Expedition 7000 – Ein launischer Berg

Sturm, Neuschnee, Kälte: Nach einer Woche am Berg zeigt sich der Pik Lenin von seiner unwirtlichen Seite. Können wir überhaupt einen Gipferversuch wagen, bevor die Saison zu Ende geht?
Teil 1: Die erste Woche am Berg

Atmen und gehen: Zwei eigentlich simple Tätigkeiten werden jenseits der 5500 Meter zu einer gewaltigen, ja praktisch alles bestimmenden Aufgabe.

Kann ich laufen? Kriege ich gut Luft? Ja? Wunderbar. Dann wären die wichtigsten Fragen des Tages geklärt.

Auf dem Weg ins Lager 3 müssen wir uns nicht anseilen. Keine Gletscherspalten, auch keine Lawinengefahr. Zuerst schleppen wir uns in engen Serpentinen einen Steilhang hinauf. Oben angekommen biegt die Route nach links ab, in nördliche Richtung. Wir laufen nun bei mäßiger Steigung direkt auf die Landesgrenze zu. Hinter der Bergschulter geradeaus liegt Tadschikistan. Und ganz oben auf dem Kamm steht das Camp, unser Tagesziel.

Der letzte Hang ist eine erbarmungslos monotone Rampe aus Eis. Noch einen Schluck trinken, ein Stück Schokolade. Nach wenigen Metern rast der Puls noch mehr als sonst. Habe ich heute früh Steine in den Rucksack gepackt? Nein Moment, es sind nur all die Utensilien, die mich vor dem Erfrieren bewahren.

Alle dreißig Sekunden bleibe ich stehen und schnappe nach Luft, die in der Lunge beißt. Jeder läuft nun ganz für sich allein, dabei trennen uns meist nur wenige Meter voneinander. Schritt, Schritt. Immer weiter bergauf.

Der Ausblick ist spektakulär schön, das gibt Kraft. Die Bedingungen könnten schlimmer sein, was einerseits erfreut und andererseits Zweifel sät: Eigentlich hatten wir an diesem Berg schon zu lange zu gutes Wetter.


Expedition 7000 – Ein launischer Berg
Route ins Camp 3 oben auf der Bergschulter.

DIE RUHE VOR DEM STURM

Ich schleppe mich die letzten, räudigen Meter hinauf: Camp 3 – endlich. Hinsetzen und durchatmen. Das war’s für heute. Roberto und Sylvain hocken schon in einer windgeschützten Mulde. Enrico und Tristan kommen dazu, auch Juri. Alle sehen noch ganz fit aus, niemand wirkt komplett erledigt. Wir hocken im Schnee, umhüllt von Daunenjacken, die mir nun jeden Euro wert erscheinen, und genießen die Sonne. Um uns herum angeregtes Treiben.

Auch viele andere Bergsteiger sind heute aufgestiegen. Fast drei Dutzend Zelte stehen akkurat aufgereiht zusammen, alles wirkt beruhigend professionell. Aber anders als geplant, werden wir heute doch nicht in Camp 3 übernachten – ein Höhensturm ist angekündigt. Und hier auf dem Bergrücken hält ihn nichts auf.

Vor dem Abstieg sichern wir uns noch den Trostpreis. Wir marschieren auf eine nahe Schneekuppe namens Razdelny Peak. Kein echter Gipfel, eher eine Erhebung im Grat. Im Basislager gibt es für diese »Besteigung« aber ebenfalls eine Urkunde, so kehrt man nicht mit leeren Händen heim. Anständige Lösung, finde ich. Als wir auf den Schneehügel stapfen, fegen uns Eiskristalle ins Gesicht. Der Wind dreht schon auf. Wir sollten wirklich nicht hier bleiben.


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Camp 3, im Hintergrund der Gipfelaufbau des Pik Lenin.

PEITSCHEN IN DER DUNKELHEIT

Unten im Lager 2 scheint nach wie vor die Sonne, aber es herrscht ungewohnte Betriebsamkeit: Bergsteiger fixieren ihre Zelte mit Steinen, Schnüre werden festgezogen und doppelt gesichert. Bald fällt die Dunkelheit über den Bergkamm, und wir schlüpfen in unsere Schlafsäcke. Ich schlafe sofort ein. Wenige Stunden später weckt mich ein lautes Flattern.

Orkanartiger Wind reißt an der Zeltplane. Ich bin sofort bei Sinnen und schiebe meinen Rucksack auf die rechte Seite des Zeltes, um die Flanke zu stabilisieren. Wie stabil ist dieses Ding? Ich stemme beide Arme gegen die Zeltplane.

Der Sturm peitscht mit ohrenbetäubender Lautstärke den Hang hinab. Pfeifen und Fauchen. Böse Geister in der Nacht. Zwei Stunden liege ich wach, in permanenter Angst, dass es mich davonweht. Am Morgen zeigt sich, dass diese Furcht nicht unbegründet war.

Als wir aus unseren Zelten treten, ist das Inferno längst vorbei. Aber es hat Spuren hinterlassen. Der Wind, so erzählt uns Sylvain, habe sein Zelt nachts aus der Verankerung gerissen – mit ihm selbst darin. Er sei mitsamt seiner Ausrüstung den Hang hinab gerollt, bis er sich an einem Felsbrocken festhalten konnte. In dieser Position habe er notgedrungen bis zum Morgen ausgeharrt. Ach du Scheiße. »It was totally crazy«, sagt Sylvain, jedoch mit einer Ruhe, die das Gegenteil nahelegt. Ich finde, er ist erstaunlich gut beieinander.


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Camp 2 auf 5400 Metern.

KÄLTE UND ZWEIFEL

Der Pik Lenin zeigt sich jetzt, nach einer Woche am Berg, von seiner unwirtlichen Seite. Wir steigen ins Basislager ab, wo wir am zweiten Morgen in einem eingeschneiten Hochtal erwachen. Wo ist die Augustsonne hin? Die Wolken hängen tief. Zwei Franzosen berichten, wie der Sturm ihr Zelt mitsamt der Ausrüstung in eine Gletscherspalte geweht hat. Ende der Tour.

Auch drei Sunnyboys aus Österreich mit reichlich Equipment, die den ganzen Berg mit Skiern abfahren und das Spektakel filmen wollten, mussten sich geschlagen geben. Bestimmt hatten sie einen abgefahrenen Youtube-Film vor Augen, auf den die Welt nun verzichten muss.

Abends im Gemeinschaftszelt verteilt der Lagerchef keine Pik-Lenin-Halsketten mehr. Wer eine Urkunde für den Razdelny Peak bekommt, versteckt seine Enttäuschung dürftig hinter einem kurzen Lächeln. Das Klatschen klingt schal.

Die Tage am Berg haben auch bei uns Spuren hinterlassen. Der Durchfall geht reihum, kaum einer bleibt verschont. Hinzu kommt die andauernde Kälte. Und der Zweifel. Besteht überhaupt noch eine Chance auf den Gipfel?

Die Zuversicht sagt: Die Besteigung ist noch möglich, wenn das Wetter wieder besser wird. Die Vernunft hält dagegen: Seien wir realistisch, unter diesen Umständen können wir es vergessen.


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Rückkehr ins Basislager: Schnee am Morgen.

GEFÜHLT MINUS 27 GRAD

Der Fixpunkt, um den alle Hoffnungen und Befürchtungen kreisen, ist der Satelliten-Wetterbericht von www.mountain-forecast.com. Zweimal am Tag wird er im Gemeinschaftszelt ausgehängt.

Die Vorhersage ist nach Höhe gegliedert: 3500 Meter, 4500 Meter, 5500 Meter, 6500 Meter, 7139 Meter. Für die nächsten Tage sind in den höheren Lagen Windgeschwindigkeiten um die 55 km/h angekündigt, teils sogar noch mehr. Das macht einen Aufstieg zum Gipfel vollkommen unmöglich. Der Wind würde uns sofort auskühlen oder vom Grat wehen. Doch es gibt einen Lichtblick.

Unser Gipfelversuch ist für die Nacht vom 20. auf den 21. August angesetzt. Tatsächlich verheißt der Wetterbericht für diesen Zeitraum vorübergehend Besserung. Die Nacht soll klar sein und der Wind auf 15 km/h abflauen. Die nächtliche Temperatur soll bei minus 19 Grad liegen, gefühlt minus 27 Grad (wegen des Windchill-Faktors). Das klingt nicht nach Wellness-Urlaub, aber auch nicht nach Apokalypse.

Die Meinungen im Team gehen auseinander. »I am afraid it will be too cold«, sagt Roberto. Ein Satz, der mich nicht loslässt, weil er schlicht und ergreifend wahr sein könnte. Er habe große Zweifel, ob man es mehrere Stunden bei dieser Kälte im Freien aushalte. Tristan hält dagegen: Das seien nun mal die Bedingungen an einem Berg wie dem Pik Lenin.

Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass sich das Wetterfenster nicht verschiebt. Jede Stunde schaue ich also auf den gleichen Wetterbericht, in der Erwartung, dass er mir mitteilt, viel Hoffnung angebracht ist. Aber das tut er nicht.


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Der Sommer geht zu Ende.

GEFÄHRLICHE ILLUSIONEN

Was, wenn es nicht klappt? Man weiß ja sehr gut, welche Haltung weise wäre: Der Weg ist das Ziel. Es kommt nicht darauf an, am Ende ganz oben zu stehen, sondern auf die Erlebnisse unterwegs. Aber ich kann mir das tausend Mal einreden, am Ende wäre ich enttäuscht, wenn es nicht klappt – nach all den Entbehrungen. Dabei liegt es nicht in meiner Hand. Der Berg entscheidet. Klar wäre es eine »interessante Erfahrung«, am Pik Lenin zu scheitern. Ich würde etwas lernen. Trotzdem möchte ich lieber auf dem Gipfel stehen.

In den vergangenen Tagen hat sich gezeigt, wer zügig unterwegs ist und wer mehr Zeit braucht. Ich mache mir langsam Sorgen um Luis, aber nicht wegen seines Gehtempos. Er hat einfach zu dünne Sachen dabei: nur diese eine leichte Daunenjacke, auch keinen richtig warmen Daunenschlafsack.

Abends im Zelt erkläre ich ihm: »Luis, I think higher up this will be too cold for you.« Er sieht es nicht ein. Im Outdoor-Geschäft habe man ihm zu layering geraten, zu mehreren dünnen Lagen, die man übereinander ziehen kann. Zwiebelprinzip. Ich versuche Luis klarzumachen: Layering ist vielleicht während des Aufstiegs gut, aber wenn du erschöpft auf 6000 Meter ankommst und dort Stunden bei extremen Minusgraden verbringen musst, dann brauchst du richtig, richtig warme Sachen. Luis aber glaubt an seine Ausrüstung. Jeder an diesem Berg hat seine Illusionen, aber manche sind gefährlich.


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Wieder ins Lager 1: Die Wolken hängen tief.

Der Pik Lenin entzieht sich unseren Blicken. Auf dem neuerlichen Weg ins Lager 1 starren wir in dichtes Wolkengrau. Die Luft im Camp verrät, dass der Sommer in den letzten Zügen steckt. Ich sehne mich nach einer Sauna oder auch nur einem Heizkörper. Alle Bergsteiger gehen ihre Aufstiegspläne durch, prüfen skeptisch den Wetterbericht. Luis leiht sich für 50 Dollar einen Daunenanzug.

Am Nachmittag sehe ich, wie fünf Männer ihre Rucksäcke schultern. Einer trägt eine stabile, halbrunde Schale aus Kunststoff, deren Funktion sich mir erst nicht erschließt. Dann begreife ich, dass es eine Trage ist. Die Männer sind ein Bergungstrupp. Ein Russe habe sich in der Nordwand einmal kurz in den Schnee gesetzt, erzählt der Lagerleiter, und sei nicht mehr aufgestanden. Herzinfarkt oder Schlaganfall. Nun soll die Leiche vom Berg geholt werden. Ich kann nicht einmal sagen, dass es mich schockiert.

GEFRORENE WELT

Als wir zum zweiten Mal in nächtlicher Hochgebirgsstille in Richtung Camp 2 aufbrechen, ist es bitterkalt. Unter meiner Hardshell-Jacke trage ich eine Daunenjacke. Ich lege meine Steigeisen an und lasse danach die Arme kreisen, damit das Gefühl in meine Finger zurückkehrt.

Beim Aufstieg durch den Gletscherbruch verzehre ich mich nach der Sonne, aber als sie auftaucht, spendet sie kaum Wärme. Immerhin haben sich die Wolken verzogen. Ich gehe mit Roberto und Sylvain am Seil, aber ihr Tempo ist etwas zu schnell für mich. Eine einzige Schinderei. Ich will nur, dass der Tag vorüber ist. Aber da ahne ich noch nicht, wie die Nacht wird.


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Expedition 7000 – Ein launischer Berg
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Aufbruch ins Camp 2: Der ganze Berg ist eingeschneit.

Als wir am Nachmittag das Lager erreichen, bin ich völlig aus der Puste. Ich suche mir ein Zelt und lege mich hin. Erstaunlich, wie rasch der Körper regeneriert: Nach dem Nickerchen habe ich wieder Kraft. Tristan und ich machen Nudelsuppe. Wie gut es tut, ein paar schlechte Witze zu machen und ein bisschen zu lachen. Jakub dagegen ist nicht nach Scherzen.

Der konditionsstarke Pole erreicht das Lager mit Blasen an den Fingern. Aus unerklärlichen Gründen hat er durchgehend dünne Wollhandschuhe getragen, obwohl er laut eigener Aussage schon kurz nach dem Aufbruch das Gefühl in den Fingern verlor. Der Lagerarzt bestätigt: Erfrierungen ersten Grades. Für Jakub ist die Tour damit vorbei. Noch am frühen Abend hat sich diese Erkenntnis nicht gesetzt. »I think I will go down tomorrow« – Jakub wiederholt den Satz wieder und wieder. Als ob er die Wahl hätte.

Zu allem Überfluss ist Ann kurz vor dem Lager in eine Gletscherspalte gefallen, zum Glück am Seil. Jakub und Tristan haben den Sturz gehalten, konnten Ann aber nicht heraufziehen und mussten um Hilfe rufen. Zwei Bergführer eilten herbei und packten mit an.

EINE VERDAMMT BESCHISSENE NACHT

Expedition 7000 – Ein launischer Berg

Bei unserem zweiten Aufenthalt in Lager 2 stellt sich außerdem heraus, dass die kleinen Zelte für zwei Personen gedacht sind. Ich werde mit Jakub in einem Zelt schlafen, wobei Liegen es besser trifft. Der Pole misst 1,90 Meter, er passt nur diagonal hinein. Mir bleibt ein schmaler Streifen direkt an der kalten Plane, auf abschüssigem Untergrund.

Es drückt auf der Hüfte, an der der Schulter, irgendwo drückt es nach einer halben Stunde immer. Um 4.30 Uhr muss ich endgültig pinkeln. Zwar habe ich eine Urinflasche dabei, damit ich nachts nicht in die Kälte muss, aber im Zelt ist es so eng, dass ich mich nicht auf die Knie stellen kann. So funktioniert das nicht. Ich bleibe noch zehn Minuten unschlüssig liegen, dann entweicht mir ein wehleidiges »Fuuuuuck…« Es hilft nichts. Raus aus dem Schlafsack, rein in die Bergschuhe, Jacke an – und in die klirrende Nacht.

Morgens schäle ich mich aus dem Zelt und versuche die Kälte aus den Gliedern zu vertreiben. Das Lager ist eingeschneit, der Untergrund rutschig, aber die Nacht zum Glück vorüber. Auf einmal habe ich das Gefühl, die letzte entscheidende Widrigkeit gemeistert zu haben. Der Morgen ist sonnig. Ich stecke ein Snickers für unterwegs in die Jacke, mein Frühstück. Wir packen und brechen auf. Mittags erreichen wir Lager 3. Und dieses Mal sind wir gekommen, um zu bleiben. Rasten, trinken, schlafen. Luft holen für den großen Sprung.


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