Es riecht nach Bohnerwachs und Spießigkeit

Als Jan Delay vor einigen Monaten Heino einen Nazi nannte, gab Uli Hannemann in der »taz« zu bedenken, dass das Wort bei Heino gar nicht passe. Schließlich sei er ja kein Nationalsozialist und auch kein »Hitler-Verehrer«. Es gäbe passendere Bezeichnungen: »reaktionär. Ewiggestriger. Blockwart. Rassist. Sexist. Faschist. Arschloch.« Ich sehe das ähnlich, wenn ich jetzt von vielen Linken höre, dass es sich bei der AfD um Nazis handle. Leute, es gibt passendere Begriffe. Siehe drei Sätze vorher.
Es riecht nach Bohnerwachs und SpießigkeitDiese »Alternative für Deutschland« ist in erster Linie ein Sammelbecken für kleinbürgerliche Spießer und Biedermänner, ein Pool schulmeisterlicher Pedanten. Insofern ist sie wirklich eine richtig deutsche Partei, denn sie formiert den Typus, der immer brav den Gehsteig kehrt und beim Nachbarn schielt, ob er es ja auch tut. Die AfD will vorschreiben, erklären was in Deutschland moralisch zu sein hat und was nicht, ruft nach Ordnung in einer pluralistischen Welt, die sie »Chaos« nennt. Dieser spießige Reglementierungswahn endet nicht etwa in Wirtschaftsfragen. Dort ist sie ja sogar eher für Laissez Faire. Sie will zum Beispiel auch (und vor allem) den Musikgeschmack und die sexuelle Präferenz neu strukturieren. Ganz nach Philisterart. Toleranz gilt für diese Leute nicht als Tugend, sondern als gesellschaftliche Schwäche, als Blöße und Traditionsverrat.

Bei der AfD haben sich ganz einfach Heile-Welt-Fünfzigerjahre-Fans um Parteigründer geschart, die in Aussicht gestellt haben, Deutschland wieder in untadelige Bahnen zu lenken. Und das nicht etwa in entscheidenden Punkten, sondern auf jener Ebene, die dem Spießer immer schon besonders zugesagt hat: Er will erziehen, seinem Umfeld seinen Duktus aufzwingen, die Leute so haben, wie er sie gerne hätte. Der Lobbyismus, ganz klar ein unordentliches Arrangement in dieser Demokratie, das man mal zurechtrücken müsste, ist für ihn weniger Gegenstand seines Ordnungssinnes. Er will deutsche Musik verordnen und kategorisieren, was sexuelle akzeptabel ist und was man unter der Gürtellinie aus Gründen der Ästhetik nicht haben möchte.
Aber da ist doch noch der Euro, den die AfD aufkündigen wollte? Oder etwa nicht? Ach, seien wir doch mal ehrlich, das ist doch bloß noch der Gründungsmythos dieser Partei, die Folklore dieser akkuraten Damen und Herren. Anderes ist ihnen doch viel wichtiger. Den Leuten Vorschriften für ihre Lebensweise zu machen ist halt auch viel anregender.
Ich gebe ja durchaus zu, dass man die AfD ganz schnell mit Nazis verwechseln könnte. Nicht umsonst haben manche jene Jahre unter Hitler, jedenfalls die erste Phase jener Zeit, als die Diktatur der kleinbürgerlichen Spießer bezeichnet. Und wahrscheinlich sind viele in der AfD auch ganz offen für Ansichten, die auch einen Nazi erfüllen. Aber es gibt einfach viel passendere Bezeichnungen für diese Klientel. Sie träumen ja nicht vom Lebensraum im Osten, sondern von gesäuberten deutschen Lebenräumen in städtischen Vororten, in denen Frauen Bohnerwachs auftragen und wieder langen Schürzen um haben und Türken sich nicht als Jäger dieser Schürzen austoben dürfen. In denen Sex-Shops verboten gehören und man nur noch heimlich in den Puff schleicht. Und all das unter den Augen schmucker Gartenzwerge und mit den Klängen hübscher deutscher Melodeien unterlegt. Aber nicht mit Bushido. Denn der ist nicht richtig Deutsch. Wenn es nach ihnen geht, soll eine neue Eisenhower-Ära in Deutsch ausbrechen - und kein weiterer Weltkrieg.
Gleichwohl muss man natürlich festhalten, dass diese Leute wesentlich gefährlicher sind als jene Parteien der Neonazis, die jetzt nach und nach politische Relevanz verlieren. Die Neonazis waren trotz allem relativ isoliert, diskreditierten sich selbst mit ihren Auftritten. Aber die für manches Laienauge professorale Vorstellung dieser etablierten Bürger mit Blockwartsinn, der findet überall Anknüpfungspunkte im New Victorianism, im Zeitalter neuer Spießigkeit und Enge und Prüderie. Neonazis konnten diese Gesellschaft nicht nach ihren Idealbildern formen. Wer will sich denn von Leuten, die ihren Hass in aller Widerlichkeit darboten und sich von Glatzköpfen begleiten ließen, die Welt erklären lassen? Aber der spröde Spießer hat das Zeug dazu. Sein Deutschland soll ein abgeschlossenes, in sich gekehrtes, provinzielles sein. Das macht ihn nicht zum Nazi, wohl aber zur Gefahr für Toleranz, Kosmopolitismus und Gleichstellung.
&button;

wallpaper-1019588
[Comic] King in Black [3]
wallpaper-1019588
Schickes Design-Smartphone Gigaset GS5 erscheint im November
wallpaper-1019588
Jens Lossau & Jens Schumacher – Der Luzifer-Plan
wallpaper-1019588
Vietnam Streetfood: Meeresfrüchte, Muschel und mehr