Eugène Ionesco: Wie man Träume am Schwanz packt

Eugène Ionesco: Wie man Träume am Schwanz packt

Eine Premierenbesptechung aus einer Zeit, wo Jens die Welt genauso absurd schien wie heute

Wie man Träume beim Schwanz packt....

Welturaufführung in Basel: Die "Reise zu den Toten" von Eugene Ionesco

Stuttgarter Nachrichten, 1.12.1982

Von Günter Verdin

Am Freitag vergangener Woche ist der "Einzelgänger" Eugene Ionesco siebzig Jahre alt geworden. Menschen in diesem Alter sollen schon hin und wieder etwas vergessen. Ionesco hat vergessen, aus seinen Altersweisheiten über existentielle Fragen, unter die er die Traumgrenze zieht, ein Stück zu machen. Mehr als eine Bilderfolge ist "Reise zu den Toten", an Ionescos Geburtstag im Basler Stadttheater uraufgeführt, nicht geworden.

Wie so oft hat der In Frankreich lebende rumänische Schrifsteller bereits veröffentlichtes Gedankenmaterial ("Heute und gestern, gestern und heute". Tagebuch) dramatisiert, in diesem Fall traumatisiert.

Die wesentlichen Fest- und Fragestellungen zum Phänomen des Lebensendes scheint Ionesco bereits in "Der König stirbt" deponiert zu haben: "Mein Tod ist unzählbar. So viele Welten sterben in mir." oder: "Sterben ist unnatürlich. Weil man nicht will" und: "Warum bin ich geboren, wenn nicht für immer?" Ionesco führt hier den Prozeß des Sterbens als Aufgeben der Sinne sehr impressionistisch mit Hilfe der Figur des physisch und psychisch zusehendes verfallenden Monarchen vor.

In "Reise zu den Toten" holt sich Ionesco selbst die Antworten, die er uns bisher verweigerte, indem er kühn träumend ins Reich der Toten eindringt. Realität, Visionäres und Erinnertes in rasanter Abfolge in filmischer Montagetechnik überblendend, als gälte es, die nie fertiggestelle Dissertation über "Sünde und Tod in der französischen Dichtung seit Baudelaire" doch noch vorzulegen. Die Suche nach der toten Mutter, der gegenüber Ionesco Schuldgefühle hat, bildet das dramaturgische Gerüst dieser mythisch-mystischen Bilderfolge. Ihr Held und Opfer, Jean Behringer Ionesco, weiß uns immerhin soviel mitzuteilen, dass das Jenseits ebenso chaotisch und absurd wie das Diesseits ist. Die Mutter: "Man altert auch im Jenseits. Man wird an die hundert Jahre, und dann bleibt man so."

Die Szenenfolge eskaliert schließlich zum apokalyptischen Inferno, in dem die Mutter jüngstes Gericht hält über Machtgier und Korruption in Gestalt eines hohen Beamten und eines Majors, dem sie das rechte Auge mitsamt Monokel herausreißt. In einem etwa zehnminütigen Monolog von expressionistischer Sprachkraft endet der Alptraum mit der resignativen Feststellung Jeans: "Ich weiß nichts."

Die Basler Aufführung dieses redseligen Un-Stücks ist allenfalls ehrenwert und zahm. Regisseur Wolfgang Quetes siedelt Ionescos Abstieg zu der Mutter in eine kunstrasenbedeckte Traumlandschaft (Bühnenbild: Erich Fischerl), die auf der linken Seite von einer Wand mit Drehspiegeln begrenzt wird und sonst ins Irgendwo zerfließt. Den oftmaligen Schauplatzwechsel verdeutlicht Quetes mit Scheinwerfer-Spots, die sich die gewünschte Szenerie aus der Dunkelheit herausgreifen.

Henning Köhler spielt den Jean als sein eigener Psycho-Analytiker, intellektuell, kühl, sehr konzentriert, dennoch schier unbeteiligt, er macht die Träume zu seinem Besitz und sollte doch von ihnen besessen sein.

Der junge Buñuel hätte aus dieser Szenenfolge einen bestürzenden Film machen können. In Basel hustete sich das Premierenpublikum, zu einem Drittel etwa im Alter des anwesenden Jubilars, drei Stunden lang die Ratlosigkeit von der Lunge und klatschte höflich, wie es sich für Leute gehört, die kein Geburstagsgeschenk dabeihaben.....


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