“Fack ju Göhte” von Bora Dağtekin

Elyas M'Barek und Karoline Herfurth in Fack ju Göhte.

Elyas M’Barek und Karoline Herfurth in Fack ju Göhte.

Man könnte – ohne dabei rot zu werden – bedenkenlos behaupten, dass der deutsche Film aus zwei Dingen besteht: Zum einen aus Komödien, die vom Dreigestirn Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und Michael Herbig inszeniert und / oder produziert werden. Zum anderen aus der Aufarbeitung von deutscher Geschichte, seien es Erzählungen aus der Nazi-Zeit oder der DDR. Nur ganz selten wagt sich der deutsche Film an anderlei Stoffe, noch viel seltener verschlägt es Regisseure an deutsche Schulen. Man erinnert sich gerne an leichte Kost wie Schule zurück, 2000 von Marco Petry gedreht, mit Daniel Brühl, Axel Stein, Denis Moschitto und Bettina Zimmermann zu einer Art Kultfilm unter Jungkinogängern empor gehoben. Ähnlich faszinierend kam sechs Jahre später Die Wolke daher, eine deutsche Katastrophenliteraturverfilmung, bei der es in der Nähe von Schweinfurt zu einem Störfall in einem Atomreaktor kommt und daraufhin ein Super-GAU die Bevölkerung in Panik und Hilflosigkeit versetzt, darunter auch Schülerin Hannah Meinecke – Paula Kalenberg, die hierfür mit dem New Faces Award 2006 prämiert wurde.

Es wird die Belegschaft des Lise-Meitner-Gymnasiums in Unterhaching gefreut haben, dass ihr Lehrbetrieb nach Schule und Die Wolke nun endlich einmal wieder die Kinolandschaft zieren darf. Bora Dağtekin (Regie: Türkisch für Anfänger) drehte hier seine Komödie Fack ju Göhte mit Elyas M’Barek und Karoline Herfurth, großartig aber auch in den Nebenrollen: Katja Riemann, Jana Pallaske und Uschi Glas. Aber besonders hervorgehoben sollen dann doch eben die beiden Hauptakteure sein. Elyas M’Barek, Spross der Fernsehserie Türkisch für Anfänger, schafft es zwei Figurentypen in sich zu vereinen: den gutaussehenden Tollpatsch, der sich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen manövriert (Matthias Schweighöfer) und den harten Draufgänger, der mit purer Dreistigkeit und großer Fresse immer Herr der Lage ist (Moritz Bleibtreu). Ihm stellt sich Karoline Herfurth an die Seite, seit Mädchen, Mädchen kaum noch in Komödien zu sehen gewesen, eher spezialisiert auf das ernste Schauspielfach. Wie sie hier jedoch beweist, völlig zu Unrecht. Mit schrulliger ‘verrücktes Huhn‘-Attitüde zeigt sie Charme und Komödientiming, spielt sich aus dem Schatten so mancher charakterloser weiblicher Love Interest der deutschen Komödie.

Karoline Herfurth

Karoline Herfurth

M’Barek spielt in Fack ju Göhte den Ex-Knacki Zeki Müller, der gerade seine dreizehn Monate abgesessen hat. Seine Freundin hat sich in dieser Zeit um seine Beute gekümmert, sie sorgsam auf einer Baustelle deponiert, wo inzwischen jedoch eine neue Turnhalle für die Goethe-Gesamtschule gebaut wurde. Zeki heuert hier als Aushilfslehrer an und wird auf ganz spezielle Schüler losgelassen. Der 10b mangelt es nicht nur an Intelligenz, sondern eigentlich an allem was zum Leben dazu gehört. Keine Moral, keinen Anstand, keine Motivation. Zeki Müller findet sich unter der Unterschicht wieder und muss zu seinen ganz eigenen Lehrmethoden greifen um den Jungs und Mädels, allen voran die Klassenanführer Danger (Max von der Groeben) und Chantal (Jella Haase), beizubringen, wie sie etwas aus ihrem Leben machen können – und eben nicht weiter ihren Traum zu verfolgen, eines Tages Drogenbarone zu werden. Dabei klebt die Referendarin Lisi Schnabelstedt (Herfurth) an seinen Fersen, immer darauf bedacht, den Neu-Lehrkörper an seine pädagogische Verantwortung zu erinnern.

Es ist fast sagenhaft, wie Fack ju Göhte mit all seinen Protagonisten umgeht. An der Oberfläche entweder mächtig blöde, eine Unterschicht von Schülern, die jedem Pädagogen zum schnellstmöglichen Handlungszwang bringen sollte, oder aber verzweifeltes Desinteresse am Unterricht, ausgerechnet von den Lehrkörpern, die mehr an Rankings (für die Schule, für die einzelnen Lehrer) interessiert sind als an ihren Problemfällen. Uschi Glas mimt eine Lehrerin, die sich bereits in den ersten Minuten des Films aus dem Fenster stürzt – am Ende steht dennoch der Witz, kein tragischer Tod. Katja Riemann ist die klassische Direktorin, die um ihr Budget besorgt handelt, in ihrem Direktorinnenzimmer eine ganze Fernsehwand aufgebaut hat, auf der sie das Treiben in ihrer Schule beobachten kann, zumeist aber nur ihre Lehrer diszipliniert, die regelmäßig versuchen den Schulalltag zu umgehen.

Elyas M'Barek hat es nicht leicht in der Schule.

Elyas M’Barek hat es nicht leicht in der Schule.

Fack ju Göhte ist mit viel Liebe zum Detail inszeniert, was sich sowohl in den Dialogen als auch im Szenebild bemerkbar macht. Elyas M’Barek darf von vorne bis hinten den wohl misanthropischsten aller deutschen Komödienhauptdarstellern mimen, damit aber auch zugleich den effektvollsten. Er greift zum Paintball-Gewehr um seine Schüler in die Klasse zu treiben, drückt auch schon mal den Amok-Lauf-Alarmknopf und schiebt die Schuld einem Schüler in die Schuhe. Mit den Worten „Heul leiser“ oder „Ich sprech nicht Wehleidig“ quittiert er Bemerkungen von unsicheren Schülern. Damit provoziert oder produziert der Film nicht nur seine Lacher, sondern kommentiert auch ein völlig (sur)reales Bild der Schulwelt. Schüler die sich vom ewig selben Lehrplan gelangweilt fühlen, von ihren Lehrern nur zur Leistung getriezt werden, um möglichst gute Ergebnisse bei Schulrankings zu erlangen, die oftmals mit einer Finanzspritze einher gehen. Die Schüler als Wirtschaftsfaktor, sie entgehen in Fack ju Göhte ihrem Schicksal durch einen Anti-Lehrer, der am Ende sogar für eine sehr moderne Inszenierung von Shakespeares Romeo & Julia verantwortlich ist, sich mit Kultur und Einfallsreichtum, mit der Fähigkeit des gesunden Menschenverstands ausgestattet, den Vorgaben des Systems entzieht und damit Erfolg findet.

Einen solchen Erfolg wird vermutlich auch Fack ju Göhte feiern, der sich hinter nichts und niemanden zu verstecken braucht. Ganz im Gegenteil. Der Film funktioniert von der ersten Minute an, geht zielstrebig seinen Weg ohne dabei an Durchhängern zu leiden. Gerade deswegen könnte auf dieses Konstrukt sogar der US-Markt Aufmerksam werden, wo Elyas M’Barek bereits für einen kleinen Auftritt in der kürzlich in den Kinos gelaufenen Jugendbuchverfilmung Chroniken der Unterwelt eingesetzt wurde. Aber so sehr die weiblichen Kinogänger doch auch ins Schwärmen geraten werden, wenn M’Barek regelmäßig oben ohne gezeigt wird, so schön sind doch auch die ewig spitzen Wortwitze, das Zusammenspiel der Darsteller, die kleinen Nuancen im Hintergrund (Biologieposter, Schimpfwörter-Sparfrösche) und einmalige Momente: die lehrerlose Klasse schreibt Klausur, Chantal hebt den Kopf, meint sie würde jetzt gerne schummeln, bekommt aber von ihren Mitschülern unmissverständlich und lautstark einen Konter reingewürgt. Wenn die Chaotenklasse einsichtig wird, selbst dann noch hat Fack ju Göhte nichts von seinem Charme eingebüßt.

 


Fack Ju Göhte_Filmposter

“Fack ju Göhte“

Originaltitel: Fack ju Göhte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Produktionsland, Jahr: D, 2013
Länge: ca. 118 Minuten
Regie: Bora Dağtekin
Darsteller: Elyas M’Barek, Karoline Herfurth, Katja Riemann, Jana Pallaske, Alwara Höfels, Jella Haase, Max von der Groeben, Uschi Glas

Kinostart: 7. November 2013
Im Netz: fjg-film.de



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