Felix Sturm und die Pressefreiheit

Im Internet grassiert ein ziemlich übles Wort: „Lügenpresse“. Personen, die dieses Wort benutzen, wollen damit ausdrücken, dass sie den traditionellen Medien nicht nur nicht mehr trauen, sondern auch unterstellen wollen, die Presse verbreite Lügen und Fälschungen. Den Gebrauch des Begriffs „Lügenpresse“ erachte ich als hoch problematisch, denn er wird und wurde immer wieder von den politischen Extremen als Kampfbegriff verwendet. Es war ein Lieblingswort der Nationalsozialisten und diente der Diskreditierung der demokratischen Publizistik. Das bedeutet aber, dass auch heute jemand, der solches Vokabular benutzt, sich – bewusst oder unabsichtlich – in diese historische Tradition stellt.
Pressevertreter haben es nicht immer leicht, ihrer Tätigkeit nachzugehen. Immer wieder, auch hierzulande, wird ihnen die Arbeit erschwert oder wird versucht, sie zu verhindern. So ist es auch keine Seltenheit mehr, wenn Journalisten bedroht werden. Auch im Sport ist das so – im Boxen sowieso. Die Presse ist stets ein gern gesehener Gast, wenn die Berichterstattung so aussieht, dass sie dabei hilft, Eintrittskarten zu verkaufen und die Einschaltquote in die Höhe zu treiben. Fällt die Berichterstattung aber kritisch aus, so reagieren einige Veranstalter schon ziemlich dünnhäutig. Und dann bleibt auch schon mal die Pressefreiheit auf der Strecke. So zuletzt auch bei Felix Sturm.
Felix Sturm schafft es offensichtlich nicht, mit Kritik sonderlich souverän umzugehen – oder vielleicht will er das auch nicht. Ich selbst kenne z.B. schon zwei Personen, die von ihm mit Hausverbot belegt worden sind, weil sie sich kritisch über Sturm geäußert haben. Nur schon die Erwähnung der Tatsache, dass er nach den Statuten der WBA den Titel Super Champion nicht hätte tragen dürfen, war für die Felix Sturm-Box-Promotion wohl schon ein Hausverbot wert. Mit seinem letzten Angriff auf die Pressefreiheit schaffte Sturm es sogar, Gegenstand von gleich mehreren Artikeln in verschiedenen Zeitungen zu werden und es auf mehrere Seiten in der Zeitschrift „sportjournalist“ zu bringen, dem Organ des Verbandes Deutscher Sportjournalisten.
Erich Laaser, der Präsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten verurteilte den Vorgang wie folgt: „ Es geht nicht um die Frage, ob Profiboxen Sport oder reiner Kommerz ist, es geht auch nicht darum, ob und wann der zuständige Weltverband WBA den Kampf zu einer WM oder Interims-WM erklärt hat, es geht einzig und allein um die Frage, ob ein Veranstalter missliebige Journalisten von ihrer Arbeit aussperren darf oder nicht. Ich halte das für Zensur!“
Wie Felix Sturm es schaffte, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, ist schon einen Rückblick wert. Einer der dienstältesten und renommiertesten Boxsportjournalisten Deutschlands, Hartmut Scherzer, veröffentlichte am 05.05.2015 in der Frankfurter Rundschau einen Artikel mit dem Titel „Felix Sturm boxt in der Festhalle. Boxkämpfe in Frankfurt sind ein Etikettenschwindel“. Scherzer stellte in diesem Artikel fest, beim WM-Kampf der WBA zwischen Felix Sturm und Fedor Chudinov ginge es nicht um den „regulären WM-Titel“, somit sei er „allenfalls eine WM dritter Klasse“. Er führte aus, dass auf der Webseite der World Boxing Association, des sanktionierenden Weltverbands, die „aktuellen Ratings“ zu finden sind, denen zufolge dort im Super-Mittelgewicht als WBA Super Champion Andre Ward, als WBA World Champion Carl Froch und als Interim Champion Fedor Chudinov aufgeführt sind. Daraus schloss Scherzer, der Kampf gegen den unbesiegten Russen könne nur eine Interims-WM sein. Er wies auch darauf hin, Sturm hätte einen Monat vorher verkündet, dass er, Sturm, die mündliche Zusage von WBA-Präsident Gilberto Jesus Mendoza habe, bei seinem Kampf ginge es um den „regulären“ Titel des Briten Froch.
Weiter führte er aus: „Bei der Vielzahl der Titel und mancher Mauschelei blickt man kaum noch durch. Dazu muss man wissen: Die Weltverbände WBA, WBC, WBO und IBF kassieren als Gebühren drei Prozent der Börsen ihrer Champions und Pseudo-Weltmeister. Den Status „Super“ trägt der Champion, der auch noch den Gürtel eines anderen Verbandes besitzt. „Regular“ wird der Weltmeister innerhalb der WBA genannt. Chudinov – Sturm ist also allenfalls eine WM dritter Klasse, innerhalb der WBA, sogar nur sechster Klasse in der Drei-Buchstaben-Welt.“
Dies nun veranlasste die Felix Sturm-Box-Promotion dazu, Scherzer die Akkreditierung zu entziehen. Völlig unerheblich ist m. E. dabei, ob es sich hierbei nun um eine vollständige Entziehung, wie Scherzer sagt, handelt oder ob es nur eine Ringplatzentziehung sein soll, wie Sturm behauptet. Manager Roland Bebak beurteilt den Sachverhalt wie folgt: „Herr Scherzer hat einen nicht-sauberen und unwahren Bericht geschrieben. Das ist ärgerlich.“ Hier hat offensichtlich ein Veranstalter ein Problem im Umgang mit Kritik. Tatsache ist jedenfalls, dass die WBA erst nach dem Erscheinen des besagten Artikels, also unmittelbar vor dem Wiegen, dem Briten den Titel entzog.
Es setzt mich in Erstaunen, dass die Presseabteilung von Sturm es offenbar vor dem Kampf monatelang nicht geschafft hat, die Legitimität der WM zu kommunizieren. Wieso wurde keine Pressemeldung verschickt, die eindeutig hätte klar stellen können, dass die World Boxing Association Sturm den regulären Titelkampf garantiert? Wieso manövriert sich das Sturm Management überhaupt erst in eine solche Situation?
Sturm billigte ausdrücklich den Ausschluss des Journalisten Scherzers, weil der ihn und das Boxen „mit Dreck“ beworfen hätte „Der Scherzer hat eine Kampagne gegen mich losgetreten.“ Nach dem Kampf, mit der überraschenden Niederlage gegen den als nicht sehr stark gehandelten Fedor Chudinov, zeigte sich Sturm auch nicht entspannter oder milder, sondern im Gegenteil sehr emotional, was eventuell seiner Niederlage geschuldet ist. Er legte verbal sogar noch nach und sagte, wenn ich seine Worte richtig mitbekommen habe, u.a.: „Da sitzt ein Alter viele Jahre rum und hat immer noch keine blasse Ahnung vom Boxen. Der weiß nichts von dem Schweiß und dem Blut, das wir Boxer vergießen“. So etwas ausgerechnet über Scherzer zu sagen, entbehrt nun allerdings nicht einer gewissen humoristischen Note. Scherzer hat immerhin schon profund über Boxen berichtet, als Adnan Catic noch gar nicht geboren war. Dem Totschlagargument, keiner, der nicht selbst oben im Ring (bei einem WM Kampf?) gestanden hat, könne Boxen beurteilen, kann man ein ähnlich kluges Beispiel entgegen halten: Nur wer selber ein Brötchen war, kann wirklich die Qualität eines Hamburgers beurteilen.
Wohl wissend, dass seine Argumentation doch nicht die überzeugendste war, sagte Sturm in seinem Monolog immer wieder, ihm sei es „schei…gal“, dass Scherzer seit 50 Jahren vorne am Ring sitze. Die Frage, die sich mir dabei aufdrängt, lautet eher: Ist Felix Sturm die Pressefreiheit eigentlich schei…gal? – Mitglieder seiner Entourage bedrohten auch einen Reporter der Frankfurter Rundschau, der erst von einer Pressekonferenz ausgeschlossen und dann von Mitarbeitern der Pütz-Security hinaus geleitet worden war, mit den Worten: „Sei vorsichtig, so was kann auch mal nach hinten losgehen.“
Hier nun muss auch die Rolle der Pütz-Security angesprochen werden. Pütz-Security ist eine Sicherheitsfirma, die u.a. Dienstleister bei Boxveranstaltungen ist. Sie war auch am Akkreditierungsverfahren zum Sturm Kampf beteiligt. Die Firma gehört Thomas Pütz, dem Präsidenten des Bundes Deutscher Berufsboxer. Heißt das aber denn nicht, der Präsident des BDB, des ältesten deutschen Boxverbandes, war am Entzug der Akkreditierung von Scherzer beteiligt? Und später sollen Mitarbeiter von Pütz-Security auch Mitglieder der Presse an ihrer Arbeit vor Ort in der Halle gehindert haben.
Das Schreiben an den Kollegen Scherzer, in dem ihm der Entzug seiner Akkreditierung mitgeteilt wurde, trug das Logo von ran Boxen und von Pütz Security. Damit sollte von Seiten Sturms wohl suggeriert werden, der Entzug würde von beiden mitgetragen, was aber doch offensichtlich nicht so ganz der Fall war. Der ran-Sportchef der ProSieben Sat1 Media AG, Alexander Rösner, „findet es nicht gut, dass Kollegen von Veranstaltern ausgeladen werden wegen einer nicht genehmen Berichterstattung“. Das heißt dann aber doch wohl nichts anderes, als dass sich Sturm-Box-Promotion angemaßt hat, in seinem Namen zu sprechen, ohne dazu aber berechtigt gewesen zu sein. Andererseits scheint Thomas Pütz das anders zu sehen, denn er hat offensichtlich die Argumentation der Kampagne übernommen.
Wie schon gesagt: Einige deutsche Veranstalter von Profiboxveranstaltungen reagieren schon sehr dünnhäutig, wenn die Presse ihnen nicht Beifall spendet. Dann wird auch gerne mal die Pressefreiheit mit Füßen getreten. Wikipedia definiert Pressefreiheit wie folgt: „Pressefreiheit bezeichnet das Recht von Rundfunk, Presse und anderen (etwa Online-) Medien auf freie Ausübung ihrer Tätigkeit, vor allem das unzensierte Veröffentlichen von Informationen und Meinungen. Die Pressefreiheit soll die freie Meinungsbildung gewährleisten. (…) In Deutschland gewährleistet Artikel 5 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland die Pressefreiheit gemeinsam mit der Meinungsfreiheit, der Rundfunkfreiheit und der Informationsfreiheit.“ Mit anderen Worten: Die Pressefreiheit ist ein Grundrecht und eine der Säulen einer demokratischen Gesellschaft.
(C) Uwe Betker



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