Fiktion ist Realität ist Fiktion

10 Dezember 2010

 

Fiktion ist Realität ist Fiktion

Les acteurs de bonne foi (c) Pascal Victor

Es ist so kalt an diesem Abend, dass der gefrorene Schnee unter unseren Schuhen leicht knirscht. Nachdem wir den Eingangsbereich des TNS (Théàtre national de Strasbourg) passiert haben, umfängt uns wohlige Wärme. Hinter uns liegt der Alltag, vor uns das Vergnügen. Hinter uns die Realität, vor uns die Fiktion. Glauben wir.

Doch an diesem Theaterabend werden wir Zeuge, dass es auch in der Fiktion eine Realität gibt und – wie könnte es anders sein – natürlich auch umgekehrt und zwar bei einer Aufführung des Stückes „Les acteurs de bonne foi“ von Pierre Carlet Chamblain de Marivaux (1688-1763). Der Inhalt ist rasch erklärt: Eine reiche Pariserin, Mme. Hamelin, will ihren Neffen mit der Tochter von Mme. Argante, einer Landbesitzerin, verheiraten und ihm ihr Geld vermachen, aber zuvor, bei der Hochzeit, sich an einem improvisierten Theaterstück vergnügen. Merlin, ihr Diener, grandios von David Gouhier gespielt, hat es sich auf ihr Geheiß hin ausgedacht und soll es nun mithilfe der Magd und des Knechtes von Mme. Argante und des Zimmermädchens von Mme. Hamelin auch in Szene setzen. Diese Rechnung scheint die theaterbesessene Stadtdame aber ohne Mme. Argante gemacht zu haben. Als diese von dem Vorhaben erfährt, stemmt sie sich solange mit aller Macht dagegen, bis sie selbst ein Opfer ihres Starrsinns wird und sich zum Schluss, um die Hochzeit nicht zu gefährden, sogar persönlich an der Inszenierung des Schauspiels beteiligt.

Soweit, so gut, möchte man meinen. Marivaux, der 1742 Mitglied der Académie francaise wurde und ab diesem Zeitpunkt kurioserweise seine bis dahin sprudelnde Schreibtätigkeit ziemlich versiegen ließ,  schrieb eben eine geistreiche Komödie, die hauptsächlich vom Wortwitz und geschickten Schauspielern lebt. Punkt. Doch weit gefehlt. Der Autor entwickelte zwar tatsächlich ein lustiges und kurzweiliges Schauspiel, das ein rasantes Tempo aufweist. Zugleich jedoch ist dies ein zutiefst philosophisches Stück, nicht nur über Fiktion und Realität, sondern es gewährt den beiden Gegenspielerinnen, der bodenständigen Mme. Argante und der kunstsinnigen Mme. Hamelin, auch einen langen Dialog, der in pro und contra über die Sinnhaftigkeit, ja mehr noch, über die  Legitimation des Theaters Auskunft gibt.   Dieser Teil schiebt sich wie ein Fremdkörper in die rasche, locker-flockige Inszenierung, bei der Hähne schreien, Kühe muhen und Schafe blöken; bei der mit Heu geworfen wird und rotbäckige Äpfelchen quer über den Bühnenboden rollen. Dieser Stilbruch wird verständlich, wenn man bedenkt, dass in der  Entstehungszeit des Stückes zwischen Rousseau und d´Alembert ein öffentlicher Briefwechsel im Gange war,  quasi aus dem Hinterhalt zusätzlich von Diderot begleitet, in welchem es hauptsächlich um eine politische Debatte über die Kunst ging, wobei auch das Thema der Frauen angesprochen wurde. Marivaux`s Komödie könnte man in diesem Zusammenhang als persönliches Statement zu dieser Debatte verstehen, welches die theoretische Auseinandersetzung eindrucksvoll und höchst vergnüglich auf die Theaterbretter verfrachtete.

Dabei steht Mme. Argante wie ein Fels in der vermeintlich sittenverderblichen Theaterbrandung und beginnt präzise über die schädlichen Auswirkungen des Theaters zu dozieren. Ein Zeitfresser sei es und brächte die Menschen auf Ideen, auf die sie ohne Theater gar nie kämen! Für sie steht fest: Theater ist nutzlos, mehr noch – gesellschaftszersetzend. Die Einwände Mme. Hamelins, die aus Paris andere Vergnügungen gewohnt ist als jene, die Mme. Argante auf dem Land erlebt, können daran nichts ändern. Auch wenn sie zu bedenken gibt, dass gerade das Eintauchen in eine Scheinwelt, das Erleben von starken Emotionen neue Ideen hervorbringen würden, und dem Publikum Erholung brächte – ihre Argumentation stößt auf taube Ohren.

Wunderschön, wie unter der klaren und subtilen Regie von Jean-Pierre Vincent die bodenständige Annie Mercier als Mme. Argante fast erratisch ihre theoretische Theaterabhandlung dem Publikum ins Gesicht schleudert, während hingegen Laurence Roy als Mme. Harmelin in ihrer Entgegnung beweglich zwischen den anderen Figuren agiert, so als gelte es Starrsinn und intellektuelle Flexibilität auch bildhaft anschaulich zu machen. Zu Zeiten Marivaux`s war dieser Auftritt sicherlich eine Rarität – philosophische Abhandlungen, reine Männersache und selbstbestimmte Frauen die Ausnahme.

Die anschließenden Ränke, die Mme. Hamelin schmiedet, um doch noch zu ihrem Theatervergnügen zu gelangen, münden allesamt in ein krudes Durcheinander. Darin ist sich keines der zuvor verliebten Paare mehr sicher, ob die Gefühle, die füreinander empfunden wurden, nun noch in der  Realität Stand halten, oder nur mehr fiktiv aufrecht erhalten werden können, weil  sich die beiden Ebenen – Realität und Fiktion – nicht mehr sauber trennen lassen. Knecht und Magd ( Olivier Veillon als berührender Tollpatsch und Pauline Méreuze mit ihrem wunderbaren, knödelhaften Dialekt), sowie Diener und Zimmermädchen (Claire Théodoly) fallen der intellektuellen  Bühnenschlacht zum Opfer, bei welchem Mme. Argante, die, nachdem sie kurz nach Beginn des Stückes den ersten handgreiflichen Streit der improvisierten Theatertruppe zum Anlass nahm um die Aufführung zu untersagen, unglücklicherweise bei der wieder aufgenommenen Probe eingreift. Mit dieser Intervention, die nichts anderes zum Ziel hatte, als Spiel und Wahrheit strikt zu trennen, löst sie jedoch das zweite Handgemenge aus – unter welchem sie letztendlich kapituliert. Was bei den anderen bleibt, ist auf den ersten Blick eine Fügung in die Vernunft und ein allgemeines Happy End. Auf den zweiten Blick jedoch wird klar, wie sehr Mme. Argante in ihren Grundfesten erschüttert ist und die Liebenden, in allen vorhandenen Paarkombinationen, verunsichert wurden. Und wie schwankend der Boden zwischen Schein und Sein doch ist.

Es ist noch kälter geworden, und der Schnee unter unseren Schuhen knirscht beim Nachhausegehen noch nuancenreicher. Nachdem wir die Türe unserer Wohnung hinter uns geschlossen haben, umfängt uns wohlige Wärme. Hinter uns liegt theatralische Fiktion, vor uns alltägliche Realität. Glauben wir.

Weitere Aufführungen und Infos unter: www.tns.fr


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