Es gibt immer zwei Möglichkeiten

Es gibt immer zwei Möglichkeiten Wir schreiben das Jahr 1940. Vier Menschen befinden sich auf der Flucht. In einer schwarzen, offenen Limousine, die schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Das Setting hat, wer es so sehen will, einen hohen Aktualitätsbezug. Auch heute sind Menschen auf der Flucht, die Wenigsten von ihnen aber in einer abgetakelten Edelkarosse. Die Erfahrungen der Verfolgung und dann im Exil, sowie der Wunsch, in Frieden so rasch wie möglich ein neues Leben beginnen zu können, ähneln sich jedoch bei jedem Krieg. Egal ob sich Flüchtlinge mit Limousinen, Bussen oder zu Fuß auf ihren Weg in die Ungewissheit machen. Im Theater Scala ist derzeit „Jacobowsky und der Oberst“ zu sehen, die „Komödie einer Tragödie“ von Franz Werfel, die dieser zwischen 1941 und 1942 schrieb. Vor Kurzem erst stand seine „Blassblaue Frauenhandschrift“ im Theater Spielraum auf dem Programm, was zeigt, wie aktuell seine Themen heute leider wieder sind.

Ein Flüchtlingsstück anno 1940 mit Aktualitätsbezug

Bruno Max, Theaterdirektor und Regisseur der aktuellen Produktion, wollte mit seinem Ensemble ein Stück über Flüchtlinge machen. Aber keines über Syrien, was seiner Meinung nach à priori nur betroffene Mienen ausgelöst hätte. So entschloss er sich zu Werfels grandioser Tragikkomödie, bei der jedoch – trotz aller tragischer Thematik – reichlich Humor zum Einsatz kommt. Die Geschichte ist bekannt: Ein aus dem Osten stammender Jude namens Jakobowsky befindet sich in Paris auf der Flucht vor den einrückenden Deutschen. In einem Hotel, in dem er abgestiegen ist, wohnt auch der polnische Oberst Stjerbinsky mit seinem ehemals leibeigenen Adjutanten Szabuniewicz. Da Jakobowsky nicht Autofahren kann, lädt er den Oberst ein, mit ihm in seiner frisch erworbenen Karosse nach Westen, an den Atlantik zu fliehen. Auf der Flucht macht der Oberst jedoch noch Halt bei seiner Geliebten – Marianne Deloupe – die sich angesichts der anrückenden Truppen mit auf die Reise begibt. [caption id="attachment_24739" align="alignleft" width="640"]Es gibt immer zwei Möglichkeiten (Fotocredit: Bettina Frenzel)[/caption] Werfel ist bekannt für seine unerwarteten Handlungswendungen, aber auch für eine Sprache, die in ihrer eleganten Geschliffenheit so manches herrliche Bonmot bereithält. Die meisten davon kommen aus Jakobowskys Mund, denn der Mann in den besten Jahren musste nicht nur schon mehrfach fliehen, er hat sich trotz aller Wirrnisse, die ihm das Weltgeschehen bereitete, seinen feinen, jüdischen Humor bewahrt. Und er lebt getreu nach der Maxime: Es gibt immer zwei Möglichkeiten im Leben.

Eine Besetzung vom Feinsten

Hermann J. Kogler, der vor rund einem Jahr in "Tannöd" noch als tyrannischer, unsympathischer Bauer auf der Scala-Bühne agierte,  schlüpft dieses Mal in einen komplett gegensätzlichen Charakter. "Manche wünschen sich, Hamlet zu spielen. Mein Traum ist mit Jakobowsky in Erfüllung gegangen", erzählt Kogler bei einem kurzen Gespräch. Der Mann hat Recht. Sein elegantes Auftreten, gepaart mit dem tiefgründigen Witz und der berührenden Menschlichkeit, die Werfel in die Rolle legte, lassen ihn als wunderbare Flüchtlings-Identifikations-Figur erscheinen. Dass ihm Werfel auch so manches Glück in den Schoß fallen lässt, verstärkt noch die Sympathien, die das Publikum ihm im Handumdrehen entgegenbringt. Ob er die Spannungen im Pariser Hotelkeller während eines Bombenalarms mit einer Schachtel „marrons glacées“ entschärft, ob er im rumpelnden Fahrzeug aufgrund der wilden Fahrkünste von Oberst Stjerbinsky um sein Leben bangt, ob er Marianne zu Füßen voller Grandezza im Auto Platz nimmt, oder sich geistesgegenwärtig bei einer Gestapo-Razzia in einem Café ins Damenklo versteckt, immer trägt er dabei eine Liebenswürdigkeit in sich, an der jedes Ungemach ganz wie von selbst abprallt. [caption id="attachment_24743" align="alignright" width="640"]Es gibt immer zwei Möglichkeiten (Fotocredit: Bettina Frenzel)[/caption] Alexander Rossi spielt seinen Gegenpart, Oberst Stjerbinsky unerschrocken und mit Elan, bis er sich schließlich, um den Deutschen zu entkommen, als Blinder und später als Verrückter ausgeben muss. Auch ihm nimmt man seine Gefühlsausbrüche und Eifersüchteleien in jedem Moment ab. Einziger Wermutstropfen in seiner Interpretation ist, dass ihm ab und zu das polnische Idiom abhandenkommt. Robert Stuc, sein leibeigener Adjutant Szabuniewicz hingegen, brilliert nicht nur mit dieser Fähigkeit. Bruno Max ist ein meisterlicher Rollenbesetzer, denn der groß gewachsene, hagere Stuc, der seinem Herrn, aber auch seinem Lebensschicksal ganz ergeben ist, verkörpert diesen Charakter mit jedem Zentimeter seiner Erscheinung - vom blankpolierten Kopf bis zu den bestiefelten Füßen. Martina Dähne darf als Marianne Deloupe eine Charakterwandlung erfahren. Die weltfremde, mondäne Frau, die außer von ihrer romantischen Liebe nichts wissen möchte, entwickelt sich im Laufe der beschwerlichen Flucht zu einer selbstbewussten Dame und lässt dies das Publikum auch über den Bühnenrand hinweg spüren. Es gibt immer zwei MöglichkeitenDie Inszenierung lebt darüber hinaus auch von der personell großen Besetzung – es spielen insgesamt 16 Personen, sowie dem sehr klugen, illustrativen schwarz-weißen Bühnenbild von Sam Madwar. Auch die Kostümwahl, ganz den 30ern verpflichtet, von Alexandra Fitzinger tut ein Übriges, um diesen Abend vollkommen rund erscheinen zu lassen. Die schwarz-weiß-Einspielungen der Wochenschau aus jenem Jahr vermitteln größtmögliche Authentizität und lassen die Umbauten hinter dem Vorhang extrem kurz erscheinen.

Werfel ist und bleibt brillant

„Jakobowsky und der Oberst“ im Theater Scala ist eine Inszenierung, die zwar in der Zeit bleibt, in der sie Franz Werfel angesetzt hat. Dennoch wirkt sie kein bisschen gestrig. „Sie sind ein starker Charakter, ich nur ein nervöser Mensch.“ Der Autor lässt dieses Statement zu Beginn Jakobowsky dem Oberst gegenüber machen. Dass sich im Laufe der Handlung diese Selbstcharakterisierung bei beiden Männern ins Gegenteil verwandelt, ist nur ein Beispiel von vielen, welche die dramaturgische Brillanz des Autors und damit zugleich auch seine literarische Größe aufzeigen. Im Leben gibt es immer zwei Möglichkeiten: Wer das Stück von Franz Werfel kennt, der darf sich auf ein Wiedersehen freuen. Für wen dieses Stück Neuland ist, der wird nicht nur mit einer umwerfenden Geschichte, sondern auch mit einem herausragenden Theaterabend beglückt werden. Weitere Termine auf der Homepage des Theater Scala.

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