und damit in erster Linie die lang erwartete Flucht vor dem anhaltenden Spektakelkino.

Denis Sasse

Filmkritik zu ‘The Artist’ von Michel Hazanavicius

‘The Artist‘

Originaltitel: The Artist
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Produktionsland, Jahr: F / B, 2011
Länge: ca. 100 Minuten
Regie: Michel Hazanavicius
Darsteller: Jean Dujardin, Bérénice Béjo, John Goodman, James Cromwell, Malcolm McDowell, Uggie,


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