Falsche Erwartungen und die Weltwirtschaft

Wenn in diesen Zeiten ein Top-Ökonom das Wort ergreift, kann man sich sicher sein, dass er vor allem eine Botschaft hat: Es ist uns in der Vergangenheit einfach zu gut gegangen. Und deshalb müssen wir uns künftig warm anziehen, also mehr arbeiten und unsere Ansprüche zurück schrauben. Das gilt auch und gerade für diejenigen, die sich besondere Ansprüche ohnehin noch nie leisten konnten. Das klingt natürlich etwas anders, beispielsweise so:

In den vergangenen drei Jahrzehnten sind der Weltwirtschaft Hunderte Millionen neue Arbeitskräfte erwachsen. Jeder einzelne gewinnt mit der Zeit an Bildung und Fachkenntnis, was eine enorme und permanente Steigerung des Einkommensniveaus, der Chancen und der Größe der Weltwirtschaft zur Folge hat. Doch diese neuen Arbeitskräfte bringen auch mehr Wettbewerb um Beschäftigung und erhebliche Verschiebungen bei relativen Löhnen und Preisen mit sich. Und das hat Folgen für die Einkommensverteilung. Dieser tief greifende Strukturwandel in der Weltwirtschaft stellt drei große Herausforderungen für die Beschäftigung weltweit dar. Die erste Herausforderung besteht darin, ausreichend Arbeitsplätze für die Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen. Viele Industrie- und Entwicklungsländer bringen dies nicht fertig. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch und steigt weiter. Selbst in Schwellenländern, die ein rasches Wachstum verzeichnen, warten noch viele Arbeitskräfte darauf, in die moderne Wirtschaft aufgenommen zu werden.

So der mit einem Nobelpreis dekorierte Ökonomie-Professor Michael Spence in der Financial Times Deutschland. Deshalb müssten Fachkenntnisse und Arbeitsplatzangebot besser aufeinander ab gestimmt werden. Niedlich. Das erinnert mich an eine andere niedliche Theorie, für die es im vergangenen Jahr auch einen Wirtschaftsnobelpreis gab: Die der Such-Märkte. Die kommen zustande, wenn Angebot und Nachfrage zwar vorhanden sind, aber irgendwie nicht zueinander passen. So etwas kann es eigentlich nicht geben, weil der Markt bekanntlich Angebot und Nachfrage regelt – aber die Märkte funktionieren auch nicht mehr so wie früher, als bekanntlich alles besser war.

Aber es wird noch viel niedlicher: „Globalisierung und Technik, durch die Arbeitsplätze eingespart werden, haben in vielen Ländern den Arbeitsmarkt in ein Ungleichgewicht gestürzt. Vielerorts herrscht mangelnde Übereinstimmung von Fähigkeiten und Jobangebot.“ Abgesehen von dem allerliebsten Euphemismus der mangelnden Übereinstimmung, die beinhaltet, dass es beispielsweise einen von der Wirtschaft lauthals beklageten Fachkräftemangel bei einer anhaltend hohen Akademiker-Arbeitslosigkeit gibt, ist es zwar traurig aber wahr: Das Tempo der Marktanpassung hinkt weit hinter dem des Strukturwandels hinterher. Nun ist es natürlich nicht so, dass sich ein Top-Ökonom mit langweiligen Lösungsansätzen aufhalten würde. Er hasst alles, was Geld kostet. Und Menschen sind in der Wirtschaft nun einmal unproduktive Kosten. Aber wo sollen die Jobs für die gut ausgebildeten Leute denn her kommen, wenn angesichts der aktuellen Krisen der öffentliche Sektor, der als Dämpfer gegen den harten Strukturwandel dienen kann, radikal eingedampft wird? Wer investiert in jungen Menschen, statt in neue Technologie? Lästige Fragen, auf die es keine Antwort gibt, denn die bisherige Standard-Antwort, genau: „stärkeres Wachstum!“ blamiert sich angesichts der Realitäten. Auch Spence stellt durchaus fest, dass die Zeiten starken Wachstums vorbei sind. Also gibt es keine Antwort.

Dafür aber eine weitere Herausforderung, nämlich die Einkommensverteilung. Dass da einiges im Argen liegt, bekommt auch ein vermutlich sehr gut bezahlter Wirtschaftsexperte mit. Und er analysiert: „Weil der handelbare Teil (Waren und Dienstleistungen, die in einem Land produziert und in einem anderen konsumiert werden können) der Weltwirtschaft größer wird, verstärkt sich auch der Wettbewerb um Wirtschaftstätigkeit und Arbeitsplätze. Das hat Auswirkungen auf den Preis von Arbeit und das Angebot von Beschäftigungsmöglichkeiten innerhalb aller global integrierten Volkswirtschaften. Teile der Bevölkerung gewinnen, andere verlieren – nicht nur im Verhältnis zu den Erwartungen, sondern oft auch absolut.“

Und durch die Finanzkrise wurde bekanntlich alles noch schlimmer. Und die ebenfalls unangenehme Realität, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger gewinnen, während die Mehrheit der Leute immer mehr verlieren, unterschlägt der Ökonom auch, er lässt es lieber so klingen, als sei das Verhältnis ausgewogen: Das, was die einen verlieren, gewinnen die anderen dazu, klingt schon fast nach sozialer Marktwirtschaft. Die gibt es aber nicht. Aber jetzt wird es interessant: Spence fragt sich, was es für Privatpersonen, Unternehmen und Staaten bedeutet, dass die strukturelle Anpassung im Vergleich zu den globalen Kräften, die den Druck hin zu einem Strukturwandel verursachen, immer weiter zurückfällt.

„Strukturelle Anpassung“ ist ein auch ein hübscher Euphemismus für die Verschlechterung der Lebensverhältnisse durch die rapide Zunahme globaler Konkurrenz, vor allem um Arbeitsplätze: Internationale Konzerne gehen knallhart dort hin, wo die Leute möglichst wenig kosten, egal wie gut ausgebildet die Leute in den Ländern, die sie dafür verlassen, sind. Nun könnte ein normaler Mensch auf die Idee kommen, dass es vielleicht ein blödes System ist, wenn es ständig dermaßen destruktive Strukturanpassungen erfordert. Wenn es immer nur auf die Profimaximierung ankommt und nicht auf vernünftige Lebensverhältnisse der Menschen. Aber von einem Ökonomen kann man so einen einfachen Gedanken natürlich nicht erwarten, für ihn ist ganz klar, dass es nur so funktioniert und funktionieren muss, dass es also immer nur um Profitmaximierung gehen kann, und Markt, Strukturen und Menschen sich selbstverständlich diesem Ziel anzupassen haben.

Deshalb kommt er zu einem anderen Schluss: „Vor allem bedeutet es, dass die Erwartungen oft nicht mit der Realität übereinstimmen.“ Sie müssten angepasst und vernünftigerweise zurückgeschraubt werden. Also Leute, passt eure Erwartungen besser mal an die neuen Erfordernisse der Wirtschaftsbosse an. Wer meint, nach einer guten Ausbildung Anspruch auf einen vernünftig bezahlten Job zu haben, ist selbst schuld, wenn diese Erwartung nicht mit der Realität übereinstimmt. Und wer meint, dass er von einem Vollzeitjob leben können müsste, der passe verdammt noch mal an die globale Konkurrenz an: Ein Schlafplatz im Arbeiterlager und eine Schüssel Reis am Abend tun es doch auch, Millionen Chinesen leben es dir vor. Und wenn ganze Bevölkerungen in Ländern, die es einfach verpasst haben, ihre Strukturen rechtzeitig anzupassen, dem Weltmarkt nicht zur Verfügung stehen, dann müssen sie halt verhungern. Das ist die krasseste Form der Einkommensverteilung. Die geht nämlich an einem relevanten Teil der Weltbevölkerung komplett vorbei.

Immerhin gibt Spence zu, dass die Auswirkungen der Einkommensverteilung ernst genommen werden müssten, es sei nicht ganz fair, die Last einer schwachen oder gar nicht existenten Erholung der Weltwirtschaft auf den Schultern der Arbeitslosen und Jungen abzuladen. Aber Abhilfe schafft natürlich nicht eine vernünftige Umverteilung, Wirtschaftsexperten sehen darin ja prinzipiell eine Enteignung der Besserverdienenden, nein, „im Interesse des sozialen Zusammenhalts muss das Marktergebnis verändert werden, um eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Leistungen zu schaffen.“ Niedlicher geht’s ja kaum. Das Marktergebnis. Das ist aber auch ein Flittchen, dieses Marktergebnis. Treibt es immer mit den falschen.

Und wie bekommt man ein besseres Marktergebnis? Durch die notwendige Strukturanpassung natürlich. Diese erfordert es, dass „sich Privatpersonen, Staaten und andere Institutionen (hier denkt der Ökonom an Schulen und Ausbildungsstätten) sich darauf konzentrieren müssen, das Tempo der Anpassung zu beschleunigen, um den sich rasch verändernden Marktbedingungen gerecht zu werden. Wichtig sei es, auf die Nachfrage- wie auf die Angebotsseite des Arbeitsmarkts zu achten. Das bedeute nicht nur, Fähigkeiten mit Arbeitsplätzen abzustimmen, sondern auch, die Jobpalette so zu erweitern, dass sie sich den Fähigkeiten anpasst.“

Das ist schon erstaunlich rücksichtsvoll. Aber noch einmal: wo die Jobs herkommen sollen, die sich an die Fähigkeiten der Leute anpassen, weiß der Ökonom auch nicht. Insofern belässt er es bei der Forderung. Immerhin bemerkt er auch, dass das Tempo der Globalisierung und dem damit einhergehenden Strukturwandel verdammt schnell geworden ist und fordert deshalb auch, dass sich globale Institutionen mit damit beschäftigen müssten. Denn wenn dieses Tempo „möglicherweise für Menschen, Volkswirtschaften und Gesellschaften zu schnell ist, um sich daran anzupassen“, dann gibt es schon wieder eine Herausforderung! Nämlich „nicht destruktive Wege zu finden, das Tempo zu zügeln, um Fähigkeit und Notwendigkeit der Anpassung in Einklang zu bringen.“ Klar, das wird nicht einfach. Immerhin das weiß auch Spence.

Wie wäre es, das Wirtschaftssystem zur Abwechslung einmal an die tatsächlichen Notwendigkeiten anzupassen? Das wäre endlich mal konstruktiv. Ich weiß, dafür bekomme ich keinen Wirtschaftsnobelpreis, aber stellen möchte ich diese Frage doch. Die Produktivität ist dermaßen hoch, dass es doch ein Klacks sein sollte, alle Menschen zu ernähren, zu kleiden und überhaupt mit allem zu versorgen, was man für ein schönes Leben braucht. Warum muss es immer Profit geben, und Konkurrenz und noch mehr Profit, was sogar Wirtschaftsexperten als destruktiv erkennen, ohne jedoch zu hinterfragen, ob das wirklich nötig ist. Es ist immer das Einfache, das schwer zu machen ist. Aber es ist allerhöchste Zeit, damit anzufangen!



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