Feminismo comunitario

«Feminismus ist der Kampf aller Frauen, überall auf der Welt…» 

Als ich vor zwei Monaten wieder einmal gefragt wurde: «Bist du Feministin?» war ich nicht so sicher, was ich antworten sollte. Denn was heisst Feminismus überhaupt? Gleichberechtigung, ja, klar: gleiche Chancen, gleiche Rechte, gleiche Löhne – natürlich bin ich dafür, das wär ja noch! Aber schon wenn es um die Forderung geht, politische Ämter und Führungspositionen in Betrieben müssten mindestens zur Hälfte von Frauen besetzt sein, habe ich einen kleinen Vorbehalt: Nicht dass ich es nicht begrüssen würde, wenn mindestens fünfzig Prozent derer, die etwas zu sagen, zu leiten und zu bestimmen haben, Frauen wären! Aber die Hackordnung in der Politik sowie im Management, das gegenseitige Rivalisieren, Übertrumpfen, Diktatorisieren und Gegockel – ich bin sicher, alle kennen entsprechende Beispiele – ist doch Ausdruck eines zutiefst und über Jahrhunderte aufgebauten patriarchalen Systems, das eben im Normalfall die männliche Gangart repräsentiert. Muss es da wirklich das Ziel sein, dass sich die Frauen in DIESES System einfügen, sich an DIESE Gangart anpassen, um mitbestimmen zu können? Unterwerfen wir uns dadurch nicht dem Patriarchat, mehr noch: befördern und unterstützen es? Und das ist dann Feminismus?

Grad einfach ist es nicht, solche Bedenken zu äussern, denn alle da draussen, die sich als Feminist_innen sehen, werden mir widersprechen und eine gute Antwort bereit haben, dass Feminismus NATÜRLICH dies und NATÜRLICH jenes nicht bedeutet. Natürlich ist auch, dass es keine allgemein gültige Definition von Feminismus gibt. Doch vor zwei Tagen habe ich eine gehört, hinter der ich voll und ganz stehen kann:

«Feminismus ist der Kampf aller Frauen überall auf der Welt und in allen Epochen, der Widerstand gegen das Patriarchat leistet, das sie unterdrückt oder zu unterdrücken versucht.»

Das Konzept dahinter heisst «feminismo comunitario», gemeinschaftlicher Feminismus, und stammt von einer Gruppe bolivianischer Frauen. Sie setzen es in direkten Kontrast zum europäischen und nordamerikanischen Feminismus, den sie als individualistisch bezeichnen: denn es geht in erster Linie darum, dass jede Frau ihre Rechte als Individuum wahrnehmen und ihre persönliche Freiheit erlangen kann. Der feminismo comunitario nimmt aber einen viel weiteren Blickwinkel ein: Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sie die männlichen und die weiblichen Perspektive, die männliche und die weibliche Art zu leben und zu arbeiten integriert. Der Aussage, dass Frauen und Männer gleich seien, widersprechen die Vertreter_innen des feminismo comunitario vehement. Die Anerkennung ihrer Verschiedenheit und das Verständnis, dass gerade deshalb beide Seiten zusammenarbeiten müssen wie die zwei Hälften eines Körpers, ist einer ihrer Kernpunkte. Dabei hat «Hälfte» nichts mit fünfzig Prozent zu tun: Wenn in einer Versammlung drei Männer und zwanzig Frauen sitzen, repräsentieren die drei Männer die Hälfte der Versammlung – und umgekehrt. Denn der Austausch zwischen den beiden Lebenssichten ist das Zentrale, nicht die Frage, wer zahlenmässig überlegen ist und den anderen überstimmen kann. Denn es geht eben gerade nicht um Rivalität, sondern – eben, um Gemeinschaft.

Wenn der feminismo comunitario sagt, dass er gegen das Patriarchat kämpfe, heisst dies entsprechend auch nicht, dass er gegen die Männer kämpft. Unter Patriarchat versteht der feminismo comunitario nämlich Folgendes:

«Patriarchat ist das System aller Unterdrückung, Diskriminierung und Gewalt, unter dem die ganze Menschheit sowie die Natur leidet – wobei unter Menschheit Frauen, Männer und Intersexuelle zu verstehen sind.»

Es geht also nicht darum, dass in einer patriarchalen Gesellschaft die Frauen benachteiligt sind, sondern dass es sich um ein System handelt, das ALLEN schadet.

Nachdem ich am Samstag das Glück hatte, an einem Workshop zum Thema feminismo comunitario in La Paz teilzunehmen, kann ich nun mit aller Überzeugung sagen: SO ja – so bin ich Feministin!

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