Falsch verbunden

Von Sf2000

Das Zeitalter von Großvätern, die "aussem Krieg" erzählen, ist faktisch vorbei. Zumindest vorerst. Wir nähern uns einem kurzen Zeitabschnitt der deutschen Geschichte, in der Großväter nicht im Krieg waren, also auch nicht davon erzählen können. Die müssen ihre Nachkommen also mit was anderem nerven. Aber womit wird wohl meine Generation mal unsere Enkel - oder, glaubt man Prognosen: Den einen Enkel, der mit Glück aus unseren 1,3 Kindern hervorgeht- wie werden wir den lehren, Familienfeiern zu hassen?

Ich denke, in meinem Fall würde ich, auf meinen solarbetriebenen, komplett biologisch abbaubaren Rollator gestützt, mit den Worten eröffnen: "Damals, inna Verbindung". Mache ich jetzt schon. Zumindest frage ich noch dann und wann: Habe ich eigentlich schon mal erzählt,...? Das werde ich dann nicht mehr tun. Habe ich eigentlich schon mal erzählt? Nee, hier noch nicht. So gesehen gibt es sogar einen Anlaß.

Burschenschaftler streiten über Ariernachweis
Spiegel.de

Das hätten die auch schon damals schreiben können. Damals, als ich inner Verbindung war. Denn schon 1998 waren Studentenverbindungen sehr wichtig. So wichtig, dass ich als herrlich unbedarfter Erstsemester garnicht wußte, dass es sowas gibt. Was ich damals suchte, war eine billige, zentral gelegene Wohnung. So haben sie mich gekriegt. Denn schon damals waren sie so wichtig, dass sie nicht mal die Zimmer in ihren Häusern vollbekamen. Schöne Häuser. Spottbillig. Mit Annehmlichkeiten vollgestopft. Und nicht einfach nur zentral gelegen, sondern mitten im Uni-Gelände gelegen, man konnte quasi aus dem Bett in die Vorlesung fallen. Das alles stand in der Annonce, sonst stand da nichts. Unglaublich.

Ich mußte den Mietvertrag fernmündlich abschließen, weil ich - nicht motorisiert - die letzten Tage meines Zivildienstes (auch so ein Großvaterthema für später) ableistete, weit weg. Ich hatte das Zimmer nicht gesehen. Ich hatte die Vermieter nicht gesehen. Außerdem war die Zeit knapp, das erzähle ich meinem Enkel nicht, also von meinem geradezu unbezwingbaren Drang, Dinge vor mir herzuschieben. Vielleicht sollte ich ihnen doch davon erzählen, es wäre pädagogisch sinnvoll. "Was Du heute kannst besorgen", werde ich dann durch die Schläuche meines Beatmunggeräts knarzen , "das verschiebe nicht auf morgen. Denn sonst sitzt Du plötzlich das erste Mal in dem großzügig ausgestatteten Wohnzimmer des großzügigen Hauses, in dem Du demnächst wohnen wirst, und Dein großzügiger Vermieter sagt die Worte..."

Wir bringen übrigens unseren Verbindungsgedanken dadurch zum Ausdruck, dass wir gemeinsam Sport treiben und uns mit unseren alten Herren treffen.

Damals sagten Menschen noch nicht "WTF", sie "guckten wie Autos". Ich saß also da und guckte wie ein Auto. So fing meine Zeit in der Verbindung an. So kriegen sie einen. Dämliche Leute, die nach Wohnungen suchen, die es so schon damals nicht gab und niemals geben wird, es sei denn, man landet in einer Verbindung. Oder, wie in meinem Fall, sogar zwei.

Ich war Mieter einer sogenannten "Sportverbindung", das sind tatsächlich die liberalsten und entsprechend von den Burschenschaften auch am meisten verachteten Versionen. Lasch. Nehmen Ausländer auf. Nehmen Zivis auf. Es gibt sogar welche, die nehmen Frauen auf, wie ich dann erfuhr, deswegen gibt es zwei unterschiedliche Dachverbände  für diese Sportverbindungen, einen, dessen Mitglieder Frauen nicht nur aus dem Fernsehen und Internet kennen, und einen, wo sie sogar im Verbindungshaus wohnen dürfen. Das alles erfuhr ich, noch bevor ich endlich mein Zimmer gesehen hatte. Die komplette Geschichte, von Turnvater Jahn bis hin zur kurzfristigen Vereinnahmung durch die Nazis, lange her, nie passiert, heute ist heute, und heute teilen wir das Haus mit, Gratulation SF1998, einer katholischen Studentenverbindung. Aber wir sind viel cooler. Hmmhmm. Wir tragen keine Farben.

Stimmt. Was sie trugen, ließ alle Farben verschwinden.

Aber das meinte er garnicht. Verbundene Studenten tragen, zumindest diejenigen, denen echt nicht mehr zu helfen ist, neckische Bänder. Ich wußte mal, wie die heissen, aber das ist von der Festplatte gelöscht... wie gut, dass es das Markomannen-Wiki gibt. Auch wenn ich mich jetzt ganz schmutzig fühle: Couleur. Bleiben wir bei "neckische Bändchen", denn damit rennen die wirklich Kaputten auch über den Campus, immer im Rudel. Das ist dann auch die Botschaft an meine statistisch ermittelten 0,7 Enkel: Wenn Du keine Freunde hast, geh in eine politische Partei. Wenn Du da auch keine Freunde findest, geh in eine Verbindung. Ich wünschte mir wirklich, das wäre ein Vorurteil. Und zumindest bei der Sportverbindung war es nicht die volle Wahrheit - es gab Leute, die den Absprung zumindest soweit geschafft hatten, dass sie nicht mehr in dem Haus wohnten und tatsächlich Menschen kannten, die völlig unverbunden waren. Es waren sogar ein, zwei Leute dabei, die vor allem ihren bereits total verbundenen Vätern zuliebe in die Verbindung gegangen waren. Solche Väter sind dann zum Beispiel die besagten "Alte Herren". Ehemalige Studenten, weiterhin verbunden.

Die finanzieren den Laden, und auch da werden dann weitere Klischees wahr: Das können die alle aus der Portokasse bezahlen. Ich war für ein halbes Jahr umgeben von VW-Vorständen und anderen Managern, und obwohl ich als sozialphobischer Alkoholiker aus der Geschichte rausgekommen wäre, hätte ich mir zumindest um einen Job keine Sorgen machen müssen. Denn im Endeffekt ist es das, was Du da machst: Du säufst. Billig. Ständig. Es gibt ein historisch gewachsenes Regelheft mit 117 Paragraphen, in denen drinsteht, wie man säuft. Ich habe auch den Namen vergessen... es ist nicht Bierfilz (danke Markommen-Wiki), das ist ein zwei Seiten langer Eintrag über Bierdeckel. Die auf einen Durchmesser von 107 Millimetern festgelegt sind

Aber ich denke, es ist offensichtlich: Wer schon soviel über Bierdeckel zu schreiben hat und 117 Regeln zum Trinken braucht - alles schön im militärischen Kommandoton vorgetragen, der singt dabei auch lateinische Lieder. Ich hatte leider nie Latein und werde nie rausfinden, was ich da eigentlich gesungen habe, aber einmal habe ich auch dieses Ritual über mich ergehen lassen. Nicht, dass man immer nach Regeln trinkt. Meist sogar ohne. Meist muß man nicht mal das Haus verlassen, es gibt nie versiegende Fässer im Keller, und wenn die alle sind, dann macht man einen "Couleurbesuch". Man bindet sich sein neckisches Bändchen um, wenn man denn Farben trägt, und dann schlägt man um 2 Uhr nachts bei irgendeiner anderen Verbindung auf.

Wenn bei Ihnen zu Hause einer um 2 Uhr nachts klingelt und Sie auf ein Bier anhaut, dann machen Sie sich vielleicht sogar die Mühe, die Polizei zu rufen. In einer Verbindung muß man solches Volk - also das mit den neckischen Bändchen - rituell einladen und verköstigen. Und genau so lernte ich dann auch andere Verbindungen kennen - und wieviel schlimmer alles noch hätten kommen können. Zum Beispiel eben Verbindungen, die unter der deutschen Burschenschaft organisiert waren. Noch edlere Häuser. Nicht nur olles Kabelfernsehen, sondern Satellit. Und alles schwarz-rot-gold. Außer den vorgetragenen politischen Ansichten. Die waren eindeutig nur rot. Blutig rot wie Rotkäppchen-Kleider, die nach dem Krieg aus den Hakenkreuz-Fahnen geschneidert wurden. Aber auch da lernt man was.

Zum Beispiel über die Entstehung des Rechtsextremismus. Es ist nicht nur Perspektivlosigkeit. Aber es hat eindeutig was mit Triebstau zu tun. Witzigerweise studierte ich damals nebensächlich Geschichte und lernte Hitlers Lehrer kennen, und damit auch die eigentliche Grundlage von Fremdenfeindlichkeit - aber ich hätte mich auch einfach nur in diesen Verbindungshäusern umgucken können. Es ist einfach so, dass kein ähnlich unattraktiver Mensch hier einwandern könnte. Hitlers Lehrer schrieben dann auch in ihren "Fachblättern" von den "glutäugigen Arabern, die unser blonden Frauen rauben" - auch lange her, deswegen keine Links- so simpel ist das. Diese bemerkenswert ehrlichen Gestalten verzweifelten am guten Aussehen - oder zumindest daran, dass Frauen das so sehen - von allem, was da einwanderte. Natürlich waren sie auch alle in Verbindungen.

Tatsächlich kann man Burschenschaftler fast vom Rassismus freisprechen. Es sind einfach nur Menschen, die wissen, dass sie scheisse aussehen und scheisse drauf sind. Tief in ihrem Inneren wissen die das. Und deswegen müssen sie alles daran setzen, die letzten Männer auf Erden zu werden.

(...)Ein Schwarzer, ein Asiat und jemand mit einem ausländischen klingenden Namen hat bei uns nichts zu suchen. Schwule werden selbstverständlich rausgeschmissen, wenn sie sich zu uns verirren, und wer Sozi ist oder Grüner sollte sich ohnehin fern halten. Auf diese Kriterien sind wir stolz, so stolz, wie auf unser Deutschland!
Wir - und damit beziehe ich alle deutschen Burschenschaften ein - treten füreinander ein, sind uns treu und gewissermaßen misstrauische Vorposten eines gesunden Staats, indem wir darauf achten, dass jene nicht in führende Positionen gelangen, die fremd, anders, abartig und links sind. Man nehme dies bitte endlich mal zur Kenntnis!

Kommentar auf welt.de

Ja, Sie haben recht, die Schwulen passen nicht in diese Theorie. Warum sie da doch reinpassen, erzähle ich Ihnen und meinen 0,7 Enkeln dann mal an einem anderen Tag. Und jetzt sei eine gute Menschin und hol mir noch eine von diesen total organischen Koffeinpillen.

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